Der Manager des Ministers
Mommsen: privatissime et gratis — Der Röhren-Mann und sein Rüstungs-Modell Von Werner Höfer
Wenn heutzutage das Vaterland einen seiner Söhne ruft, geschieht das fernmündlich. Nachdem sich in der Bundeshauptstadt die sozialliberale Koalition zusammengefunden hatte, rief Alex Möller, designierter Finanzminister, außerdem Generaldirektor und Versicherungsmanager, den Kollegen Ernst Wolf Mommsen, Spitzenmann bei Thyssenrohr, über den in jenen Tagen ohnehin kurzgeschlossenen und heißgesprochenen Draht in Düsseldorf an: ob er nicht einmal auf einen Sprung rüberkommen wolle; Helmut Schmidt möchte gern etwas mit ihm besprechen, Der Angerufene fuhr von der Direktionsetage des Düsseldorfer Drei Scheiben Hochhauses in die Bonner SPD Baracke, wo ihm der potentielle Verteidigungsminister die Konzeption für seinen künftigen Verantwortungsbereich entwickelte: Zwischen Soldaten und Beamten brauche er für den wichtigen Mittelabschnitt „Beschaffung und Technik" einen Mann der Wirtschaft, einen Manager.
Ernst Wolf Mommsen, von dem Plan angetan, empfahl seinem Gesprächspartner spontan einen qualifizierten Vertreter des Top Managements. Er schlug auch noch einen zweiten Kandidaten vor, bis Helmut Schmidt erkennen ließ, daß er nur ihn, den „Röhren Mornmsen", meine, der freilich aus vielen Gründen um eine gehörige Bedenkzeit bat.
In dieser Zeit führte Mommsen, der eben erst ein spektakuläres Arrangement mit den Russen unter Dach und Fach gebracht und zuvor bei der nahtlosen Verschweißung der Röhrenbereiche von Thyssen und Mannesmann erfolgreich Hand angelegt hatte, intensiv Zwiesprache: mit seinem Gewissen und seinem Geschäft, seiner Familie und seinen Freunden. Er vernahm mehr Zu- als Widerspruch. Aber die schnelle Realisierung des unorthodoxen Planes stieß auf mancherlei „systemimmanente" Schwierigkeiten. Die inzwischen erreichte Kompromißformel zwischen Nötigem und Möglichem sieht vor, daß Mommsen von seinem Unternehmen freigestellt wird und sich dem Verteidigungsministerium zur Verfügung stellt, freilich unter ebenso ehrenvollen wie ungewöhnlichen Bedingungen: ohne den Status des Beamten und ohne Bezahlung durch die öffentliche Hand. In seiner neuen Rolle verbinden sich verschiedenartige Elemente: etwas vom „freien Mitarbeiter" und vom „OneDollar Mann", etwas vom Chef Berater und vom Privatissiifte etgrätis Professor.
Mommsen, durch frühreife Schlagzeilen und voreilig Kommentare erschreckt, spricht nur sehr zurückhaltend über dieses „Modell" und mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß es sich nur um Überlegungen aus dem Vorfeld der Entscheidung handeln könne; bis zur Stunde sei er weder beauftragt, noch habe er zugestimmt. Er bestätigt jedoch, daß er mit dem Verteidigungsminister über die entscheidende Bedingung einig sei: Ein Beraterkreis soll etabliert werden, dem etwa zehn hervorragende Persönlichkeiten angehören soll, ausgestattet mit der Autorität des Sachverstandes und der Souveränität der Unabhängigkeit.
Kein Ein Mann Job also, sondern Teamwork wartet auf Mommsen. Er ist unsentimental genug, dem jüngeren Minister auf längere Sicht Mitarbeiter zu wünschen, die nicht älter sind als der Ressortchef, undogmatische Persönlichkeiten, die zum Nutzen einer modernen Staatsführung das Kunststück fertigbringen, hierarchische Strukturen und kybernetisches Management miteinander zu verbinden. Dabei kommt es ihm mehr auf Freiheit als auf Titel, mehr auf Qualifikation als auf Prominenz an.
Die Kollisionsgefahren, die der Ruhr Manager auf seinem neuen Kurs umschiffen muß, sind klar erkannt: Er muß sich ökonomisch, politisdi und moralisch seine Freiheit und Unabhängigkeit und seine Integrität bewahren. Den ökonomischen Freiheitsraum schafft er sich dadurch, daß er alle Aufsichtsratsmandate niederlegen wird, die ihn mit der kommerziellen Seite der Rüstung in Verbindung bringen könnten. Die Röhrenbetriebe hätten ohnehin mit Rüstung nichts zu tun, denn Kanonenrohre würden weder von Thyssen noch von Mannesmann gemacht. Manche harte Probe wurde ihm in den letzten Wochen abverlangt, wenn clevere Interessenten sich ihm mit Ratschlag oder Glückwunsch näherten. Sie hatten bei ihm kein Glück. Mommsen ist sich dieser Gefahr genau bewußt: Wenn er es in der ihm zugedachten Position an Objektivität fehlen lasse, sei er bereits im Ansatz gescheitert. Über die politischen Verflechtungen des Auftrags macht er sich keine Illusionen; schließlich umfaßt das Spektrum der Rüstungswirtschaft den weiten Bereich zwischen Struktursoziologie und Allround Technologie. Nur mit Parteipolitik habe die Funktion bis jetzt nichts zu tun. Aber der umworbene Mann, fast ganz entschlossen, aber noch nicht definitiv ernannt, muß — um der Sache willen — auch Opfer bringen. Nur eines der Opfer nennt er beim Namen: den Verzicht, weiterhin wirtschaftspolitische Aktivitäten auf dem Ost Markt pflegen zu können. Seine russischen Partner — gerade in diesen Tagen kam das große rheinisch sibirische Gas Geschäft eine Runde weiter — würden es jedoch vermutlich als beruhigend empfinden, wenn in der Rüstung der Bundesrepublik ein Mann der Wirtschaft mitarbeite, der mit ihnen viele friedliche Geschäftsverbindungen angeknüpft habe und außerdem mit wehrpolitischen oder gar strategischen Aufgaben nicht das geringste zu tun haben werde.
Mommsen ist — ohne daß er dabei viele Worte macht — bereit, dem Staat zu dienen, allerdings ohne in die Dienste des Staates zu treten. Diesen Unterschied möchte er respektiert wissen. Wenn er damit ein Beispiel geben könne — etwa in dem Sinne, daß die Anziehungskraft des Staates gehoben und der Austausch zwischen Wirtsdiaft und Politik gefördert würden —, so sei ihm das als Nebenwirkung gewiß nicht unsympathisch. Zum Termin seines „Amtsantritts" in Bonn befragt, heißt die Antwort: Nicht eher, als der letzte Mitarbeiter gesichert sei und er die Abschlußhauptversammlung geleitet habe.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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