Der Brandstifter hinter Panzerglas

Gerichtstag in Jerusalem: Denis Michael Rohan erwartet sein Urteil / Von Dietrich Strothmann

Vor acht Jahren wurde in Jerusalem über einen Mann gerichtet, den man den „Tod von Auschwitz nannte: Adolf Eichmann, SS Obersturmführer im Reichssicherheitshauptamt, wurde des millionenfachen Mordes schuldig gesprochen und hingerichtet; seine Asche wurde über das Meer verstreut. Doch selbst in seinem Fall, in diesem eindeutigen, einmaligen Fall, war das öffentliche Urteil auch in Isarel nicht einhellig. Schon seine Entführung aus Südamerika durch israelische Geheimdienstbeamte war auf Kritik gestoßen, dann auch, daß ihm die Juden den Prozeß machten, statt ihn vor ein internationales Tribunal zu stellen, und schließlich das Todesurteil, das es sonst in der Rechtsprechung Israels nicht gibt. Eichmann war ein singulärer Fall, sein Kapitel ist abgeschlossen. Es blieb die Erkenntnis von der „Banalität des Bösen", die dieser Mann symbolisierte.

Nichts, fast nichts erinnert an seinen Prozeß, vergleicht man ihn mit einem Verfahren, das dieser Tage in Jerusalem zu Ende geht: die Gerichtsuntersuchung gegen Denis Michael Rohan, beschuldigt, am 21. August 1969 die Al AksaMoschee auf dem Jerusalemer Tempelplatz in Brand gesteckt zu haben. Nichts, fast nichts verbindet diesen jungen Bibelforscher, der glaubte, einen göttlichen Auftrag erfüllen zu müssen, mit jenem rastlosen Lieferanten des Todes, dem Verwalter der Vernichtung von sechs Millionen Juden.

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Nichts, als dies: Auch diesmal mußte das Obergericht in einen größeren, öffentlichen Saal umziehen; auch diesmal hockt der Angeklagte in einem Glaskäfig, demselben, der Eichmann vor einem Ansehlag schützen sollte (er war inzwischen im Kibbuz der Gettokämpfer aufbewahrt worden); Rohan wird, wenn er verurteilt werden sollte, in jenes Gefängnis von Ramie gebracht werden, in dem der andere vom Leben zum Tode befördert wurde.

Und auch dies ist beiden gemeinsam: ihre Unauffälligkeit, die in so krassem Kontrast zu ihren Handlungen steht. Auch Rohans Tat, die 500 Millionen Moslems aufbrachte, die das Geschrei der Araber nach dem „Djihad", dem Heiligen Krieg, gegen die Juden von neuem entfachte, hätte schreckliche Folgen haben können. Banal sind die beiden als Figuren auf der Anklagebank, in ihrem Auftreten, Reden, Denken. Sie beide taten etwas, ohne wirklich zu begreifen, was sie taten.

Eichmann, verbohrt, verkniffen, wirkte wie ein korrekter Büroangestellter, der die meiste Zeit seines Lebens hinter irgendeinem Schreibtisch, verbracht hatte. Rohan erweckte den Eindruck eines jungenhaft fröhlichen Kassenboten, der nie auch nur einen Pfennig unterschlagen könnte. Auch er hörte, hinter dem kugelsicheren Glaskasten, bewacht von Polizisten, die Kopfhörer an die Ohren gedrückt, aufmerksam zu, was Richter, Anwälte und Zeugen sagten; auch er gab bereitwillig Auskünfte, Antworten, Hinweise. Aber auch er vermochte nicht zu verstehen, daß er sich strafbar gemacht hatte, wie schwer sein Verbrechen wog. Er hat sich nie als Verbrecher gefühlt.

Fünf Psychiater, die als Gutachter aufgeboten waren, bescheinigten dem 28jährigen Schafscherer aus Australien, der zum Brandstifter wurde, daß er geisteskrank sei. Seine Schizophrenie ist ein Erbteil seiner Familie: Seine Mutter litt daran, seine eine Schwester, sein Bruder. Er kam im März 1969 nach Israel, weil es Gott, wie er meinte, ihm so geboten hatte. Er zündete die Moschee an, weil er ein Zeichen erhalten hatte, zur Wiederkunft des Messias den neuen Tempel zu bauen. Er durchforschte monatelang das Alte Testament, weil er von der Idee besessen war, er sei, als Nachfahre Abrahams und Davids, zum neuen „König über Jerusalem und Juda" ausersehen und seine Hebräisch Lehrerin aus dem Kibbuz Mischmar Hascharon, die attraktive 23jährige Zipora Danino, zu seiner Königin. Michael Denis Rohan, der auch glaubt, mit Queen Elizabeth II verwandt zu sein, weil sie gesalbt sei wie er, der aus Bibel Wörterbüchern herauszufinden glaubte, daß er wie Abrahams Verwandte „Nahor hieß, liest man seinen Namen umgekehrt, der aus Zahlen Geheimnisse entschlüsselte — dieser stets freundliche, lächelnde, höfliche Angeklagte ist länger kein juristisches Rätsel mehr, kein politischer Attentäter. Er ist ein medizinisches Exernpel. Er gehört nicht, für 12 oder mehr Jahre, in ein Gefängnis, sondern in eine Anstalt. Irrsinn läßt sich nicht bestrafen. Darum verstummten auch bald die RacheRufe der Araber, ihre böswilligen Anschuldigungen, die „Zionisten" selber hätten das Feuer an eines ihrer heiligsten Heiligtümer gelegt oder Rohan mit Geld gedungen; darum auch waren nach wenigen Tagen schon die Zuschauerreihen im Prozeßsaal fast leer, hatten die Vertreter der internationalen Presse und die ausländischen Fernsehteams ihre Berichterstattung eingestellt. Der politische Feind war zu einem psychiatrischen Fall geworden, reif für die Klinik, Denis Michael Rohan gab keine Schlagzeile mehr her. Er war nur ein selbsterwählter, neuer „Moses", über den man allenfalls lächelt, mit dem man höchstens Mitleid hat. Für die Welt war der Prozeß in Jerusalem uninteressant geworden, ein Prozeß im Grunde für einen gnädigen Urteilsspruch, für weise Richter.

„Keiner versteht mich Das sagte Rohan von Jugend an. Sein Vater verprügelte ihn, seine Mutter haßte ihn. In der Schule saß er auf der hintersten Bank; als Stallbursche, Gehilfe eines Gemüsehändlers, Lastwagenfahrer und Farmarbeiter scheiterte er, als Ehemann versagte er, zum Selbstmörder taugte er nicht. In der Bibel fand er Trost, fand er seinen „Auftrag". Rohan steigerte sich in die Rolle hinein, ein „Werkzeug Gottes" zu sein. Er trat einer Sekte bei, studierte die „reine Wahrheit", kam zu Schiff ins Heilige Land, las weiter in der Bibel, hatte Gesichte, sah Zeichen und faßte den Plan, die Moschee anzuzünden, um den Satan in sich zu besiegen und seinem Gott zu dienen — wie Abraham, der auf himmliches Geheiß seinen Sohn opfern wollte und den heute — so Rohan in seinem einzigen Zornesausbruch zu dem Ankläger — doch wohl auch kein Gericht zum Mörder erklären würde. So goß er am frühen Morgen des 21. August, nachdem ein vorangegangener Versuch gescheitert war und er die arabischen Moschee Wächter mit Geld bestochen hatte, Benzin auf das Holz der alten Kanzel und auf die kostbaren Teppiche, zündete es mit seinem Schal an, den er als Lunte benutzte, und schloß sich in sein Hotelzimmer ein. Tags darauf wurde er verhaftet: Gottes Gehilfe war nur ein kranker, einsamer Vagabund.

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