Der Untergrund wird verramscht
Zeugnisse aus einer Alchimistenküdhe / Von Siegfried Schober
In seinem fundamental wichtigen Buch Der Gesang der Sirenen" schreibt Maurice Blanchot die folgenden bemerkenswerten Sitze: „Ebenso wie das Verstehen der Öffentlichkeit immer alles schon im voraus verstanden hat, dabei aber jedes eigentliche Verstehen schachmatt setzt, ebenso wie das Raunen der öffentlickkeit die Abwesenheit und das Entblößtsein von jedem festen und entschiedenen Wort ist, indem es immer etwas anderes sagt, als was eigentlich gemeint ist, ebenso wie die Öffentlichkeit die Unbestimmtheit ist, die jede Gruppe und jede Klasse aufhebt, ebenso nimmt der Schriftsteller, wenn er unter die Faszination des mit der Tatsache des Veröffentlichens angerührten Sacr verhalts gerät, indem er im Publikum den Leser suchen geht wie Orpheus Eurydike in der Unterwelt — nimmt auch der Schriftsteller Richtung auf das Wort, das niemandes Wort ist und von niemandem gehört wird " Obwohl, möchte ich hinzufügen, dieses „Veröffentlichte" von einem bestimmten Autor unter bestimmten Bedingungen geschrieben wurde und von bestimmten Lesern unter bestimmten Bedingungen gelesen wird. Sich mit solchen Aporien auseinanderzusetzen, kann nur, einem Verstindnis von Literatur und Kritik müßig erscheinen, das den Ort und die Zeit, die historischen und materiellen Umstände des Schreibens, der Veröffentlichung und der Lektüre als vage, unbestimmbar und mehr oder minder irrelevant ansieht. Ein derartiges Verständnis, dessen Hauptzüge Maurice Blanchot als „das unpersönliche Verstehen, das grenzenlose Öffensein, das witternde und vorausahnende Aufnehmen, bei dem jeder über das, was geschehen ist, bereits im Bilde und mit allem fertig ist und wobei jedes Werturteil zugrunde geht" beschreibt, muß venn nicht zu einem totalen Unverständnis, dann jedenfalls z höchst fatalen Mißverständn:ssen führen.
Nicht fern ist dabei stets eine Geringschätzung von Literatur und Kritik überhaupt, kaschiert von Opportunismen, Attitüden und stilisierten oder manipulierten Begeisterungen.
Insofern ist die Veröffentlichung, um die es hier geht — „ACID — Neue amerikanische Szene", herausgegeben von R. D. Brinkmann und R. R. Rygulla; März Verlag, Darmstadt; 419 Seiten, 25 — nicht nur eine eminent prekäre und ernste Sache, sondern ein Fall von exemplarischer Bedeutung. Nicht mehr die Texte und die Literatur sind hier das Ereignis, sondern das Buch als Kreation wie als Publikation drängt sich als ein Ereignis auf, das seinen Halt nicht so sehr in bestimmten Inhalten und Bedeutungen sucht, sondern in vagen Arrangements, Formalismen, Mythen und Images.
Das Buch ist in diesem Fall wirklich als Medium die Botschaft, wenn auch objektiv ein Schein, ein modisches Phantom, ein Pseudoereignis. Es steht im Zeichen der kurrenten, sich selber betrügenden Magie des Neuen und Anderen, wo mit dem Reiz und der Aufforderung zur Teilnahme und Mitarbeit gleich deren Erfüllung mitgeliefert wird.
Es kann nur an der fundamentalen Gleichgültigkeit, Bewußtlosigkeit und Zersplitterung des Literaturbetriebs liegen, daß ein Unternehmen wie „Acid" sich derart aufplustern und so viel Erfolg haben kann, unverfroren den aggressiven Absolutheitsanspruch birgt und zugestanden bekommt, eine ganz und gar neue und andere und einzigartig aktuelle und fortgeschrittene Literatur zu repräsentieren. Dabei wird so ziemlich alles unterschlagen, was diese Literatur der Entwicklung der Literatur verdankt, unterschlagen die Literatur, die die von „Acid" erst möglich machte und die mit ihr vielfach in Verbindung steht. Die darin steckende und davon animierte Ignoranz und Indifferenz ist mehr als verhängnisvoll. Wenn die Präsentation der Texte problematisch und unkritisch ist, und sie ist es tatsächlich auf fahrlässigste Weise oft, dann muß sich das zwangsläufig iuch in der Rezeption durch den Leser (und selbstverständlich auch den Kritiker) niederschlagen. Wenn man das stilisiert chaotische, pseudoartistische, maßlos schludrige und verworrene Nachwort von rund zwanzig Seiten liest, das Brinkmann einem am Ende von „Acid" noch zumutet und das weder in seinen Gefühlen noch in seinen Gedanken präzise und konsequent zu sein vermag, dann wird man bald gewahr, daß die Herausgeber nichts mehr scheuen und abzudrängen versuchen, als Wege für Kontro len, rationale Widerstände und Differenzierungen zu öffnen. Dieses anmaßende Nachwort macht das Buch noch mehr zu einem Pseudoereignis und zu einer verquollenen Exhibition, als es das eh schon ist.
Das Buch, seine Texte und deren Geist können einem zunächst schon unwillkürlich wie eine 3otschaft aus einem Sondergebiet vorkommen, wie ein Sondergebiet gar selbst, das autonom, unabhängig, gänzlich neu und unbestimmbar in einem erscheint. So geriert es sich, so wird es von den Herausgebern manifest dekretiert, und man ist als Leser (wie wiederum auch als Kritiker) leicht und schnell bereit, es derart zu akzeptieren und aufzunehmen. Die ersten Assoziationen, die man hat, werden kaum literarischer Natur, sondern kräftig von den überall kursierenden Underground Schibboleths markiert sein, gegen die kaum jemand etwas zu haben wagt. Dieses Buch ist ein kollektives Phänomen, das auf eine „Szene" reagiert, eine „Szene" präsentiert und in eine „Szene" kommt, deren literarisches Interesse und Bewußtsein ganz schön ruiniert ist. Kennen, Erkennen, Wiedererkennen, kaugummihafte und butterweiche Kommunikation und Sensibilität. Man hat es intus und lebt damit, rauschhaft wie mit Spielsachen, von denen man immer wieder neue und andere braucht, damit die Spiele in Bewegung bleiben und man sich selber keine einfallen lassen und erfinden muß. Schallplatten, Filme, Haschisch, Kleider, Sexualität, Bilder, Schlagzeilen, Zeitgeist und das große „ganz Andere, völlig Neue, nie Dagewesene" — es wird gesammelt und gesammelt , gewechselt und gewechselt, und so hat man alles und im Grunde nichts. So darf man sich auch, nicht sammeln, wenn man dieses Buch liest, sich nicht konzentrieren, muß beim Lesen kiffen, die „Blind Faith" den Ton machen lassen, ab und zu auf den angestellten Fernseher gucken, zwischendrin ins Kino oder ins „Crash" gehen, damit man ja nicht auf den Gedanken kommt, daß man es mit Literatur zu tun nat, daß man ja nicht auf den Grund dieser Literatur gelangt, wo es einem dann erginge wie mit einem Kaugummi, dessen Süßstoff schnell ausgelutscht und der zu einem unansehnlichen Grau geworden ist. Schnell ein neuer Kaugummi her, gleich wieder eine Platte auflegen! Wenn dieses Buch in dieser Welt zu Hause ist, dann brauchte man von ihm nicht mehr Aufhebens zu machen als von einem Kaugummi oder einem Micky Mouse Heft, aber nicht nur die Herausgeber sprechen vielfach von Literatur und Kultur, die Texte tun dies meist noch deutlicher. Bunte Kennzeichnungen bieten sich der Ratlosigkeit an, und sie klingen in den Ohren, reizen die Augen, zahlreiche und naheliegende Knallworte wie Beat, Pop, Acid, Rock Literatur, wie Underground, Gegenkultur, Anti Literatur oder „post moderne Literatur", wie das seltsame Schlagwort lautet, das Leslie A. Fiedler geprägt hat, dieser einmalige professorale und profesDDR: Dangulow, „Diplomaten"; Koplowitz, „Die Taktstraße"; Autorenkollektiv, „Wörterbuch der marxistisch leninistischen Soziologie"; Autorenkollektiv, „Die elektronische Datenverarbeitung"; Autorenkollektiv, „Urania Universum" (laut Literaturbeilage des „Neuen Deutschland" 111969).
Frankreich; Sabatier, „Les Allumettes suedoises"; Charriere, „Papillon"; Vallon, „LAntide Gaulle"; Collange, „Madame et le management"; Le Roy, „Jacquou le Croquant" [laut „LExpress" Nr. 9601969).
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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