Das Gewissen der Sowjetunion
Zum Ungeziefer degradiert: Alexander Solschenizyn / Von Gabriel Laub
Im zaristischen Rußland gab es, soweit ich weiß, keinen offiziellen Kaiserlichen Reichsschriftsteller Verband von der Art des heutigen sowjetischen Schriftsteller Verbandes. Sonst hätten von ihm viele bekannte Schriftsteller ausgeschlossen werden müssen: Alexander Puschkin „wegen Amoralität und Verunglimpfung der Staatsreligiiou"; Michail Saltykow Schtschedrin „wegen böswilliger Angriffe gegen das russische Beamtentum und öffentliche Institutionen"; Anton Tschechow „wegen fortwährender Verleumdung der russischen Realität, insbesondere in dem Bericht über seine Reise durch SschaHn"; und Leo Tolstoi „wegen Verbreitung pazifistischer Gedanken, die dem russischen Volk fremd sind und die Verteidigungskraft des Landes schwächen". Die russischen Machthaber und ihre Bürokraten hatten trotz ihrer Stumpfheit schon immer einen ausgezeichneten Sinn für literarische Werte — sie haben immer nur das Beste der russischen Literatur verfolgt. In der Sowjetunion existiert ein offizieller Schriftsteller Verband, also hat er Alexander Solschenizyn ausgeschlossen.
Die ganze kulturelle Welt empört sich darüber. Diese Empörung hat keinen Sinn, und das nicht nur deswegen, weil die Empörung der Welt bisher noch nie jemandem geholfen hat, schon gar nicht jemandem in Rußland. Der Schriftsteller Verband der Sowjetunion ist keine Interessenvereinigung der Literaten; er ist eine offizielle Institution, die ihre Mitglieder selber wählt. Die Regeln der Auswahl sind im allgemeinen die gleichen, nach denen man in den Obersten Sowjet auch Melkerinnen aus den Kolchosen delegiert, von denen man im voraus weiß, daß sie dort nichts sagen werden als das, was sie vom Parteisekretariat schriftlich zum Vorlesen bekommen, und wenn sie etwas kritisieren, ist das höchstens die Qualität der Melkvorrichtungen. Es ist durchaus verständlich, daß diese Institution jemanden ausschließt, der sich weigert, nach ihren Spielregeln zu handeln, auch wenn es sich dabei um den größten lebenden russischen Schriftsteller handelt; dann um so mehr. Viel eher könnten wir uns darüber empören, daß diese Institution in ihrem Namen noch immer das Wort „Schriftsteller" gebraucht.
Angeblich wurde in Moskau von offiziellen Stellen bekanntgegeben, daß Solschenizyn aus der Sowjetunion ausreisen darf. Es ist eine Erklärung, "die kein Risiko enthält. Erstens weil eine solche Erklärung noch nidjp beamtet daß man wirklich ausreisen kann; zweitens, weil es keinen anderen Schriftsteller gibt, der so mit der russischen Erde verbunden ist wie Alexander Solschenizyn.
Wahrscheinlich wurde keine andere Literatur in Europa i n der Neuzeit so sehr verfolgt wie die russische. Wahrscheinlich hatte keine Literatur der Welt ein so großes Gewicht in der Gesellschaft wie die russische. Das hat nichts mit der „geheimnisvollen russischen Seele" zu tun. Es ist ein Ergebnis der russischen Verhältnisse. Jahrhundertelang mußte die Literatur die nicht existierende Presse und alle anderen demokratischen Institutionen ersetzen. Jahrhundertelang war sie die letzte Zuflucht des Gewissens der Nation. Diese Verhältnisse verkrümmten Hunderte von Literatenseelen, sie vernichteten viele Talente, sie brachten viele Schriftsteller zum Wahnsinn und Selbstmord. Sie haben aber auch in jeder Epoche Schriftsteller geformt die die Bürde des Gewissens der Nation auf ihre Schultern genommen haben und zu seinem Sprecher und Symbol geworden sind. Das Gewissen des Rußlands der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts heißt Alexander Solschenizyn.
Er wurde 1918 geboren, ist Mathematik- und Physiklehrer, studierte Literatur in Gorkis Literaturinstitut. Während des Krieges war er Artillerieoffizier und wurde mehrmals ausgezeichnet. Im Jahre 1943 schrieb er in einem Brief von der Front einige unvorsichtige Sätze, die die Stalinsche Kriegführung kritisierten. Er wurde deswegen von der Front in ein Konzentrationslager im hohen Norden gebracht. Erst nach Stalins Tod wurde er — schwerkrank — aus dem Lager entlassen und in die Verbannung geschickt. Ein schreckliches Los, doch für Stalins Rußland nicht ntypisch.
Ende des Jahres 1962 erschien in der Moskauer Monatsschrift „Nowyj Mir" Solschenizyns Novelle 3in Tag irn Leben des Iwan Denissowitsch", die den Alltag des stalinistischen Konzentrationslagers schildert. Ich übersetzte damals dieseNovelle für die Prager Monatsschrift hundertzwanzig Seiten Übersetzung. Während dieser Zeit war ich unfähig, etwas anderes zu tun. Nachts wachte ich schweißgebadet auf, denn in meinen Träumen war ich Iwan Denissowitschs Mithäftling. Es ist eine grausame Welt in dieser Novelle. Ich kenne eine Anzahl Bücher über nazistische Konzentrationslager, eine Anzahl eindrucksvolle Bücher, aber keines ist wie dieses. „Iwan Denissowitsch" ist ein großes literarisches Werk. Seine Sprache ist ein Ur Russisch in den Wäldern Sibiriens und den hinterwäldlerischen Dörfern Mittelrußlands gesammelt; eine Sprache, die ein offizieller sowjetischer Schriftsteller, der mehrere Sprachen beherrschen muß — eine für sein Denken (wenn er sich diesen gefährlichen Sport leisten kann), eine andere für Gespräche im engsten Freundeskreis, eine noch andere für offizielle Reden und Schriften — nicht einmal ohne weiteres verstehen kann. Jedes Wort Solschenizyns ist wie aus lebendigem Holz geschnitzt.
„Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" konnten wir in Prag nur veröffentlichen, weil wir die ersten zwölf Seiten der Obersetzung in eine schon zum Druck freigegebene Ausgabe hereingeschoben hatten. Die Apparatschiks des Zentralkomitees der KPC konnten sich nicht entschließen, die ganze Auflage der Zeitschrift in die Papiermühle zu schicken, wegen eines Textes, der doch in Moskau veröffentlicht worden war. Nach dem „Iwan Denissowitsch" wurden in der Sowjetunion nur noch drei kürzere Novellen Solschenizyns veröffentlicht, alle im Jahre 1963. Alle späteren Werke kursieren nur in illegalen Abschriften. Nach diesen Abschriften wurden sie auch im Westen herausgegeben, dank der Tatsache, daß die Sowjetunion sich nicht an der internationalen Urheberrechts Konvention beteiligt.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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