Präsidenten-Hearing an der Hamburger Universität: Die Profis liegen gut im Rennen

Das Interesse der Studenten und der Hamburger Bürger am ersten öffentlichen Hearing, das eine deutsche Universität veranstaltete, um sich einen Präsidenten zu suchen, übertraf die Erwartungen der Veranstalter bei weitem: Bis in die letzten Reihen der obersten Ränge war das Audimax gefüllt, als die 130 Mitglieder des Hamburger Universitätskonzils sich am Montag daran begaben ihre „außerordentlich ernste Aufgabe" zu lösen.

Wie ernst — das illustrierte anschaulich der Absagebrief des Kandidaten Wolfgang Meckelein, Professor und Staatssekretär im badenwürttembergischen Kultusministerium, den Prorektor Karl Heinz Schneider, der Leiter der Versammlung, zur Einstimmung verlas. Nach sorgfältigem Studium des Hamburger Universitätsgesetzes erschien Meckelein der Rahmen, der dem Präsidenten im Gesetz gezimmert wurde, zu eng und immobil, um 25 000 Mensehen und einen Etat von 250 Millionen Mark sachgemäß zu verwalten.

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Vor Meckelein hatten schon andere Kandidaten zu verstehen gegeben, daß der Posten eines Universitätspräsidenten nicht als Krönung eines Lebens betrachtet wird. Dankend abgelehnt hatten der Staatssekretär a. D. Professor Carstens, der ehemalige Berliner Bürgermeister Albertz, der Hamburger Staatsrat Ranft, Staatssekretär von Heppe im Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Dr. Reimers, der Vizepräsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts, Rolf Stödter, der Präses der Handelskammer Hamburg und die Hamburger Professoren Zweigert und Sinn. Die Vermutung, daß einigen von ihnen nicht nur das Hamburger Universitätsgesetz problematisch erschien, sondern auch die öffentliche Vernehmung der Kandidaten, hat ihren Wahrheitsgehalt „Ich bin doch nicht auf dem Markt", sagte einer von ihnen.

So fielen im Endspurt die „Repräsentationsfiguren des öffentlichen Lebens" aus, die die Erfinder des Berufs „Universitätspräsident" sich ursprünglich einmal vorgestellt hatten. Die Courage behielten vier Universitäts Pröfis und ein Außenseiter: der 41jährige wissenschaftliche Oberrat Dr. Wolf gang Bachofer, Geisteswissenschaftler und Mitglied der SPD; der 37jährige Assistent Dr. Peter Fischer Appelt, Theologe und bis zum 1. Dezember Vorsitzender der Bundesassistentenkonferenz, parteilos; Dr. jur. Helmut Meins, 57 Jahre, Leiter der Hamburger Hochschulabteilung, Mitglied der SPD; Dr. Dr. Wilhelm Röhl, 47 Jahre, Vizepräsident des Hamburger Landgerichts, Lehrbeauftragter für Japanologie an der Hamburger Universität, parteilos; Professor Claus Wiebecke, Direktor des Hamburger Instituts für Weltforstwirtschaft, 48 Jahre, der wegen Erkrankung am Hearing nicht teilnehmen konnte und in der nächsten Woche noch befragt werden soll.

Schon in dem Kurzreferat, das die Kandidaten „zur Person" und „zur Sache" vortrugen, konnte Peter Fischer Appelt, der Favorit der Studenten und Assistenten, den ersten Vorsprung buchen, und zwar mit der Mitteilung, daß er außer seinem Theologiestudium eine abgeschlossene Kaufmannsgehilfenlehre vorzuweisen habe und Erfahrung in der Steuerberatung. Dr. Bachofer, als Kandidat der Hamburger Sozialdemokraten und der Dozenten genannt, versuchte sich mutig als „junger Bildungspolitiker der SPD" darzustellen und nahm dafür Mißfallensäußerungen der Studenten in Kauf. Dr. Meins, der Leiter der Hochschulabteilung und ältester Kandidat, führte sich jovial mit dem Hinweis ein, auch der neue Minister für Bildung und Wissenschaft sei schon 57 Jahre alt, und erntete Gelächter: „Den wollen wir auch nicht für neun Jahre wählen " Seine werbende Bitte, ihn „vielleicht doch nicht gleich so emotional" zu beurteilen, sondern ihn als Kenner des Grabenkrieges zwischen Universität und Staat in Betracht zu ziehen, brachte ihm nichts ein, im Gegenteil: Hatte er, als Leiter der Hochschulabteilung, angesichts der Notlage der Universität nicht allen Grund, mit Eigenwerbung vorsichtig zu sein? Es hätte nicht des Hearings bedurft, um festzustellen, wie sehr die Universitäts öffentlichkeit in dieser Hinsicht sensibilisiert ist: Die falschen Zungenschläge, die anbiedernd klangen und vielleicht nur ungeschickt waren, brachten Dr. Meins fröhliche Lachsalven ein, aber sie weckten wenig Interesse für seine Person.

Etwas größer waren die Chancen des Außenseiters Dr. Röhl: Er zeigte sich souverän, ihm fehlten indessen die Detailkenntnisse in der Hochschulpolitik, ein Prüfungsfach, in dem sich besonders die Studentenvertreter im Konzil versiert zeigten, allen voran Jens Litten als Primadonna assoluta.

Abgesehen von den polemischen Tönen, die er sich für seine Auftritte nicht versagen konnte, war das Hearing eine erstaunliche Kundgebung rationaler Vernunft, in deren Verlauf es Peter Fischer Appelt immer besser gelang, sich als potentieller Universitätspräsident zu profilieren: Er hatte ein Konzept und eine Menge theoretische Erfahrung, die er als Vorsitzender der Bundesassistentenkonferenz gesammelt hat. Seine Erklärungen zur Reorganisation der Hochschulverwaltung, zum Verhältnis zwischen Staat und Universität, zu den Finanzen, zur Gesamthochschule, zum Numerus clausus waren nicht nur uri: verbindliche Wohlwollenserklärungen, sondern basierten auf detaillierten Kenntnissen. Die dialektische Schulung des gelernten Theologen, sein aufklärerischer Impetus und seine intellektuelle Überlegenheit, versetzt mit sanften irenischen Akzenten, rissen die Studenten am Ende Zu Akklamationen hin.

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