Modebewußt nach Maß
Wenn Sie mir das Ding da in einen Anzug machen", warnte ein Twen seinen Maßschneider, „sind wir geschiedene Leute Mit dem „Ding" hatte er ein Kennzeichen gemeint, das sich die europäischen Herrenschneider unlängst als elitären Werbegag ausgedacht haben damit es „Ihren Maßanzug unverwechselbar ausweist — dezent und dennoch eindeutig Das Kennzeichen ist ein „völlig neues Reversknopfloch mit runder Öffnung in der Mitte".
Das Loch ist gesetzlich geschützt, damit nicht jeder Konfektionär das Snob Symbol auf Massetvware übertragen und dem Handwerker die Schau stehlen kann. Die Konfektionäre sprechen von „Gemeinheit" und sollen, wie zu hören war, schon viel Geld geboten haben, um den Schneidern das Knopflochprivileg abzukaufen. Wenn sich jedoch viele so heftig gegen das „Ding" sträuben (wie der Twen), dann besteht wohl kaum die Gefahr eines Knopflochkrieges — so amüsant das gewiß auch wäre.
Bei einem Treffen der „Arbeitsgemeinschaft des Bekleidungshandwerks im Bundesgebiet e V " in Rottach Egern, wo die Landesinnungsmeister des Herrenschneiderhandwerks unter der goldenen Oktobersonne Erfahrungen, Erfolgsmeldungen und Sorgen austauschten, winkten denn auch einige Meister beim Thema Knopfloch ab — die Kunden wollten das gar nicht alle; auf diese Art von Prestigebeweis könnten sie verzichten. Wer sind die Kunden der Maßschneider, welche „Kreise" lassen heute von Hand arbeiten? „Alle", erfährt man, Bankiers und Rechtsanwälte, Kaufleute, Vertreter, Lehrer, Schauspieler und Handwerker. Einer erzählte von einem Plattenleger, der sich regelmäßig vier Anzüge im Jahr machen lasse „Intellektuelle kommen weniger", hieß es aber auch, und deutlich wird ihr mangelhafter Sinn für die gepflegte Erscheinung gerügt „Arbeiter kommen eigentlich auch nicht", sagt jemand anders, und dafür hat man dann schon wieder Verständnis, denn immerhin kostet ein Maßanzug, je nach Stoff, im Durchschnitt zwischen vierhundert und tausend Mark, ein Maßmantel zwischen sechshundert und zwölfhundert Mark.
Dennoch gibt es keinen Zweifel, daß sich der Kundenkreis der Maßschneider verändert. Vor ein paar Jahrzehnten, als es die Konfektion noch weithin an Attraktivität hatte fehlen lassen, gehörte es für bessere Leute zum guten Ruf, Maßkleidung zu tragen. Wer damals diesen Ruf mit bestimmte, hatte meistens auch Geld, oder umgekehrt. Man pflegte, äußerlich, das Image seiner Kaste.
Heute ist das anders, die Nivellierung geht weiter und vermindert das Kastenbewußtsein. Statt dessen jedoch, so fanden die Meister, „steigt das Modebewußtsein", das Modebewußtsein des einzelnen wohlgemerkt, der sich von der Masse zumindest optisch abheben will.
Es gibt bei fast allen Maßschneidern den (dankbaren) Kundenstamm der Korpulenten und der Konservativen, aber es gibt auch andere. „Manche", sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, „haben einfach die ewige Gleichmacherei satt, sie wollen etwas Persönliches, Schönes, Unverwechselbares Mit Prestige habe das nichts mehr zu tun. Wer weiß.
Daß es etwas mit Eitelkeit zu tun hat, streitet niemand ab: „Wir kennen sie, die Männer, wie sie sich vor dem Spiegel hin- und herdrehen, wie sie aufpassen, daß sie auch ja schön genug aussehen", bekannte ein munterer Schwabe, der eine silberne Schere als Krawattennadel trägt. Die Schneider mühen sich nach Kräften, das Schönheitsideal unserer Tage jedem paßgerecht zu machen; alles werde getan, um den Mann jung, vital und schlank erscheinen zu lassen. Wohl amüsieren sich Schneider ein bißchen über eitle Männer, aber natürlich hat niemand etwas dagegen: Wer Spaß an der Mode hat und sich für die Verpackung seiner selbst interessiert, ist ein angenehmerer — und ein besserer — Kunde als einer, der nur zum Schneider geht, weil er glaubt, daß es seiner Stellung entspreche. Besonders junge Männer haben heutzutage ziemlich feste Vorstellungen davon, wie sie aussehen möchten. Das bestätigen die Verkäufer in den Kaufhäusern. Gesucht wird so lange, bis sie gefunden haben, was sie haben wollten.
- Datum 07.11.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.11.1969 Nr. 45
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