Den Politikern um Längen voraus
Der Zeitpunkt, an dem die Heiratsanzeigen verschickt wurden, war so gewählt, daß man kaum an einen Zufall glauben mochte: Wenige Tage vor Beginn der EWG Gipfelkonferenz im Haag gaben zwei Unternehmen der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie ihre Fusion in ganzseitigen Zeitungsanzeigen bekannt.
„Wir sind ein europäisches Unternehmen", verkündeten die Königlich Niederländischen Flugzeugwerke Fokker und die Vereinigten Flugtechnischen Werke Bremen (VFW) „Ab jetzt wird auch nicht mehr von zwei Hälften die Rede sein. Nur noch in den Köpfen derer, die nichts voranbringen wollen Und die Erklärung für diese kostspielige Werbeaktion lieferte das neue Europa Unternehmen gleich mit: „Weil wir den Könnern hierzulande, den Intelligenten, den Jungen, den konstruktiven Phantasten Mut machen wollen " Von den führenden Politikern der EWGStaaten hat sich in den vergangenen Jahren wohl kaum jemand den Ruf eingehandelt, auf dem Felde der Europapolitik zu den konstruktiven Phantasten zu zählen. Im Gegenteil — sie mußten sich von der Europakommission in Brüssel ins Stammbuch schreiben lassen, daß sie in jüngster Zeit immer unverschleierter rein nationale Interessen verfochten hätten.
Es kam denn auch nicht von ungefähr, daß der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vor Beginn der Gipfelkonferenz in einer Stellungnahme beschwörende Worte fand: „Die deutsche Industrie hält die Vollendung des Gemeinsamen Marktes gemäß den Europäischen Verträgen für absolut unerläßlich . Die gleiche Bedeutung mißt sie dem Ausbau der Gemeinschaft zu einer echten Wirtschaftsunion bei. Die deutsche Industrie würde es sehr begrüßen, wenn die Anstrengungen mit dem Ziel, einer gemeinsamen Wirtschafts- und Währungspolitik näherzukommen, intensiviert und wenn in diesem wichtigen Bereich in naher Zukunft Fortschritte gemacht würden " Alle Vermutungen, wie sie beispielsweise in Frankreich in jüngster Zeit geäußert wurden, die deutsche Wirtschaft sei am Gemeinsamen Markt nicht mehr so interessiert wie noch vor zehn Jahren, weist man nicht nur beim BDI, sondern auch beim Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT) weit von sich „Es gibt fast einen Wettbewerb zwischen ;den beiden Verbänden, wer EWG treuer ist", erklärt Otto Wolf von Amerongen, der Präsident des DIHT, zu solchen Behauptungen. Weder bei uns noch dort hat es je einen Bruch in dieser Haltung gegeben - ganz im Gegensatz zur Einstellung mancher Politiker, die für unseren Geschmack oft viel zuwenig Schwung zeigen " Und beim BDI heißt es: „Die Behauptung, die deutsche Industrie brauche die EWG nicht, ist schlichtweg falsch. Wenn die Wirtschaftsgemeinschaft einmal wirklich ernsthaft in Frage gestellt würde, dann werden Sie erleben, welches Geschrei sich in der deutschen Industrie erhebt " Trotz aller politischen Widrigkeiten sind die sechs Länder in den vergangenen Jahren handelspolitisch immer enger zusammengewachsen. Jedes Mitgliedsland findet heute seine wichtigsten Kunden und Lieferanten innerhalb der Gemeinschaft. Fast 45 Prozent der Gesamtausfuhr der EWGStaaten wird von den Partnerländern aufgenommen. Sofern sich die sechs Staaten an die Römischen Verträge halten, ist somit schon fast die Hälfte ihres Außenhandels vor protektionistischen Manipulationen wie Importbeschränkungen und Zollerhöhungen ebenso sicher wie bei Verkäufen im eigenen Lande.
Der Außenhandel der Gemeinschaft insgesamt stieg zwischen 1958 und 1968 um 176 Prozent. Der Warenaustausch zwischen den Gemeinschaftsländern selber sogar um 317 Prozent (siehe Graphik). In der gleichen Periode wuchs der Handel mit Drittländern nur um 107 Prozent, und der gesamte Welthandel nahm lediglich um 118 Prozent zu.
Viele der großen europäischen Unternehmen im EWG Raum begnügen sich heute nicht mehr damit, ihre Produkte einfach in Güterwagen zu packen und in alle Richtungen über die Grenzen zu verfrachten. Sie planen bei ihren Investitionen, bei der Errichtung, neuer Fertigungsstätten und bei der Abrundung ihrer Konzerne durch Aufkauf kleinerer Unternehmen längst für den Europa Markt.
So besitzen inzwischen beispielsweise 400 französische Unternehmen eigene Niederlassungen und zum Teil auch Produktionsstätten in der Bundesrepublik, während umgekehrt rund 600 deutsche Firmen in Frankreich Stützpunkte errichtet haben. Das noch junge, aber sehr dynamische Elektronik Unternehmen SGS verstand sich von „Geburt an" als europäisches Unternehmen. Die beiden Stahlriesen Hoogovens (Niederlande) und Hoesch (Dortmund) planen gemeinsam bei Rotterdam ein Mammutstahlwerk.
Im Hafen von Antwerpen ist ein gewaltiges neues Industriezentrum entstanden, an dessen Aufbau sich Unternehmen aus allen EWG Staaten beteiligen. Fiat hat gegen den hinhaltenden Widerstand de Gaulies ein Aktienpaket bei Citroen erworben und wird ohne Zweifel versuchen, seinen Einfluß noch zu verstärken. Die Farbwerke Hoechst erwarben eine maßgebliche Beteiligung an Frankreichs zweitgrößtem Pharma Unternehmen Roussel Uclaf und sind auch bei anderen französischen Firmen engagiert. Die deutschen Elektrokonzerne AEG, Siemens und Bosch verfügen über zahlreiche europäische Produktionsstützpunkte, und Osram konzipierte eine neue Fabrikationsstätte bei Venedig von vornherein als Europawerk, bei dem die Produktion bestimmter Lampentypen konzentriert werden soll. Der französische Glas Riese Saint Gobain will zusammen mit den belgischen Glaceries de Saint Roch als drittes Gemeinschaftsunternehmen eine Spiegelglasfabrik in Holland errichten.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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