Ein Volk im Schutzanzug

Patentrezept gegen ABC-Waffen? / Von Karl-Heinz Janßen

In derselben Woche, als Präsident Nixon für die USA auf den Ersteinsatz chemischer Waffen (C Waffen) verzichtete, die Sowjetunion in der UN Vollversammlung dringend Verhandlungen über eine Konvention zum Verbot von Bund C Waffen forderte und Ungarn, Polen und die Mongolei beantragten, auch Tränengas und ähnliche Stoffe in das Verbot einzubeziehen — in einer Woche weltweiter Anstrengungen, diese unheimlichen Gefahren einzudämmen, erklärte der Präsident des Bundesamtes für zivilen Bevölkerungsschutz, Paul Wilhelm Kolb: Man müsse der Bevölkerung in der Bundesrepublik erst noch ein „Gefühl" der Gefahr" vermitteln, damit sie sich endlich gegen einen möglichen Krieg mit A, B- und C Waffen schütze und die Arbeit der Zivilverteidiger unterstütze. Es mutete wie ein Schattenboxen an, als auf dem Süllberg in Hämburg Blankenese Schutzexperten, Militärs und Journalisten darüber diskutierten, wie und ob überhaupt die westdeutsche Bevölkerung vor atomaren, biologischen und chemischen Gefahren behütet werden solle. Auf der einen Seite agitierten die Zivilschützer vom Dienst, die am liebsten das ganze Volk in Luftschutzwarte verwandeln und unter die Erde kriechen lassen möchten, auf der anderen Seite illusionslose Militärs und Journalisten, an ihrer Spitze Graf Baudissin, die einen Totalsmutz gegen Massenvernichtungswaffen für unerreichbar und deshalb solche Überlegungen für nutz , wenn nicht sogar sinnlos halten. Im Gegensatz zu Kolb hält General a. D. Baudissin die Bundesrepublik für nicht besonders gefährdet: „Wir müssen uns nur gegen das Wahrscheinliche schützen, nicht schon gegen das Denkbare " Einen Angriffskrieg mit C Waffen zum Beispiel rechnet er nicht zu den wahrscheinlichen Gefahren.

In derselben Veranstaltung aber ließ das Deutsche Rote Kreuz zum erstenmal einen sogenannten ABC Volksschutz Anzug vorführen, der nicht nur gegen radioaktiven Fall out und vom Feind ausgestreute Krankheitskeime schützt, sondern auch gegen alle bekannten Kampfstoffe, einsch :ßlich der Nervengase, die durch die Haut wirksam werden können. Ist die Bundesrepublik tatsächlich so bedroht, wie Präsident Kolb es ausmalte — immerhin sollen mindestens fünfzehn Prozent des sowjetischen Potentials in der DDR aus C Waffen bestehen, immerhin lagern in den Depots der 7 amerikanischen Armee Granaten, Raketen und Bomben für den Gaskrieg —, dann wundert es einen freilich, warum es die amtlichen Zivilverteidiger in zehn Jahren und trotz Ausgaben von rund 4 8 Milliarden Mark nicht fertiggebracht haben, einen solchen All Katastrqphen Schutzanzug zu entwickeln. Denn die Entstehungsgeschichte dieses Anzuges ist fast noch bemerkenswerter als das Erzeugnis selbst. Er ist das Produkt bürgerlicher Selbsthilfe , Es fing damit an, daß der junge Offizier Hasso von Blücher in der Bundeswehr für die Abwehr von A, B- und C Waffen ausgebildet wurde. Fassungslos mußte er feststellen, daß ein Schutz der Zivilbevölkerung gegen C Waffen gar nicht vorgesehen war „In den ersten Wochen nach meiner Entlassung hatte ich dauernd Visionen, wenn ich auch nur ein Wölkchen am Horizont schweben sah Der Soziologiestudent widmete zwei Jahre seiner Studienzeit den Fragen des Bevölkerungsschutzes, schrieb an alle möglichen Behörden und Unternehmen, sah sich aber immer wieder auf die private Initiative zurückgeworfen. Schließlich fand er mit Hilfe von Freunden und Verwandten eine große Firma in Deutschland, einen italienischen Konzern und ein Laboratorium in der Schweiz, die bereit waren, das Projekt ohne großen Aufwand zu entwickeln. In Zusammenarbeit mit Experten des Roten Kreuzes, des Johanniterordens und der Bundeswehr und dank der Systemerfahrungen der NASA kam dann ein vielseitig verwendbarer Anzug zustande, der aus antistatischer, selbstlöschender PVC Folie mit eingespritzten Metallwaben hergestellt wird. In den Produktionsstätten der westfälischen Blücher KG ist inzwischen die Serienproduktion angelaufen: Aufträge aus sechzehn Ländern liegen bereits vor. Der Anzug kostet (ohne Filter) je nach Größe zwischen vierzehn und achtunddreißig Mark. Von einer Produktion ab 150 000 Stück erwarten die Hersteller einen Gewinn.

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So begrüßenswert es ist, daß es endlich auch für Zivilisten einen Schutzanzug gibt, der bei ABC Katastrophen, aber auch bei industriellen Unglücksfällen, Flutkatastrophen und so weiter verwendet werden kann, so bedenklich ist es, daß die Zivilschutz Ideologen daraus einen „Volksschutz Anzug" gemacht haben, der an die Volksschutzmaske unseligen Angedenkens erinnert. Die vorläufigen Richtlinien für den Gebrauch, die das Bundesamt für den zivilen Bevölkerungsschutz herausgegeben hat, lesen sich wie eine Mischung aus einem Horror Roman und einer Fibel für den Vorschulunterricht im Kindergarten „Bei ABC Alarm . Klebestreifen von den orangefarbenen Tragtaschen abreißen und den ABC Volksschutz Anzug herausnehmen . Durch den Mund einatmen, durch die Nase wieder ausatmen . Steht kein Schutzraum mit Atemluftfilterung zur Verfügung , so sollten alle Insassen eines unausgebauten Kellers den ABC Volksschutzanzug ständig tragen. Sieht der Träger eine Anzahl handelsüblicher Mülltüten im Innenraum des Anzuges vor, so kann er Notdurft verrichten und die verknoteten Tüten zwischen Hosenbund und Blusenband auswerfen, ohne Haut- und Atemschutz aufzugeben " Kritikern der Schutzideologie halten die Experten entgegen, daß nur sehr Wenige Menschen (nämlich die mit der höchsten Geheimhaltungsstufe) das ganze Ausmaß der Gefahren abzuschätzen wissen, die in den unterirdischen Depots lauern. Die Öffentlichkeit wurde erst im letzten Sommer aus ihrer Lethargie geweckt, als auf dem amerikanischen Stützpunkt Okinawa 24 Soldaten durch ausgeströmtes Nervengas vergiftet worden waren. Nun erfuhren auch die Bürger der Bundesrepublik, daß hierzulande seit Jahren amerikanische C Waffen gelagert werden. (Die Bundesrepublik selber hat auf die Herstellung solcher Waffen verzichtet ) Die Militärs erklärten damals Bundesaußenminister Brandt auf seine besorgten Fragen: „Solange der mögliche Gegner wisse, daß die Allianz in der Lage sei, einen Angriff mit chemischen Waffen zu beantworten, sei die Gefahr, daß es zu einem Einsatz dieser Waffen komme, sehr gering "

 
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