Bach-Fuge in Riga
Die Benutzung von Photoapparaten und Fernglisem während des Fluges ist verboten", teilte die Stewardeß über den Lautsprecher der Iljuschin 18 mit. Dann starteten wir nach Riga. Wenn ich mich recht erinnere, ist das Fernglasyerbot vor etwa einem halben Jahr in das Befrüßungs Verschen für die Passagiere von Aeroot aufgenommen worden. Allerdings wird der Reisende nicht auf allen Strecken daran erinnert, daß er das Sowjetland aus 10000 m Höhe nicht mit dem Fernglas nach militärischen Objekten absuchen soll. Ob es Absicht ist, wenn diese Ermahnung ausbleibt, oder ob lediglich die Bordyorschriften veraltet sind — wer kann das wissen? Nach Riga, in die Hauptstadt Lettlands, darf der Ausländer aus Moskau mit der Bahn fahren oder fliegen; nach Tallinn, in die Hauptstadt der Sowjetrepublik Estland, oder wie es früher hieß: nach Reval s darf er nur per Eisenbahn. Von Riga könne man nach Tallinn fliegen, wohl auch von Leningrad, sagte die eine Behörde. Leningrad ist für Diplomaten und Korrespondenten zur Zeit gesperrt, sagte die andere. Auch stellte sich heraus, daß Tallinn von Riga oder Leningrad aus anzufliegen nur ausländischen Touristen gestattet ist, nicht Korrespondenten. So hatte es mehrere Tage in Ansprudi genommen, ehe wir für die Reise nach Riga und Tallinn alle Papiere und Tickets gesammelt hatten. Es ist gut, erst Riga, und dann Tallinn zu sehen; so ist es, wenn man aus Moskau kommt, eine Steigerung, anders herum wäre es ein Absturz.
Was für einen Markt gibt es zum Beispiel in Riga! Der beste Markt in der Sowjetunion, behaupten stolz die Letten. Ich glaube es, nachdem ich Märkte in allen Himmelsrichtungen dieses Landes gesehen habe, nachdem ich im September in Moskau gesehen habe, wie eine alte Frau eine einzige Tomate kaufen wollte, weil Tomaten so teuer sind. Der Verkäufer lehnte den Verkauf einer einzelnen Tomate kaltschnäuzig ab.
Der Markt in Riga ist auf fünf große Hallen, ehemalige Flugzeughallen, und ein großes Freigelände ausgebreitet, Obst und Gemüse in Hülle und Fülle, in guter Qualität und billiger als in Moskau. Und Fleisch! Schwein, Kalb, Hammel, sauber zerlegt, das Fleisch nach anatomischen und kulinarischen Gesichtspunkten zerschnitten und nicht nur kreuz und quer in Stücke gehauen wie wiederum- es tut mir schon leid zu sagen — in Moskau üblich. Eine ältere Frau sagte in ejnem unverfälschten Baltendeutsch: „Wir Letten haben uns immer wieder hochgeschafft, nach dem l. Weltkrieg und auch jetzt wieder Diese Bescheidenheit! Die Frau reinigt die städtischen Parks für 60 Rubel im Monat, 25 Rubel verdient sie sich mit anderer Arbeit dazu — das ist Existenzminimum, nicht mehr. Wie man davon überhaupt leben kann — der Reisende begreift es nicht.
Wir stehen an der Dwina. Angler aufgereiht am Ufer, geduldig wie in aller Welt. In der Silhouette ist Riga am schönsten, Türme im Schmuck des Grünspans, spitze Giebel, Reste einer Befestigung, Kirchen. Das Bild einer alten Hansestadt Über dem mächtigen Stumpf der Petrikirche ragt ein Baukran. Er dreht sich selten, denn die Wiederherstellung des einstmals berühmten Glockenturms geht sehr langsam voran. Wenn das im 13. Jahrhundert begonnene Bauwerk restauriert sein wird, soll ein atheistisches Museum darin Platz finden, meinen ginige Rigenser. Denkbar, denn schließlich ist die große russisch orthodoxe Kirche im Stadtzentrum ja auch ein Wissenschaftspalast geworden. Nachdem die Kreuze abgeschlagen waren, eignete sich die Kuppel vorzüglich als Sternwarte. Der Dom wurde zum Konzertsaal. Viermal wöchentlich gibt es in der größten Kirche der baltischen Länder Orgelkonzerte. Das Kirchenschiff ist vollgestellt mit Stühlen, nur an der Seite sind die hohen, harten und schmalen Holzbänke aus protestantischen Zeiten stehen geblieben. Das Publikum sitzt mit dem Blick zur Orgelempore. Einen Altar gibt es nicht mehr. Fast zu jedem Konzert sind die mehr als tausend Plätze besetzt: eine bescheidene, zurückhaltende und dankbare Gemeinde der Orgelfreunde. Ein dreimaliges Klingelzeichen ruft sie auf ihre Plätze, dann ein schwacher Gong, das Konzert beginnt. Eine mächtige, aus Süddeutschland stammende Orgel füllt mit großem Klangkörper den gewaltigen gotischen Raum. Bachs Passacaglia und Fuge c Moll habe ich schon besser gehört, aber der Eindruck in dieser Kirche ist stark. Beifall rauscht auf, der Organist zeigt sich an der Empore, verneigt sich. Ein paar Omnibusse aus der Umgebung verlassen langsam den Domplatz, mit eigenem Auto war keiner gekommen.
Der Domplatz hat die Atmosphäre einer gepflegten alten Stadt behalten. Ein Cafe neu, aber auf alt gemacht, ist da; der Kaffee schmeckt vorzüglich. Daneben ein Gottfried HerderDenkmal, mit Blumen geschmückt. Rund um einige andere Kirchen sind zwar Scheinwerfer aufgebaut, die für die Touristen Postkarter romantik aus Giebeldächern und Turmspitzen zaubern sollen, aber ein Bummel durch die winkligen Gassen der nach dem Kriege verbliebenen Altstadt bei Tage ist ernüchternd. In den, Fensterhohlen der Kirchen steht rostiges Blech, aus den Mauern bröckelt der Stein, von den Fassaden der alten Kornspeicher blättert der Putz. Haustüren und Fensterrahmen sind altersgrau — ein Arme Leute Viertel.
Auf einigen Kahlschlägen des Krieges sind inzwischen neue Gebäude gewachsen, nicht immer nehmen sie Rücksieht auf die Eigenart der RigaaAltstadt, aber sie bezeugen in aller Sachlichkeit einen ästhetischen Sinn. Das ist mir auch in Rigas Neubauvierteln aufgefallen: Man hat sica Mühe gegeben, durch Variierung der Fassader:, der Balkons und der Farbtöne die lähmende Uniformität zu durchbrechen, die mit genormtei Wohnblocktypen von Brest bis Wladiwostok alle Städte der Sowjetunion auszeichnet.
Die Letten wollen ihre Individualität behalten. In Rigas Prachtstraße begreift man, was das heißt, begreift man Vergangenheit und Gegenwart. Einst hieß sie Alexanderstraße, denn Riga gehörte fast 200 Jahre lang ununterbrochen zu Rußland. Die lettische Unabhängigkeit 1919 trug ihr den Namen Straße der Freiheit ein, die deutsche Besatzung bescherte ihr den Namen Hitlers, heute heißt sie Leninstraße.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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