Ein Ostberliner Schriftsteller über den westdeutschen Kulturbetrieb: Dem Ruin entgegen

Von Rolf Schneider

Setzen wir diesen Fall: Ein Jung Schriftsteller debütiert bei einem renommierten Frankfurter Verlagshaus mit einem Roman. Das Buch hält sich thematisch auf der Höhe zeitgenössischer Erfordernis. Das Buch ist formal gediegen, mißt man es an gesicherter Literaturtradition. Es erhält vierzig überwiegend inländische Kritiken. Zwölf sind positiv. Acht sind negativ. Der Rest kopiert die Texte der einen oder anderen Art oder übernimmt den verlagseigenen Waschzettel.

Setzen wir diesen Fall: Ein Jung Schriftsteller debütiert bei einem renommierten Frankfurter Verlägshaus mit einem Roman. Das Buch ist thematisch ohne aktuellen Anspruch. Das Buch ist formal belanglos oder verfehlt. Es erhält vierzig überwiegend inländische Kritiken. Acht sind positiv. Zwölf sind negativ. Der Rest kopiert die Texte der einen oder anderen Art oder übernimmt den verlagseigenen Waschzettel. - Natürlich ist da zunächst ein Unterschied, zwar nicht augenfällig, so doch errechenbar. Er ergibt sich aus der Zahlendifferenz von acht und zwölf. Aber der numerische Vergleich sagt noch nichts. Ohnehin gibt es allenfalls zwei Menschen, welche sämtliche vierzig Rezensionen zur Kenntnis nehmen: den Autor und den Pressemann des Verlagshauses: Der Verleger selber kennt höchstens zwanzig. Die Branchenprofis — andere Verleger, "andere Autoren, Redakteure, Agenten, Klatschmäuler — kennen sieben. Der potentielle Budiverkäufer kennt im Idealfall drei, im Normalfall eine.

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Die bloße Numerik muß aber vornehmlich deshalb versagen, weil sie Rezensionen von sehr unterschiedlichem Wirkungsradius als gleiche Größen zählt. Wirkung resultiert dabei nicht zwangsläufig aus dem Ruhm des Rezensenten. Wirkung macht ungleich mehr der Publikumszuspruch des die Rezension verbreitenden Organs. Die westdeutschen Hörfunkanstalten kaufen zum Beispiel ganz gern teure Namen ein für ihre Buchkritik. Die Sendung läuft dann aber am Nachmittag zu ungünstiger Stunde oder im Eierkopf Programm am Abend, wo die Braunsche Röhre mächtiger wirkt, auch bei Eierköpfen. Das Fernsehen wiederum läßt Buchkritik (gelegentlich) in Dritten Programmen vernehmen. Deren allgemeine Mischung aus ödnis und Experiment ist von einer Art, daß sie regelmäßige Zuschauer vergrätzt. Hauptprogramme des Fernsehens, reden jeweils bei Saisonbeginn von neuen Büchern. Die Notate sind ebenso kurz, wie- sie schnell veges eu werden.

Bleibt die Presse. Bleiben Zeitungete wie Zeitschriften mit ihren regionalen und überregionalen Märkten, die jeweils wieder, klein sein, gönnen oder groß. Ein Rezensent im „Monat" wird weniger potentielle Käufer erreichen als (im Verlagshaus" zu bleiben) das Wochenblatt DIE ZEIT". Dem wird in Dingen Buchkaufentscheid ein gewisser Einfluß nachgesagt, vermutlich, weil es ihn auf lange Strecken wirklich besaß. Nun spricht aber nichts dafür, daß, beim angenommenen Beispiel zu bleiben, die „ZEIT"Kritik eine von zwölf ist im ersten wie im zweiten Fall. Es kann durchaus völlig anders laufen, und ein „ZEIT" Verriß ist durch Laudationen aus elf ARD Programmen nicht aufzufangen. Man wäre denn eine gestandene Kunstfigur wie Jens oder Frisch, daß „ZEIT" Redakteure sich für den Abdruck kontroverser Urteile über mehrere auffolgende Nummern hinweg entschließen. Das führt dann zum Ausverkauf der Auflage des umstrittenen Buches. Der Fakt ist erwiesen, und die angegebene Menge ist Mindestmaß (i): ;, ; Bleiben wir bei den Annahmefällen. Hier werden von jeweils fünftausend gedruckten Exemplaren knappe zweitausend verkauft. Auszugsweise- Lesungen in drei Radioprogrammen bringen geringes Echo bei mäßigem Honorar. Ebenso Vorabdrucke in (höchstens zwei) Literaturrevuen. Jeweils können drei Auslandslizenzen vergeben werden. Im- ersten Fäll noch eine vierte": eventuell. Der erste Fall verkauft außerdem eine Taschenbuchlizenz, der zweite einen Bychgemeinschaftsnachdruck. Größe und Image des Verlagshauses wirken bei allen Nebenrechtshändeln günstiger als Literaturwert und Presseecho des Buchtitels. Schließlich noch: die Autoren beider Annahmefälle sind nach einem Jahr fast vergessen. Höchstens, es gelingt ihnen, in der übernächsten Saison einen neuen Titel zu plazieren. Der ist dann allgemein gleichen Risiken ausgesetzt wie das Debüt. Zusätzlich, bei 1 manchmal mörderischer Wirkung, stellt sich der : Vergleich mit dem Erstling , zur Hand ; daß beruhigt auf abstrahierende Formeln auszuweichen war; Einzelbeispiele würden kränken; mehr Beweiskraft wäre dennoch nicht. Der Zustand, derso ist, tötet eine immer noch gehätschelte Branchenlegende: die vom Nutzeffekt aktueller Literaturkritik. Man imaginiere nur einen, unserer : Autoren beim Lesen, seiner vierzig Rezensionen. Lob schlägt auf Tadel ein, Tadel unterläuft das Lob. In jedem Tadel lassen sich Sachfehler finden, mit einiger Mühe: die disqualifizieren das Verdikt, und nach dem Lob, da man es hat, muß man sich nicht strecken. Der Autor wird nach Lektüre seiner Kritiken das Schreiben nicht lassen, es sei denn, die Verkauf sabrechnungen seines Verlages schrecken ihn. Hier aber will er Kausalzusammenhänge zwischen kritischen! Echo und Handelserlös nicht einsehen, weil, es sie nicht gibt.

Die Rezension verfolgt nach herkömmlichem Selbstvemändnis zwei, Aufgaben: die Unterweisung der Autoren, die Unterweisung des Publikums. Westdeutschlands Buchkritik leistet beides nicht mehr und das will zunächst fast verständlich erschemen, bedenkt man den eskalierenden Markt. Da gibt es die Buchmesse in Frankfurt (Main). Selbstgefällig tönen ihre Wachstumsziffern. Im Herbst 69 konnte sie mühelos das Minus der Ausgebliebenen ausgleichen. Verkaufsziffern wie zweitausend wirken beinahe imposant vor solchem Hintergrund. Eine weitere Erklärung bietet sich an Ästhetische Urteile, ad hoc gefällt, bleiben Geschmacksurteile und subjektiv. Wer will wen dafür ins Gebet nehmen? Wer will mit allgemeinen Verantwortlichkeiten drohen, wo jemand ordentlich seinen Eindruck reproduziert, da mehr nicht zu verlangen ist? Außerdem: niemand droht. Die Divergenz bläht sich und hat für sich ein politisches Alibi, das üblicherweise Pluralismus heißt, aber auf Demokratie hin will, wo dem Individuellen laute Stimme bei minimalem Einfluß eingeräumt wird, eins um des anderen willen: das ist so und kann anders nicht sein.

Es kann anders sein, da es anders war. Es gibt durchaus eine Art des majorisierenden Kons ensus über Wert oder Unwert vorgelegter Belletristik. Im nachhinein können solche Urteile falsch sein und verworfen werden. Die Fehlurteile sind geringer und weniger gewichtig ali jene prägenden Urteile, aus deren Addition sich Literaturgeschichte herstellt. Fürs neunzehnte Jahrhundert wird niemand solche Tatsachen anfechten wollen, aber wir können beruhigt in unserem Jahrhundert verharren. Westdeutschlands eigene Literaturentwicklung liefert die Beispiele.

Dort war bekanntermaßen die politische Stunde Null zugleich die literarische. Von den großen Namen der deutschen Exilliteratur, mi: denen man hätte kommunizieren mögen, um zu tradieren, gingen die Kommunisten in die spätere DDR. Brecht und Becher und die Seghers und Arnold Zweig. Die Liberalen, die noch hättet kommen können, blieben lieber im Ausland. Westdeutschlands Verleger bedienten den allgemeinen Nachholbedarf. Die jungdeutsche Literatur hockte, im Winkel und ergab sich der Lesung von Ungedrucktem. Es wurde die Gruppe 47 daraus.

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