DIE NEUE SCHALLPLATTE

Bela Bartok: „Klavierkonzerte Nr. 2 und 3"; Philippe Entremont, New York Philharmonie Orchestra, Leitung: Leonard Bernstein; CBS 72 DM Bartok gehörte einmal zu den Spitzenanforderungen des Musiikhochschulexamens — heute spielt manch einer ihn bei der Aufnahmeprüfung. Auch für den Zuhörer hat er kaum mehr Schrekken zu verbreiten: So muß inzwischen jede Schallplattenfirma seine Konzerte besitzen. In den beiden vorliegenden Aufnahmen arbeiten — oder auch: konkurrieren — die jungen Genies mit den älteren, und man entdeckt Welten zwischen ihnen, aber auch Gemeinsamkeiten, und zwar dort, wo man sie nicht vermutet hätte. Beim Zeiten Vergleich im 3. Konzert (Barenboim: 24" 30" — Entremont: 2540") sind die Interpreten sich weithin einig, Barenboim nimmt vor allem den pfeffrigen letzten Satz schneller. Die LautstärkenKurve würde schon deutlichere Aufschlüsse liefern. Barenboim leistet sich weit größere dynamische Ausbrüche als Entremont — und er kommt darin Bernstein gleich. Entremont hingegen setzt seine dynamische Skala sozusagen analytisch ein — und ist damit wieder Boulez ähnlich. Barenboim liebt pianistische Brillanz, schöne Effekte, zeigt auch an kleineren Nuancen, daß er gut, sehr gut Klavier spielen kann, während Entremont nicht ganz so vordergründig erscheint, etwas logischer dafür und in Strukturen denkend. Bernstein, das ist nun schon fast ein Klischee geworden, führt sein Orchester vor, gewichtige Bläser, leuchtende Streicher, zeigt, wie präzise ein Akkord geschnitten sein kann — und gerade das hätte man doch von Boulez erwartet, doch dessen Oktavkombinationen aus hohen und tiefen Bläsern klingen nicht wie eine, sondern wie mehrere Stimmen. Dafür jedoch läßt Boulez den Hörer an Analysen teilnehmen, da wird manches aus dem Orchester hörbar, was bei Bernstein unter der Dominanz der Hauptstimmen verloren geht. Eigentlich also wären die Über Kreuz Verbindungen Entremont Boulez und Barenboim Bernsteii die angemesseneren, die Charakteristiken wärea deutlicher geworden; so neutralisieren sie einander ein wenig. Insgesamt würde ich der BarenboimBoulez Fassung den Vorzug geben.

 
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