Der Fall Andromeda

Science-Fiction aus der Deiikmaschine l Von K. H. Kramberg

Weil die Computer alles besser können, können sie auch viel besser schreiben und lesen. Neben solch einem gut programmierten Elektronengehirn muß sich der umsatzstärkste Literaturproduzent als bedauernswerter Schwachkopf vorkommen. Und in lebenslänglicher Fron kann ich kaum einen Bruchteil jener Textmassen speichern, die der Automat in Sekundenschnelle verdaut. Literarische Perfektion ist deshalb erst zu erzielen, wenn wir das Buch ohne Autor und Leser, das von Computern für Computer geschriebene Belletristikum haben.

Immerhin darf das vorliegende Geheimdokument DM schon als ein Literaturprodukt gelten, das dem Idealbild des sogenannten reinen oder sauberen Computer Romans in Form und Inhalt ziemlich nahe kommt. Auch wenn das Gerücht, sein Autor sei ein flotter junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Harbereits als Verfasser von Paperbacks und einem Kriminalroman bekannt geworden, sich bewahrheiten sollte, wird man bei der Besichtigung dieses Textes, der die Technik des Kolportageromans und die Methodik des wissenschaftlichen Sachbuchs zur Science Fiction verbindet, dahinter die Person des Michael Crichton nicht suchen. Hier wird ein Programm durchgespielt, dessen logische Motivation und dessen metaphysische Konsequenzen auf einer ganz anderen Bewußtseinsebene : gedacht werden müssen, als man, Mensch unter Menschen, einzunehmen gewohnt ist. Mit änderen Worten: Ich finde diese Darstellung des Falls Andromeda in einer höchst attraktiven Weise unmenschlich.

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Es hatte damit begonnen, daß eine amerikanische Weltraumsonde, die einer Kursabweichung wegen zur Notlandung gebracht werden mußte, bei einem kleinen Ort in Arizona niederging, worauf dessen Einwohner, mit Ausnahme eines Säuglings und eines Greises, stahte dahingerafft wurden. Es war also jenes Ereignis eingetreten, mit dem die Wissenschaft schon nach der glücklichen Heimkehr der ersten Mondfahrer gerechnet hatte: Aus dem Kosmos waren Mikroben eingeschleppt worden, gegen welche der Anpassungszustand über keine Abwehrkräfte verlügt. Es sei denn, wir dürften aus dem rätselhaften Überleben des alten Mannes und des kleinen Kindes geringe Hoffnung schöpfen. Nur venn es gelänge, den unbekannten Erreger zu isolieren und ein Gegenmittel zu finden, wäre nach menschlichem Ermessen ein menschheitsweites Massensterben zu verhindern. Aber in „weiser Voraussicht", wenn man das Diktat der Furcht so nennen darf, hat die amerikanische Regierung den Ernstfall planetarischer Verseuchung durch kosmische Erreger schon einkalkuliert (auch die Mondfahrer wurden ja zunächst in Quarantäne gehalten). Als das Unglück passierte, stand alsbald ein Team von vier ausgewählten Wissenschaftlern — ein Molekularbiologe, ein Bakteriologe, ein Pathologe und als Außenseiter ein Chirurg — bereit, in einem gut abgeschirmten unterirdischen Geheimlabor den Wettlauf mit dem Menschheitstod aufzunehmen. Es versteht sich, daß diese Männer ihrerseits elektronisch gesteuert und von Computern überwacht werden mußten.

Hier ist nicht der Ort, zu berichten, ob und wie es dem selbstlosen Ringen der vier Forscher glückte, den „Andromeda" Erreger zu eliminieren. Nach menschlichem Ermessen jedoch kann die. Lösung, die das Protokoll des fünften Tages anbietet, kaum als befriedigend gelten. Aber Befriedigung im Sinne etwa des populär literarischen Happy Ends wäre wohl auch das letzte, was von einem Text erwartet werden darf, der innerhalb einer von Denkmaschinen gesteuerten und gleichsam auf deren Wohlwollen angewiesenen Welt die Funktion des babylonischen „Menetekel upharsin" („Gezählt, gewogen und zu leicht befunden") ausübt.

Dem lesenden Zeugen, somit in die Rolle eines neuen Belsazar gedrängt, bleibt am Ende nur die fragwürdige Genugtuung, sich einige Stunden unmenschlich gut unterhalten und nebenbei allerband über Denkmaschinen, Bakterienkulturen, Elektronenmikroskope und die Integration der Biologie in das Planspiel der interplaretarischen Forschung gelernt zu haben. Den unervünsehten Gästen aus dem Weltall macht das nichts aus. Aber für einen soliden Sensationserfolg auf dem suprakontinentalen Büchermarkt reicht es bestimmt.

 
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