Ein Kaiserreich ohne Parteien
K aiser Haile Selassie von Äthiopien, der dienstälteste Staatsmann der Welt, ist wahrscheinlich 1892 geboren; Seit 1916 spielt er eine Rolle in der äthiopischen Politik, zunächst, als Prinzregent. 1928 wird er zum Negus gekrönt, zwei Jahre später zum Negus, Negesti, zum König der Könige. Man bezeichnet seine Herrschaft vielfach als stabil — trotz der „Befreiungsfront von Eritrea" und der gelegentlich aufmukkenden Studenten in. Addis Abeba (Erst vorige Woche wurde wieder eine „Verschwörung" gegen den Negus aufgedeckt ) Man nannte sein Regime despotisch, mittelalterlich, archaisch Und vieles mehr; doch wurde jeweils listig hinzugefügt, daß es im Grunde nicht zu definieren sei. Nun hat es in vierjähriger Kleinarbeit der britische Wissensehaf tler - Christopher Clapham dennoch versucht. Das Ergebnis liegt vor Christopher Clapham: „Haile Selassies Government"; Longmans, London 1969; 328 S , Der erste Teil des einleitenden Kapitels über Land und Leute ist enttäuschend. Clapham kann dem Leser, nicht: klarmachen, warum dieses Äthiopien zwar in Afrika liegt, aber eigentlich nicht afrikanisch ist. Im zweiten Teil erst und ein wenig plötzlich nimmt er eine spezifisch eigene Entwicklung, Äthiopiens an; Dreh, und "Angelpunkt ist die politische Kultur der Amharer — der dominierenden ethnischen Gruppe des Landes, Dieser Begriff wurde von Donald, N. Levine im Jahre 1965 geprägt und ist heute in der Äthiopien Literatur „en vogue". Er unterstellt, daß die Vorstellungswelt der Amharer den Aufbau einer nationalen Kultur gefördert habe und sogar als konstanter politischer Faktor noch heute wirksam sei. Clapham meint gar, ihr Bezug zum Regime Haile Selassies sei in jedem Kapitel seines Buches gegenwärtig.
Nun ist der Begriff von der politischen Kultur der Amharer sehr praktikabel, eine Art alles erklärender Manitu, doch eben deshalb sollte man ihm mit Mißtrauen begegnen (Ähnlich begeistert mag man in den zwanziger Jahren LevyBrühls These vom primitiven Denken der Afrikaner aufgenommen haben ) Problematisch ist auch Claphams historischer Rückblick, weil er die jüngste Vergangenheit seit Tewodros II (f 1868) auf Kosten der davorliegenden knapp zwei Jahrtausende „äthiopischer" Geschichte überbewertet. Ein erstaunlicher Vorgang, steht doch bei Clapham ansonsten die Kontinuität der äthiopischen Geschichte hoch im Kurs. Doch seis drum, vielleicht ist seine Per spektive „richtiger".
Was aber Polemik geradezu herausfordert, ist die Darstellung der Persönlichkeit und Ära Haile ; Selassies. Clapham analysiert nicht sorgfältig : genug, ja, er bleibt den Beweis für die jeweils alles überragende Position des Kaisers schuldig, Allerdings verdient er in diesem Punkt mildernde Umstände, denn es gibt leider noch keine verläßliche Biographie des Kaisers. Die vorhandenen sind — von den offiziösen Lobhudeleien ganz zu schweigen — freundlich oberflächlich und völlig unzureichend, die von Christine Sandford, einer persönlichen Freundin des Hofes, in , noch stärkerem Maße als jene von L. Mosley. Beide dürften erheblich dazu beigetragen haben, aus Haile Selassie den „Großen" zu machen, eine Tendenz, die Clapham sehr entgegenkommt, nur ist er zu intelligent, als daß er dieses Biographen Dilemma nicht bemerkte: Er mokiert sich sogar hin und wieder über Mosleys Kaiserleben (wie sich auch Mosley in seiner Haile Selassie Biographie über diejenige der Sandford lustig ge macht hat), doch vermag Clapham nicht der Versuchung zu widerstehen, Mosley immer dann ernsthaft zu zitieren, wenn er dadurch die eigenen Behauptungen stützen kann.
Freilich, manchmal muß selbst der Haile Selassie Fan Mosley manipuliert werden, um den Mythos vom allmächtigen Kaiser zu retten. So wird etwa die Zeit der italienischen Besetzung des Landes (193641) samt ihrer Vor- und Nachgeschichte in wenigen Zeilen abgetan, weil sie eben nicht zum Bild des „großen Mannes" paßt. In - dieser Phase nämlich war der Löwe von Juda in die Mühlen der Weltpolitik ge: raten und zu ihrem Spielball geworden (nachzulesen im ersten Band der Memoiren Edens), ehe er von Churchill auf eine wunderliche und oft erniedrigende Weise zum Rückeroberer aufgebaut werden konnte. Dies wiederum kann man bei kritischer Lektüre sogar der Darstellung Mosleys entnehmen. Wie es genau zuging, weiß Salomon! In der Kriegs- und Nachkriegsphase trifft auf den Negus Negesti jedenfalls das böse Wort von Lee zu, wonach jeder Mensch in seinem eigenen Leben nur eine kleine Episode spielt. Entscheidend für die künftige Entwicklung Äthiopiens wurde jedoch, und das unterschlägt Clapham: daß der Prestigeverlust des Kaisers eine Fortsetzung der großen Reformen verhinderte. Dafür war nach 1941 der Widerstand der konservativen Kreise zu groß. Haile Selassie hatte schon reformieren wollen, bloß dürfen hat er sich halt nicht getraut. Beispiel dafür ist das traurige Schicksal der Landreform.
Clapham dagegen muß bei seiner Einschätzung des Kaisers das gesamte System als traditionelles Ein Männ System sehen, das mit Haile Selassie steht und fällt. Er hat sich hier zu sehr auf die herrschende Meinung der älteren Literatur verlassen. Dennoch ist sein Buch lesenswert. Es enthält Einsichten, die zum Verständnis des heutigen Äthiopiens nötig sind und bisher so klar noch nicht publiziert wurden.
Wichtig ist Claphams Hinweis auf die Palastregierung, die neben der Person des Kaisers einen weiteren traditionellen — wenn auch immer schwächer werdenden — Faktor in der äthiopischen Politik darstellt. Sie war trotz der Verfassung möglich, die nach Clapham nicht so sehr durch ihren Text als durch die herkömmliche politische Praxis wirksam ist. Ehe diese Art des Regierens überhaupt beeinflußt werden konnte, hatte man die importierte Verfassung bereits angepaßt. In der Nachkriegszeit seien, so meint Clapham, einige Institutionen in der Umgebung des Kaisers modernisiert worden, darunter das kaiserliche Sekretariat. Und schließlich habe selbst der Kaiser etliche Vollmachten delegiert, nur sinnigerweise immer so, daß sie sich seiner persönlichen Kontrolle nicht entzogen. Er blieb der Herrscher, der den Staat zusammenhält. Nach alledem ist das Fehlen politischer Pirteien in Äthiopien nicht verwunderlich. Sie wirden der kaiserlichen Herrschaft durch Persoren widersprechen, abgesehen davon, daß der Aaserwählte Gottes seine Macht immer als von Gjtt kommend betrachtet hat. Clapham versichert glaubhaft, daß nie ernsthaft daran geda:ht wurde, in Äthiopien politische Parteien zuzulissen — Was aber geschieht nach dem Tode des Kaisers? Eine Alternative zu seiner Autorität existiert nach Clapham nicht. Die Quellen der traditionellen Macht aber versiegen langsam. Das Parlament — eine Ansammlung von Vertretern der besitzenden Schichten — verspricht wenig Gutes für die Zukunft. Auch cjie politische Elite — mehr eine Gruppe von Bürokraten — verdient kaum Vertrauen, fehlt ihr doch jede Mackgrundlage. Bleibt also — aus Afrika nichts Neues — allein die Armee für eine Machtübernahme.
Die Perspektiven eines Putsches hält Clapham für furchterregend: Eine Militärregierung bedeutete einen härteren außen- und innenpolitischen Kurs (gegen Somalia und gegen die Studenten) und weniger Stabilität. Die Armee ist nämlich ein getreues Abbild der äthiopischen Zersplitterung. Sie offeriert gleich drei Spaltungsmöglichkeiten: zwischen den Teilstreitkräften (oder der Leibwache und der Truppe), zwischen den alten und jungen Offizieren und schließlich zwischen den ethnischen und regionalen Gruppen.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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