Der Kampf ums Comeback

Bremens ehemaliger Senator Wolters richtet über Boljahn von Jio Weinsheimei Bremen

Er sei für immer untragbar, sagen die Bremer Christlichen Demokraten. Er sei für immer passe, weissagen SPD Genossen. Eine kleine Gruppe von Sozialdemokraten ist sicher: „Er ist der kommende Fraktionsvorsitzende Für den Mann auf der Straße ist er ein cleverer Toter. In Wirtschaftskreisen trauert man um ihn im Imperfekt. Senator außer Diensten Hermann Wolters, einst Wilhelm Kaisens favorisierter Kronprinz, dann ein unrühmlich Gescheiterter, schickt sich an, seine zweite politische Karriere aufzubauen.

Seit dem 1. Dezember sind die Scheinwerfer von Freund und Feind auf ihn gerichtet: Wolters ist Vorsitzender der parteiinternen Schiedskommission, die darüber zu befinden hat, ob der SPD Multi Funktionär, Richard Boljahn, sich derart parteischädigend verhalten hat, daß ihm seine Parteiämter aberkannt werden müssen. Das Richteramt des Senators a. D entbehrt nicht der Pikanterie: Vor den Schranken seiner Kommission marschieren prominente Genossen als Zeugen zum „Aus" auf Boljahn auf, die einst das „Aus" über ihn sprachen. Wolters: „Ich habe keine Ressentiments, Boljahn wird einen fairen Prozeß bekommen. Als völlig unabhängiger Mann habe ich keinen Anlaß, vor irgendwem zu katzbuckeln " Völlig frei und unabhängig fühlt sich Wolters seit 1959. Damals schied er, versehen mit vierfachen ärztlichen Gutachten über seine Dienstunfähigkeit, die dem damals 49jährigen eine stattliche Pension bis zum Lebensende garantierten, aus dem Senat aus. Eben jene Pensionsregelung, die vor zehn Jahren viel Staub, aufwirbelte und bisweilen schlicht als „Schiebung" kommentiert wurde, verschafft dem Ruhestandssenator heute nach seinen Worten das Glücksgefühl von Unabhängigkeit („darum beneiden mich viele"), sie ist indes bis heute dem Steuerzahler fragwürdig geblieben.

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Vierzehn Jahre lang war Wolters Mitglied des Bremer Senats. Dann stolperte er über sich selbst. Sein pralles Leben („ich bin kein Spießer und schätze ein liberales Privatleben") kulminierte in einem Überfall. Er wurde zusammengeschlagen und landete nach einem Trip ins Bonner Nachtleben arg lädiert in der hanseatischen Heimat. Gerüchte wucherten, er habe es am Rhein toll getrieben und überhaupt, er treibe es schon seit Jahren in Punkto Weib und Alkohol zu toll für einen bremischen Minister. Der Landesausschuß der SPD stellte untersuchend fest, Ehrenrühriges sei nicht passiert, aber Wolters sah sich in Bedrängnis und ließ Fraktion und Senat wissen, er scheide aus der Regierung aus. In der Sprachregelung des munteren Exsenators heißt das 1969: „Ich sagte denen, ihr könnt mich mal!" Hermann Krages, Großaktionär und Holzhändler, engagierte den in Wirtschaftsfragen kenntnisreichen Pensionär flugs als Bevollmächtigten. Aber Wolters stolperte wieder. Betrunken verursachte er einen Verkehrsunfall. Das Urteil: sechs Wochen Gefängnis, 14 Tage lang aß er aus dem Blechnapf. Für Wolters war dies die zweite Begegnung mit einem Dasein hinter Schloß und Riegel. Die erste war ungleich dramatischer: als jugendlicher Kommunist war er 1933 von den Nazis wegen Hochverrats eingesperrt worden. Acht Jahre verbrachte er in Zuchthäusern und Lagern. Westfront Sondereinsatz danach, bei Kriegsende abenteuerliche Rückkehr nach Bremen, Begegnung mit Wilhelm Kaisen, später mit Kurt Schumacher.

Wolters gründete die Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus, er sagte den Bremern: „Wir brauchen nicht Deklamationen, sondern Aufbau " Kaisen holte ihn in seine Regierung. Wolters: „Er sagte mir: Du wirst Senator. Ich ging nach Hause und erzählte das meiner Mutter Die Witwe des Altsozialisten und Borgwardarbeiters Wolters kommentierte die beginnende Karriere ihres Sohnes mit den Worten: „Du hast einen Vogel Nach Zulassung der Parteien trat Wolters in die SPD ein „Aus fester Überzeugung. Ich war nie ein doktrinärer Kommunist. Den Ulbricht Weg konnte ich nicht mitgehen Der Wolters Auf stieg verlief steil und beinahe sensationell. Alles beneidete Bremen um den rhetorisch blendenden, alerten Wirtschafts- und Sportsenator. Der deutsche Städtetag setzte ihn an die Spitze seines Sportausschusses, der Sportbund trug ihm Ämter an, der SPD im Bund galt er als Nachwuchshoffnung, sein väterlicher Mentor Kaisen sah in ihm seinen Nachfolger. Wolters heute: „Ich habe Kaisen sehr enttäuscht, das weiß und bedaure ich " Nach dem Sturz aus der Politik und aus dem Kragesjob verkroch er sich „Ich fuhr Rad und lief spazieren, es war eine schlimme Zeit Jedoch: „Es gab gute Freunde, die zu mir hielten Aus Bonn schrieb MdB Helmut Schmidt: „Ich habe oft empfunden, daß Freundschaftsbeweise dann am wichtigsten sind, wenn es dem anderen gerade mal nicht so gut geht Nach einigen Jahren („man kann sie Besinnungspause nennen") lockte den Ruheständler eine Beratertätigkeit beim Ausschuß zur Förderung des deutschen Handels; er gründete den „Handelsverein BundesrepublikDDR ", wurde Geschäftsführer. Er schied aus „wegen Differenzen mit dem Vorsitzenden; es ging um Stilfragen". Außerdem wurde 1968 ein Senatsgesetz wirksam, das dem Pensionär zusätzliche Einnahmen untersagte.

Nun will er sein politisches Comeback „Ich will nicht in den Senat zurück und strebe kein Amt im Parteivorstand an. All diese Gerüchte sind Blödsinn. Mein Feld ist nicht der innerparteiliche Clinch, sondern die Debatte mit dem Gegner im Parlament. Ich möchte 1971 als Abgeordneter ins Bremer Parlament einziehen " Wolters setzt auf die Jungen — und ein Teil der Jungen setzt auf ihn —, er plädiert dafür, daß nach der Wahl in zwei Jahren mindestens ein Drittel der SPD Abgeordneten jünger als dreißig sind „Die Probleme unserer Gesellschaft sind nicht mit den Vorstellungen der Pilgerväter zu lösen. Es bieten sich hervorragende junge Männer und Frauen für die Politik an, wenn man sie nur ran läßt " Zum Richteramt, das er nun in Sachen „Boljahn" auszuüben hat, sagt Wolters: „Davor kann ich mich nicht drücken. Ich bin vor zwei Jahren von meiner Partei zum Vorsitzenden der Schiedskommission gewählt worden. Da wußte noch niemand, daß Ende 1969 König Richard vor dem Parteigericht stehen wird. Boljahn wird Gerechtigkeit erfahren. Und manche Genossen, die Boljahns Stiefel leckten als er groß und mächtig war und die heute nicht mehr wissen wollen, daß sie Boljahn in die Sättel der Macht gehoben haben, die werden bös aufwachen " Zwei Karrieren einst mächtiger, dann gestürzter Funktionäre werden in diesen Tagen vor der Öffentlichkeit miteinander konfrontiert: Boljahn in der Angeklagten, Wolters in der Richterrolle. Jeder kämpft auf seine Weise gegen das „they never co me back" an. Richard Boljahn hat seit dem Baulandskandal enorme Publizität erfahren. Um Hermann Wolters war es still. Nun ist er im Gespräch.

 
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