Biel zum Beispiel

Jörg Steiners neues „Geschichtenbueh' Von Ernst Nef

Etwas Zusammenhängendes erzählen — das macht den modernen Erzählern Mühe. Wohl kaum, weil sie weniger orientiert wären über die Zusammenhänge von Begebenheiten als ihre Kollegen früherer Zeiten. Im Gegenteil: je mehr Zusammenhänge und Abhängigkeiten bekannt sind, je bedingter die Begebenheiten des Lebens erscheinen, desto schwieriger wird es, etwas Zusammenhängendes zu erzählen. Alfred Döblin sah schon vor fünfundvierzig Jahren die Schwierigkeit: „Greife ich einen einzelnen Menschen heraus, so ist es, als wenn ich ein Blatt oder ein Fingerglied betrachte und seine Natur und Entwicklung beschreiben will. Aber sie sind gar nicht so zu beschreiben; der Ast, der Baum, oder die Hand und das Tier muß mitbeschrieben werden " Döblin stellt es noch recht einfach dar „Der Ast, der Baum, oder die Hand und das Tier muß imtbeschrieben werden": das kann ja schließlich vom Hundertsten ins Tausendste führen. Kaum Unwissenheit belastet das Erzählen von Geschichten heute, sondern der Konflikt des seiner Natur nach endlichen Erzählens mit der Erfahrung der tatsächlichen Endlosigkeit möglicher Zusammenhänge.

Wenn ein moderner Erzähler seinem Buch den harmlosen Untertitel „Ein Geschichtenbuch" gibt, versteht es sich mittlerweile jedenfalls fast von selbst, daß diese Harmlosigkeit trügerisch, vielleicht bloße Koketterie, gewiß aber nicht im herkömmlichen Sinn beim Wort zu nehmen ist — Jörg Steiner: „Auf dem Berge Sinai wohnt der Schneider Kikrikri" — Ein Geschichtenbuch; Luchterhand Verlag, Neuwied; 139 S, 12 80 DM.

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Jörg Steiner ist noch nicht so bekannt, daß sich ein bio bibliographischer Hinweis erübrigte. Er ist Schweizer, 1930 geboren, in Biel aufgewachsen, Wo er heute noch, oder besser wieder, lebt. Er hat vornehmlich als Lyriker angefangen, erst 1962 erschien sein erster Roman „Strafarbeit"; 1965 Gedichte, „Der schwarze Kasten"; 1966 der Roman „Ein Messer für den ehrlichen Finder". Steiners Bücher spielen in der Gegend, in der er aufgewachsen ist.

In der Schweizer Kleinstadt, genauer: in Biel und dessen Umgebung, wird hier Welt erfahren. „Das machen die Leute vom BLICK (das Schweizer Pendant zur ,Bild" Zeitung) umgekehrt. Sie schreiben von Rassenkrawallen in Amerika, um die Leser von der eigenen Unruhe abzulenken", heißt es in einer der Geschichten aus „Auf dem Berge Sinai ". Steiner gibt mit Bedacht unmittelbare Erfahrung aus seinem eigenen Lebenskreis als solche erkennbar wieder.

Viel Grund zu „eigener Unruhe" findet der Leser in den Geschehnissen dieser „Geschichten" dann allerdings doch nicht. Nichts Sensationelles geschieht. Auch das ist offenbar Absicht; denn das einzige Ereignis, das ein wenig nach Sensation schmeckt im ganzen Buch, wird so weit wie möglich heruntergespielt: Die Hauptfigur, ein Lehrer, muß seinen Beruf wechseln; aber nur ganz beiläufig wird berichtet, weshalb, und auch dann lediglich unter Bezugnahme auf Gerüchte; geheimnislos taucht der ehemalige Lehrer später im Buch einfach als Versicherungsvertreter auf. Steiner erzählt keine einzige zusammenhängende Geschichte. Der Titel „Ein Geschichtenbuch" trifft dennoch zu, und zwar auch von der ganz naiven, unmittelbaren Erfahrung beim Lesen her gesehen „Auf dem Berge Sinai ist ein Buch voller Geschichten, die aber nicht nur jeweils einem Erzählzusammenhang zugeordnet sind. Ihre Elemente, die einzelnen Ereignisse, stehen vielmehr mit vielen anderen aus ändern Zusammenhängen in Verbindungen. Steiner erzählt etwa so: „Gewiß kennt sich Herr F in den allgemeinen Versicherungsbedingungen seiner Gesellschaft aus. Oft erwartet er einen zukünftigen Kunden im Domino zum Mittagessen. Immer um halb zwölf kommen die Sanitäter von der Kaserne, schwingen ihren Gürtel und rufen schon unter der Tür nach der Bedienung. Mittagessen gibt es um eins. Herr F wartet. Ein chronischer Katarrh, eine dumme Liebesgeschichte können ihn zum Berufswechsel gezwungen haben. Er sieht nicht aus wie einer, der Grund hat, Häuser anzuzünden; im Gegenteil. F, der ehemalige Lehrer und jetzige Versicherungsvertreter, raucht immer nach dem Essen eine Zigarette. Auch Filterzigaretten sind nicht ungefährlich. In Zuchthäusern, Kirchen, Spitälern, Schulen und Garagen ist Rauchen verboten; in Gaststätten, Wartesälen und in den meisten Privathäusern ist Rauchen gestattet. Seit Jahren raucht Herr F. Parisiennes. Er hält der Parisiennes die Treue. Parisiennes Doppelfilter; Herr F legt die Zigarette auf den schwarzen Glastisch, er nimmt sie mit zwei Fingern auf und zündet sie an. Er zieht eine Schachtel Schwedenstreichhölzer aus der Tasche; schwedische Sicherheitszündhölzer, Man svafel och fosfor " Nicht Stiftersche Demut waltet hier in den Details, sondern Einsicht in die Vielseitigkeit alles einzelnen. In dem Cafe Domino am Mittagstisch ist zum Beispiel der schwedische Aufdruck auf der Zündholzschachtel gewiß belanglos; für Herrn F bedeutet — wie der Leser von ändern Stellen her in der Erinnerung zusammentragen kann — „Schweden" eine ganze Reihe von Begebenheiten (unter anderem hat seine Frau in Stockholm einen Turnlehrerinnenkürs besucht, bevor sie sich von ihm scheiden ließ).

Gleicherweise sind auch die eigenartigen Titel der einzelnen Teile und des ganzen Buchs zu verstehen Es sind keine bedeutungsvollen Titel. „Auf dem Berge Sinai sitzt der Schneider Kikrikri" ist ein Stück aus einem Abzählvers, der in einer der „Geschichten" — und dort keineswegs an zentraler Stelle — vorkommt. Gleich steht es mit den ändern Titeln. Das belanglose Detail in gewichtiger Titelstellung: in diesem Widerspruch drückt sich die Spannung aus zwischen der potentiellen Vielseitigkeit jedes Details und der Eindeutigkeit, in die jeder Zusammenhang es zwingen möchte.

Die Sicherheit des Eindeutigen wird in Steiners Welt aufgehoben. Und daher rührt auch die „eigene Unruhe", die der Leser in diesen Geschichten findet. Am Widerstand der nicht begriffenen Wirklichkeit scheitert der Versuch des Vereindeutigens. An deren Fülle; deshalb wird gerade das scheinbar Vertrauteste, wird die Heimat zum Gegenstand der Auseinandersetzung. Und daher fällt auch eine „Geschichte" dieses Buchs, die von einem Amerikaner in einem Ausbildungslager in Nevada handelt, deutlich vom übrigen ab. Vor einer ohnehin fremden, kaum bekannten Wirklichkeit verliert Steiners Erzählen sein eigentliches Thema.

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