Leben unter dem Häubchen (II) Dreißigtausend Schwestern zuwenig
Krankenpfleger verdienen mehr / Von Ruth Herrmann
Abends in der Aufnahmestation ■ eines Krankenhauses kurz vor neun Uhr. Hinter einem Raum mit Büroschreibtischen befindet sich die Küche. Sie ist klein, dafür aber fünf oder sechs Meter hoch. Ihrem Terrazzofußboden sind die Jahrzehnte anzusehen. Eine helle Glühbirne, die von der hohen Decke herabhängt, verbreitet Wartesaalstimmung.
Zwei Schwestern hocken an den Schmalseiten des Küchentisches, der vor dem Fenster steht. Für ihre Stühle ist zwischen einem großen, alten Kühlschrank und der Abwäsche gerade noch Platz.
Im Augenblick ist nichts zu tun, und die Schwestern nützen die Pause, um Abendbrot zu essen. Sie machen keine großen Umstände. Jede hat eine Dose Quark und Margarine vor sich und ein Päckchen Brot. Dazu trinken sie Tee. Ihre Gesichter wirken, zufrieden und gelassen, aber sie sitzen auf den Stühlen, als wollten sie jeden Augenblick aufspringen. Schwestern sind ständig auf dem Sprung.
Im Vorraum läutet das Telephon. Die ältere Schwester springt auf. Die Psychiatrie wird einen Mann herüberschicken, den die Männer vom Unfallwagen dort eingeliefert haben. Die Schwester verständigt den Arzt, der gleichzeitig auch auf einer anderen Station Nachtdienst hat. Er wird kommen, sobald es geht.
. Was bis dahin zu tun ist, braucht der Schwester nicht gesagt zu werden. Sie weiß es. Zunächst jmuß ins Buch eingetragen werden, wann was geschehen ist. Die jüngere Schwester räumt inzwischen den Tisch ab, spült das Geschirr.
Nach einer Weile wird die Schwingtür des Pavillons aufgestoßen. Zuerst sieht man Füße, die lange nicht gewaschen worden sind, dann erst die Trage. Zwei Männer stellen sie auf dem fahrbaren Gestell ab, das im Eingang bereitsteht. Nun erst sieht man die Schultern und das bärtige Gesicht des Patienten. Krankenhausdecken sind meistens zu kurz.
. Der Mann auf der Trage sieht die Schwesternhauben, richtet sich auf und sagt: „So, jetzt schnell die Spritze!" „Bleiben Sie bitte liegen", sagt die Schwester, „wir wollen erst einmal sehen, was Ihnen fehlt " Die Feuerwehrleute vom Unfallwagen deuten den Schwestern mit Handbewegungen an, daß der Mann Schnäpse gekippt hat, eine entbehrliche Mitteilung, denn den Flur durchzieht eine iidTtjcksTolJe Sdmapswolke. Dana -gehen sie in "ein Abtei! ander Tür "um in ihr Meldebuch einzutragen, daß der Mann, auf der Straße als das gefunden, was amtlich „hilflose Person" heißt, hier abgeliefert worden ist.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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