Ein Bruegel-Schaubuch
Es gibt Essayisten, deren Stärke in der geistreichen Auswahl und geschickten Montierung von Zitaten besteht; im Bereich des Optischen exzelliert der Photograph Max Seidel in ähnlicher Weise. Mit dem Prachtwerk Max SeidelRoger H. Marijnissen: „Bruegel"; Chr. Belser Verlag, Stuttgart; 336 S, 264 teilweise farbige Abb, 192 — DM gibt er von den als gesichtert geltenden Gemälden Pieter Bruegels des Älteren außer einer Gesamtansicht Ausschnitte, deren Zahl oft zwanzig und mehr beträgt.
Sein Vorgehen rechtfertigt sich zuerst einmal durch den Umstand, daß vielf igurige Bilder Bruegels wie etwa „Der Triumph des Todes" (Madrid) oder die „Dulle Griet" (Antwerpen) auch auf einer vergleichsweise großformatigen Wiedergabe nur mit der Lupe „lesbar" sind. Ja, auf einigen Gemälden ist bei einer Gesamtreproduktion sogar das Hauptthema schlechthin unauffindbar. So zum Beispiel auf der „Bekehrung Pauli" (Wieri), wo die Figur des gestürzten und geblendeten Christen Verfolgers zu identifizieren kaum jemandem gelingen dürfte Ähnlich vexierbildhaft sind auch Darstellungen wie „Der Selbstmord Sauls" in Wien oder „Die Anbetung der Könige im Schnee" in der Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur.
In diesen und anderen Fällen kann der Bildinhalt einzig und allein durch Detailaufnahmen verständlich gemacht werden.
Max Seidel begnügt sich aber nicht mit der Vermittlung solcher „Lesehilfen". Sein Hauptanliegen ist es vielmehr, durch die Herausstellung von Einzelheiten den Beschauer auf verborgene Feinheiten und Schönheiten im Werk Bruegels aufmerksam zu machen.
Ein gutes Beispiel dafür ist seine Behandlung der kleinen Tafel „Der Nesträuber" (Wien). Der Kopf der Mittelfigur, der auf dem Original 57 mm im Geviert mißt, wird hier in fast vierfacher Vergrößerung gezeigt. Auf diese Weise kommen Vorzüge der Pinselhandschrift, der Modellierung und des Ausdrucks zur Geltung, die wohl den meisten Betrachtern des Bildes entgehen. Ähnliches läßt sich vom „Gleichnis von den Blinden" (Neapel) sagen. Die Köpfe der fünf Blinden gewinnen in Seidels lebensgroßen Wiedergaben erschütternde Ausdruckskraft. Die in diesem Band geübte Kunst des Zitierens beweist, daß Bruegels Gemälde in den meisten Fällen aus Bildern im Bilde zusammengesetzt sind. Denn mit wenigen Ausnahmen haben die Ausschnitte keinen Fragmentcharakter, sondern stellen wohlausgewogene, für sich selbst bestehende Kompositionen dar.
Und noch eine -andere Eigenschaft Bruegels kommt dem Unternehmen entgegen: die Tatsache, daß auch das mit raschem und kühnem Pinsel Hingeworfene von ungewöhnlicher Beobachtungsschärfe zeugt. Das Geflecht eines Korbes, eine Brombeerranke, ein frierender Hund , die Gebärde eines brotschneidenden Bauern — alles ist von bestürzender, hinreißender Lebenswahrheit und fülle.
Das Oeuvre Bruegels ist zahlenmäßig klein: 44 Gemälde führt der Katalog auf, und von diesen werden 40 abgebildet. Diese Zahl aber erfährt hier eine Vermehrung um fast das Sechsfache auf 224 Färb- und Schwarzweißabbildungen.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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