Operette auf dem Eis: Doppellutz vorm "Weißen Rössl"

Wenn man sich darüber klar ist, daß Eislaufen ein Sport ist, dann sollte man keine großen Augen machen, wenn in der schönen neuen Welt das „Rheingold" geturnt würde. Denn ich glaube nicht, daß ein echter, an Begleitmusik vom Piano längst gewöhnter Turner anders reagiert als ein Mensch auf Schlittschuhen: Ein Eislauf er, der diesen verflixten Sport wirklich liebt, wird jede Gelegenheit suchen und finden, die sich zum Eislaufen bietet. Jede, wie Marika Kilius sagte.

Natürlich akzeptierte sie gleich, als der Direktor des Ersten Deutschen Eistheaters, Karl Buchmann aus Nürnberg, der schon lange für Deutschland nach einer neuen Attraktion gesucht hatte und in dem durch seine populären Melodien überaus bekannten Singspiel „Im weißen Rößl" gefunden hat, ihr anbot, die Wirtsfrau Josepha zu sein.

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Der Versuch, neue "Wege zu gehen, die bisher auf dem Eis noch nicht vorgezeichnet waren, hatte nach vierwöchiger Probe in Berlin nun in der Hamburger Efnst Merck Messehalle westdeutsche Premiere. War das nun so ungeheuer witzig und so umwerfend neu, wie der schnauzbärtige Nürnberger uns vormacht? Natürlich nicht; es war der alte Hut, den er uns aufsetzte, vorsichtig umgefärbt, Krempe gewellt, Kniff im Kopf. Aber wer trägt denn noch Hut? Es handelt sich also immer noch um Ralph Benatzkys Fremdenverkehrsoperette vom Wolfgangsee im Salzkammergut, nur daß sich, unter den gegebenen Umständen, die Sommerfrischler vom Dampfer direkt aufs Eis begeben und die Stimmen der Akteure, während diese weit nach rechts in den Saal hinein Schlittschuh laufen, ganz links beim Dampfer stehenbleiben: Den Eisläufern und Darstellern einer Eisoperette kann niemand zumuten, selbst zu singen und die Texte zu sprechen.

Das bewährte Playback Verfahren schenkt uns Leiber und Münder, die sich ganz woanders bewegen als die Stimme, die sich ihnen entringt, sowie eine dreifache Rößlwirtin: die mimende Eiskunstläuferin Kilius, die Sopranistin Erni Bieler und die Schauspielerin Gerlinde Locker — pro Fach das Beste. Und dem Hans Jürgen Bäumler hat man einen würzigen Wiener Baß aufgesetzt. Aber das alles ist ja so völlig egal: ob Benatzky oder nicht, ob „Im weißen Rößl" oder in einem flaschengrünen — das Stück ist ja bloß Vorwand für allseits beliebte sportliche Übungen. Nicht die „Personen und ihre Darsteller" muß man nennen, sondern das: Kilius Bäumler — Weltmeister und Olympia Goldmedaille; Manfred Schnelldorf er desgleichen; Julie Barnova — dreifache Juniorenmeisterin der CSSR; Margaret Godfrey und Alain Herminjard — Profi VizeWeltmeister; Boris Milec — CSSR Meister über 400 Meter Hürden, Eishockey Reservetorwart von LTTC Prag, Ballettmeister; Peter Voss — deutscher Meister; Mikko Virtanen — dreifacher finnischer Meister. Und Vera Sibrova kann ganz allein auf der Welt den Butterfly rückwärts springen.

Manchmal möchte man, wenn der Kellner Leopold (Bäumler) net zuschaun kann und für die sozial höher gestellte Wirtin aus Liebe ins Wasser springen will, rufen: Hackt schnell ein Loch ins Eis! Das Eis ist himmelblau wie der Wolfgangsee. Aber erstens ist gar kein Wasser darunter, und zweitens muß man außerordentlich zufrieden darüber sein, daß ein etwas ältliches Operettenkunststück aufgelöst wird in Bewegung, umgewandelt in Pirouetten, Doppellütze und Rittlinger, in Artistik und Variete mitsamt Ballettrevue, Clown und August sowie Lichtilluminationen. Die Kostüm Couture Eva Maria Schröders darf man da nicht auslassen, weil sie hübsch war, und nicht das Paar Godfrey und Herminjard, das als Hochzeitspaar — und vor den Protagonisten — die Note 5 5 verdiente. Es gibt viele Künste und nicht nur einen Sinn für jede Kunst. So entstand beim Betrachten dieses Eistheaterstückes die Hoffnung, 1972 in München werde bei keiner Kür mehr ein Beethoven oder Mendelssohn oder Tschaikowskij verstümmelt und mit Bernstein- oder Suppe Resten gepaart, sondern bloß eine dieser vom Wiener Herrn Halletz gearbeiteten Benatzky Paraphrasen mit Big Band, Mantovani und etwas SeatSong verwendet. Eislauf er und Bodenturner sind ungeheuer anfällig für Sentimentalitäten — man nehme ihnen die Klassikschnulze weg und gebe ihnen etwas aus der Schnulzenklassik. Wenn schon Kitsch, dann aber vom allerbesten. Und außerdem: es müßt was Wunderbares sein, die Anregung aus dem „Rößl" aufzunehmen und nunmehr die gesamte Literatur der darstellenden Musik nach Stücken durchzusehen, für die die Bühne Glatteis ist, das Glatteis hingegen die richtigen Bretter, welche bedeuten, sind. Ein Eisläufer, nicht wahr, sucht und findet jede Gelegenheit zum Eislaufen. Manfred Sack u

 
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