Der Traum vom Haus auf dem Haus
Das Penthouse in der City ist die exklusivste aller Wohnformen Von Ingeborg Zaunitzer-Haase
Deutschlands Baübosse wollen hoch hinaus. Ganz privatim testen einige von ihnen eine besonders exklusive Wohnform: sie leben im Penthaus, im „Haus auf dem Haus". Hoch oben — auf dem Dach eines mehrstöckigen Gebäudes — hausen sie inmitten der lärmdurchfluteten Großstadtcity in einem Einfamilienhaus ähnlichen Gebilde, wie es in der Bundesrepublik erst ganz selten, in den USA hingegen schon sehr häufig anzutreffen ist.
Einer der Penthaus erfahrensten Bundesbürger ist Robert Vogel, Großbäuherr in der Freien und Hansestadt Hamburg. Sein Familiensitz befindet sich seit nun schon fast zehn Jahren — sozusagen als dreizehntes Obergeschoß — auf dem seinem Familiemmternehmen Anna M. Vogel gehörenden, „BAT Haus" genannten Bürogebäude an der alsternahen Prachtstraße Esplanade. Seine 160 Quav dratmeter Wohnfläche sind ringsum von einer weiten Terrasse umgeben.
„Der richtige deutsche Name" — sagt er — „wäre Staffelhaus. Denn ein Penthaus unterscheidet sich von einem Nullachtfünfzehn Staffelgeschoß im wesentlichen durch eine besonders starke Rückstaffelung " Die Herkunft des Wortes „Penthouse" ist umstritten. Im Amerikanischen bedeutet „pent" so etwas wie Gehege oder Einzäunung und komm w ahr scheinlich aus, dem englischen „penned", womit eine umgrenzte Hühnerhege gemeint ist. Bauvinci Sprachexperten sind gleichermaßen erstaunt über die „amerikanischen Hüh , ner auf dem Dach". Wer „Penthaus" mit „Staffelhaus" übersetzt, kann jedenfalls die Namensherkunft erklären.
Robert Vogels Penthaus Dasein war bisher voller Licht und Schatten, also keineswegs ein einziger Wohn Glückstaumel. So machte er, zum Beispiel, die Erfahrung, daß die Terrassen — „wohl wegen der Hamburger Windverhältnisse" — in seinem dreizehnten Stock kaum zu benutzen sind „Wie auf einem Dampfer kann man ab und zu einmal an die Reling treten", sagt er, aber „länger aufhalten kann man sich dort nicht " Andere Vogel Klagen: Hoch oben ist selten ein Vogelzwitschern zu hören. Allenfalls verirrt sich einmal ein Turmfalke auf die Terrasse. Im Sommer umschwirren „Trillionen tanzender MiniMücken" den Sonnenhungrigen 7 sofern schönes Wetter ist - Überhaupt wird der Penthaus Bewohner „wetterbewußtr" als der konservativ wohnende Mensch, Bei stürmischem Wetter heult der Wind in luftiger Höhe besonders intensiv. Bei schönem Wetter, freilich, ist es dort droben schöner als anderswo. Straßengeräusche dringen in Vogels Penthaus in nur wenig gedämpftem Zustand ein. Wegen des Windes müssen sämtliche „draußen" aufgestellten Gegenstände festgebunden werden.
Ein Nachteil ist auch das Fahrstuhlgeräusch, das — der nahe gelegenen Maschinenräume wegen — abends deutlich zu vernehmen ist „Manchmal", sagt Vogel, „fühle ich mich als mein eigener Hausmeister Er spielt damit auf zahlreiche Reparaturen an, die an der empfindlichsten Stelle jedes Hauses, am Dach — beim Penthaus also an der Terrasse — nach einigen Jahren fällig werden Überdies braucht jedes Hochhaus — der Fenster- und Fassadenreinigung wegen — eine Außenbefahranlage. Der für diese Spezialhandwerker notwendige Schienenwagen wird an der Terrassenfassade befestigt. Die Reinigungstechniker klettern deshalb nicht selten auf der Penthaus Terrasse umher.
Entgegen üblen Gerüchten sind auf solchen Penthäusern freilich die Fenster durchaus zu öffnen. Die Aufwinde, die an Hochhausfassaden zu entstehen pflegen, sind am zurück liegenden Staffelhaus Fenster nicht zu verspüren.
„Im Penthaus", sagt Vogel, „wird der Mensch langsam, aber sicher zum Einsie"cller Es fehlen jegliche Kontakte zum Nachbarn — positive und negative. Es gibt nichts Ärgerliches — keine schreienden Kinder, keinen Staub vom Teppichklopfen — und es gibt nichts Erfreuliches zu sehen — keine Mädchen, keine Hunde, keine jahreszeitlich sich ändernde Bluroenpracht „Es gibt weder urbanes Vergnügen noch urbanes Mißvergnügen " Dennoch überwiegt die Freude an dieser Wohnform, öffentliche Verkehrsmittel brauchte es für Penthaus Bewohner kaum zu geben. Kinos, Theater, das Büro und der Kaufmann sind gleich nebenan „Wer unabhängig und weltabgeschieden mitten in der Stadt leben will, für den gibt es keine geeignetere Wohnform Robert Vogel wird in seinem Penthaus wohnen bleiben.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







