Fünf arme Minuten für den Herrn der Ewigkeit
Morgenandachten im Rundfunk Von Heinz Hinse SJ
Fünf arme Minuten räumt man dem Herrn der Ewigkeit täglich im Rundfunk ein! Und was bieten uns diese fünf Minuten? Es ist das Lallen eines Volltrunkenen, dessen, Worte nur die erreichen, die wirklich hellwach sind So schrieb kürzlich ein Hörer an den NDR.
Solche fünf Minuten gibt es in allen deutschen Rundfunkprogrammen, im Deutschlandfunk, im Norddeutschen und Westdeutschen Rundfunk als „Morgenandacht", obwohl es eigentlich keine Andacht mehr ist, bei anderen Sendern als „Geistliches Wort", „Wort in den Tag", „Zuspruch am Morgen", „Worte für den Tag" oder auch „Minute der Besinnung". Die Auswahl der Sprecher für diese sogenannte Verkündigungssendung und die Redaktion ihrer Texte sind maßgeblich Angelegenheit der kirchlichen Beauftragten bei den einzelnen Sendern. Die Sendung in den „armen fünf Minuten": ist umstritten, oft zu Recht, meist zu Unrecht, wie die Erfahrung lehrt — wie neue Untersuchungen beweisen. Unter den kulturellen Wortsendungen haben die Morgenandachten die größte Hörerbeteiligung. Sie profitieren von der hohen Einschaltquote am Morgen. Eingebettet zwischen Unterhaltungsmusik und Nachrichten werden sie von den meisten Hörern „mitgenommen", zumal wenn sich, wie beispielsweise im Sendebereich des NDR, kein Kontrastprogramm zum Umschalten anbietet. So hat der Sprecher die Chance, Weghörer und Überhörer zum Zuhören zu bringen. Einer der Hörer drückte das so aus: „Am Montag entscheide ich, ob ich mich in der Woche trocken oder naß rasiere " Das Hörerecho, soweit es durch Briefe an den Sender oder an die Sprecher bekannt wird, ist bisher überwiegend positiv. Einzelne Sprecher bekommen dreihundert und mehr Hörerbriefe, überwiegend von Frauen. Meist enthalten diese Briefe nur ein Dankes wort („Gott, Ihnen und dem Rundfunk sei Dank") oder die Bitte um Übersendung eines Manuskripts „zum Weiterverschenken", „als Grundlage für ein seelsorgliches Gespräch", „um sie den jungen und alten Menschen in meiner Umwelt, die sie wegen mancher körperlicher Behinderungen nicht hören können, vorzulesen", „um sie immer wieder durch zulesen und daraus täglich ne tue ICjafzü schöpfen", „urn>sie in meiner Klasseals Disiussionsanregung anzubieten".
Nun sagt ein positives Hörerecho noch wenig über die tatsächliche Qualität und Wirksamkeit einer solchen Sendung. Die Sprecher der Morgenandachten oder zumindest die krichlichen Beauftragten müssen auch die Ergebnisse der Wirkungsforschung berücksichtigen. Offenbar sind sie sich noch nicht ganz einig über die Kriterien für Erfolg und Mißerfolg. Da kann eine Diplomarbeit weiterhelfen, die kürzlich im Psychologischen Institut der Universität Hamburg abgeschlossen wurde. Reinhold Schwab und AnneMarie Tausch analysierten im Hinblick auf 29 zuverlässig meßbare Merkmale 70 Morgenandachten von 35 Sprechern, die in den Jahren 1965 bis 1968 vom NDR gesendet wurden (ausführlich werden die Ergebnisse Anfang 1970 in der „Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie" veröffentlicht). Zwar lagen den Autoren nur die Manuskripte der Morgenandachten vor, so daß sie die Wirkung der Stimme und die Art des Vortragens nicht berücksichtigen konnten. Auch standen ihnen als Bewerter nur Studenten zur Verfügung, also eine relativ kleine Gruppe unter den Hörern. Doch trotz dieser Einschränkungen sind ihre Ergebnisse nicht nur für Experten aufschlußreich genug. Das von den Autoren ermittelte „optimale Merkmalsprofil" einer Andacht, die „möglichst viele Hörer unserer Zeit positiv anspricht", enthält unter anderem folgende Merkmale: Der Text ist klar, verständlich. Die geäußerten Einstellungen sind fortschrittlich, modern. Die kritische Vernunft des Hörers wird berücksichtigt. Die Sprache ist nüchtern, sachlich. Religiöse Inhalte werden in zeitgemäßer Sprache dargestellt. Das behandelte Thema ist lebensnah. Die Ausdrucksweise ist konkret. Vor allem zeigte sich, daß der Verzicht auf religiös theologische Begriffe wie „Gott", „Jesus", „Sünder", „Gnade" noch keinen Verzicht auf Religiosität bedeutet. Vergleicht man nun die, Ergebnisse dieser psychologischen Untersuchung mit der Konzeption der Morgenandacht, wie sie von den dafür verantwortlichen Theologen vertreten wird, so kommt man zu interessanten Übereinstimmungen. Die Theologen verstehen die Morgenandacht als eine „offene Meditation", das heißt: Der Sprecher soll von Fragen und Ereignissen ausgehen, die gerade jetzt viele Menschen, einzelne oder Gruppen, interessieren und bewegen. Nun soll er versuchen, aus seinem Glauben heraus eine Antwort zu finden. Diese Überlegung oder „Meditation" ist insofern „offen", als sie den Hörer als Partner beteiligt. Dabei soll der Hörer weder „vereinnahmt" noch belehrt werden. Je ehrlicher und bescheidener der Sprecher ist, desto eher wird der Hörer bereit sein, ihm zuzuhören und das Gesagte zu akzeptieren, mag er sich auch sonst von keiner Form kirchlicher Verkündigung angesprochen fühlen.
Doch trotz aller Bemühungen gibt es immer wieder Sprecher, die bei ihren Hörern fundierte BibelkenntnisSe und theologisches Fachwissen voraussetzen, die sich mit der Betrachtung innerkirchlicher Paradiesgärtlein begnügen, die eine Lösung auf alle. Fragen parat haben, die mit solcher Selbstverständlichkeit vom lebendigen Gott reden, als hätten sie den Slogan „Gott ist tot" nie gehört. Allzu oft fehlt in den Morgenandachten auch der aktuelle Bezug. So glossierte die Programmzeitschrift „Hör zu" mit Recht, daß am Morgen der ersten Mondlandung die Morgenandacht im NDRWDR mit keinem Wort auf dieses Ereignis einging.
Der Sprecher hätte zumindest die Chance gehabt, zu einem Thema das zu sagen, was sonst niemand gesagt hat oder zu sagen wagte. Das wird ja heute in der Öffentlichkeit von der Kirche erwartet. Größere Aktualität wäre vielleicht zu erreichen, wenn man die Morgenandachten live aus dem Studio übertragen könnte. In wenigen Fällen, so nach der Besetzung der CSSR und nach der Ermordung der beiden Kennedys, ist das auch schon geschehen. Doch bedeutet es für den Sender und auch für die meisten Sprecher ein geringeres Risiko, wenn die Aufnahmen schon eine Woche vorher „im Kasten" sind. Außerdem kann die Morgenandacht selbstverständlich nicht ständig die Tagesaktualität berücksichtigen; sie solltevor allem auf das Zeitlose im Zeitgeschehen eingehen.
In einer Umfrage des Süddeutschen Rundfunks wurde einmal festgestellt, daß von den 21 Prozent der Hörer, die am Morgen ihr Gerät auf den SDR eingestellt haben, neun Prozent ab schalten oder auf einen anderen Sender ausweichen, sobald das „Geistliche Wort" beginnt. Von den verbleibenden zwölf Prozent legten nur sieben Prozent Wert auf die Sendung; sie wollen sie erhalten wissen. Zwar sind das immer noch weit mehr Hörer als bei den übrigen Kirchenfunksendungen, die allein von funkeigenen Kräften redigiert werden, doch, ein solcher Hörerschwund hat den kirchlichen Beauftragten zu denken gegeben. Umfragen bei anderen Sendern könnten vielleicht zu ähnlichen Ergebnissen kommen, wenn auch zum Beispiel beim NDR die Hörerbeteiligung am Morgen weit höher als 21 Prozent ist.
Die Konsequenz kann nicht sein, die Sendung abzuschaffen. Zu viele Hörer würden dagegen protestieren. Das zeigte sich schon an den positiven Leserbriefen an „Hör zu" und „Deutsches Allgemeines i Sonntagsblatt", die über eine kritische Analyse des „Geistlichen Wortes" im Süddeutschen Rundfunk berichtet hatten. Die Konsequenz kann also für die Sender und die kirchlichen Beauftragten nur heißen: das Beste daraus machen.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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