Madeira auch im Dezember "...alle Blumen in voller Pracht"
Winterluft von 16 bis 20 Grad Von Ursula Schülke
Es ist gar nicht so einfach, den Schellenbaum einer deutschen Marinekapelle zu beschreiben, schon gar nicht in französischer oder englischer Sprache. Der Portugiese versuchte es trotzdem, denn dieses merkwürdige Instrument ist Teil seiner Kindheitserinnerungen „Die Platzkonzerte der Deutschen haben damals viel Eindruck gemacht", sagte er, „der Rhythmus schoß uns allen in die Glieder. Und ich weiß es noch genau: wenn ihr Schiff den Häfen von Funchal wieder verließ, blieb in den Gassen der Stadt ein Geruch zurück, der hier ganz ungewohnt war. Die Deutschen rauchten einen so merkwürdigen Tabak Er hat auch noch das Wort im Ohr, 4as mit dem Zigarrengeruch in engstem Zusammenhang stand: „Forca pela alegria " Madeira war der Star unter den Reisezielen von Robert Leys Touristikunternehmen „Kraft durch Freude". Es sorgte dafür, daß in den dreißiger Jahren deutsche Touristen in Scharen auf die Insel strömten, die bis dahin als Reservat für begüterte Engländer galt. Ein Vierteljahrhundert später schrieb Gustaf Gründgens, der auf Madeira das lange gesuchte Refugium gefunden hatte: Es ist hier ganz anders als in Italien, Sehr gepflegt, sehr englisch, Insel sehr reich. Keine Deutschen, alle Blumen in voller Pracht " Sätze, die er auch heute noch schreiben könnte. "Wort für Wort — bis auf zwei. Gegenwärtig gibt es kaum ein deutsches Touristikunternehmen, das in seinem Programm auf, Madeira verzichten würde. Und immer noch sind Premieren möglich: Am 29. Oktober startete Paneuropa seinen Erstflug nach Madeira — als erstes Reiseunternehmen, das seinen eigenen Jet einsetzte — eine Super BAC 1 11. Und da sich die nordeuropäische Bereitschaft, der trübkalten Jahreszeit ein paar sonnenhelle Wochen abzuluchsen, weiter zu steigern scheint, krempelten die für den Tourismus zuständigen Portugiesen die Ärmel hoch und genehmigten schnell die Pläne, die andere machten.
Zwischen der Hafenstadt Funchal und dem. vom Ferienmaler Winston Churchill auf Leinwand verewigten Fischerdörfchen Cämara de Lobos wächst ein Hilton Hotel heran. Zwischen Funchal und Santa Cruz ist eine kanadische Gesellschaft dabei, Ferienunterkünfte zu errichten. Der Bau von Hotels imd Bungalows in Machico am Südostzipfel der Insel ist italienischer Initiative, zuzuschreiben. Die deutsche „Gontracta" fühlt sich mit ihren Bungalows auf Madeira schon ganz wie zu Hause 1. Eiii Hotel mit Bridgeklub und Einkaufszentrum wird von den amerikanischen „Holiday Inns" in zwei Jahren fertiggestellt sein. Sheraton zieht nach. Der „Club Naval do Funchal" wird 1970 mit dem Bau eines Hochseejachthafens plus Schwimmbad und Restaurant beginnen. In Funchal selbst werden mehrere kleine 60- bis 80 Betten Hotels, in der näheren Umgebung Appartement- und Terrassenhäuser entstehen. Die Gesamtbettenzahl soll von gegenwärtig 3000 auf 7000 anwachsen und der vor fünf Jahren eröffnete Flughafen erweitert werden.
Alles in allem: Das Rennen um die Gunst sonnenhungriger Urlauber wird in internationaler Besetzung gelaufen. Das Ziel ist in Reichweite — die Höhe der Häuser gewissermaßen auch; Wolkenkratzer sind nicht erlaubt. Um so mehr ist man darauf bedacht, die Zahl der bereits vorhandenen Schwimmbäder zu vergrößern, denn — Madeira hat keinen Strand. An drei Stellen der Insel gibt es zwar etwas, das man so nennen könnte, nur sind diese schmalen Streifen mit Ausnahme von etwa 80 Metern bei Prainha nicht gelb, sondern schwarz. Ein Hinweis darauf, daß die 5 7 Kilometer lange und 22 Kilometer breite Insel vulkanischen Ursprungs ist.
Aber geschwommen wird trotzdem — das ganze Jahr hindurch. Abgesehen vom öffentlichen „Lido" und dem Schwimmbad des „Club de Turismo" haben verschiedene Hotels heute schon eigene Meerwasserschwimmbäder. Auf dem Dach, im Garten, oder, wenn das Hotel auf hohem Fels am Meer liegt, per Lift zu erreichen. Eines der drei Becken des gediegenen alt englischen „Reids Hotel" ist sogar heizbar — für den Fall, daß Aber das vom Golfstrom, bestimmte subtropische Klima sorgt dafür, daß man sich auch im Winter auf 16 bis 20 Grad Lufttemperatur verlassen kann. Entsprechend angenehm ist das Wasser, entsprechend üppig die Vegetation. Formen und Farben der Blumen stürzen den Winterurlauber entweder in wortreiches Entzücken oder sprachloses Staunen. Der deutsche Tourist kommt von dem Gedanken an die „Weihnachtssterne" nicht los, die er daheim in der Adventszeit als seidenpapierumhullte Einzelexemplare zu verschenken pflegt. Hier findet er sie als Blüten wieder. Scharlachrote Fülle, die abgelöst wird von Hibiskus in Rosa, Hibiskus in Gelb, Hibiskus in Rot. Oleanderbäume, hoch wie Kastanien. Bignonien in leuchtendem Orange. Am Boden Blaues, Weißes, Gelbes Wer den Versuch macht, sich Namen zu merken, wird es schnell wieder aufgeben. Auf Madeira ist jeder Schritt der Schritt durch einen botanischen Garten. Nicht weniger erregend die Gärten der Nützlichkeit: AnanasOrangen, ZitronenFeigen. Mango, Avocados. Und natürlich Wein. Trauben, die zu süß sind, um Tischwein herzugeben; ihre Endphase ist der in aller Welt begehrte Malvasier, Sercial, Boal. Bananen in großendichten Plantagen. Und Zuckerrohr Immer wieder Zuckerrohr. Palmen? Sowieso, , Im Innern der Insel Berge Mit Ausnahme der bis zu 1800 Meter hohen Felsen terrassiert, kultiviert, bewohnt. Kleine weiße Häuser mit roten Dächern auf immergrünem Grund, unzählige. Eukalyptus, Pinien, Zedern: ausgedehnte Wälder. Man kann sie zu Fuß durchwandern oder auf ausgezeichneten Autostraßen befahren, entweder mit häufig genug verkehrenden Autobussen oder mit einem Mietwagen, der gegenwärtig pro Tag einschließlich Treibstoff und Versicherung 38 Mark kostet - , , Von zwei Männern in einer Hängematte getragen zu werden ist sicherlich nicht jedermanns, sondern vorwiegend Sache derer, die zu Hause besonders originelle Photos vorzuweisen wünschen. So findet diese Art der Fortbewegung, die in den zum Teil an steilen Hängen gelegenen Siedlungen für den Transport von. Alten und Kranken eine Notlösung; ist, noch immer ihre Liebhaber, genauso wie der Ochsenschlitten, der in Funchal die Rolle spielt die in Wien dem Fiaker zufällt. Etwas sportlichere Naturen werden sich kaum das Vergnügen versagen, für vier Mark mit dem Korbschlitten über das glattgeschliffene Basaltpflaster von Monte nach Funchal zu rattern, von zwei „Kulis" begleitet, gesteuert, beschleunigt, gebremst Man sollte nicht allzu ärgerlich sein, wenn man beim Einsteigen mit Blumen beworfen wird, von Kindern, die ihre Hände bettelnd hinterherstrecken. Und man sollte es nicht als Belästigung empfinden, wenn einem beim Aussteigen Madeira Stickereien entgegengehalten werden oder eifrige Touristenbesehwörer zum Kauf von Madeira Wein animieren. Man bedenke: die nordafrikanische Küste ist der Insel näher als die europäische. Ein bißchen Beschwatzen, Verhandeln, Am Ärmel gezüpftWerden hat Basarcharakter und paßt durchaus :indie Landschaft. Mit der holprigen Korbschlittenfahrt hört übrigens das, was mäa Attraktionen zu nennen liebt, auch schon auf. Und damit fängt die Sorge gewisser Ferien Kriüller Sucher auch schon [an. Dem traditionellen Silvesterfeuerwerk, das der Insel jahrein, jahraus volle Hotels und vor Funchal ankernde volle Schiffe sichert, gestehen sie nocheinige Anziehungskraft zu. Einer Tanzbar, die sich „Gemini" nennt und lukenähnliche Türen zu bieten hat, bestätigt man gnädig guten Willen zu modernem Stil. Aber sonst? Kasino? Roulett?, Alter Hut. Wasserski, Unterwasserjagd, Tennis, Golf? Alles zu haben. Aberauch das genügt offenbar nicht, etwas mehr Jugend auf die „Insel der älteren Generation" zu locken. Ein Walfisch könnte sie noch reizen, hört man. Ab und zij werden tatsächlich welche gesichtet und auch gejagt, aber die grauen Riesen kommen natürlich nicht alle Tage vorbei. Was tun? . Am besten gar nichts Es könnte ja sein, daß auch junge Leute eines Tages merken, daß es überflüssig ist, Madeira durch Attraktionen bereichern zu wollen, und plötzlich begreifen:, die Insel selbst ist Attraktion genug. Vielleicht noch ein paar Tips? Den Markt von Funchal nicht versäumen. Das exotische Abenteuer genießen, optisch, akustisch. Die portugiesische Küche erproben und nicht traurig sein, wenn es sich als sinnlos erweist, die Rezepte für diese Köstlichkeiten zu notieren, weil hierzulande einfach nicht zu haben ist, was dort so gut schmeckt Den Fischer suchen, der, sich (gar nicht weit von Funchal) eine Betonhütte baute und auf irdenen Tellern eine Fischsuppe serviert, die auch Feinschmeckerherzen höher schlagen läßt - Die heiter liebenswürdigen Inselbewohner nicht selbstverständlich finden; ihre wohltemperierte Freundlichkeit erleben als das, was es ist: eine Seltenheit.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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