Heinz Michaels: Geprellt in alle Ewigkeit?
Sie ist an die Gewerkschaften noch nicht herangetragen worden — zumindest offiziell noch nicht —, die Forderung, daß sie nun wieder Zurückhaltung üben müßten bei ihren Lohnforderungen, damit die wirtschaftliche Entwicklung nicht gefährdet werde. Doch wer zwei und zwei zusammenzählen kann, der muß diese Forderung erwarten so sicher wie das Amen in der Kirche.
Schon hat der scheidende Bundesbankpräsident Blessing erklärt: Wenn Löhne und Preise im bisherigen Tempo steigen, dann müsse die Bundesbank ähnlich wie 1966 wieder zu harten Maßnahmen greifen. Das aber würde zu einer starken Abkühlung der Konjunktur führen.
Und wieder ist es ein sozialdemokratischer Wirtschaftsminister, der in seiner Konzertierten Aktion den Gewerkschaften diese harte Nuß wird servieren müssen.
1967, als es darum ging, die Wirtschaft wieder anzukurbeln und die Arbeitsplätze zu sichern, hatte Karl Schiller sie überzeugen können, daß nun erst einmal die Gewinne der Unternehmer steigen müssen, damit diese wieder Mut fassen zu investieren. Als Ausgleich versprach er den Arbeitnehmern „soziale Symmetrie".
Es ist niemals geklärt worden, was der Minister eigentlich unter diesem Versprechen verstanden hat.
Tatsache ist jedoch, daß im darauffolgenden Jahr die Effektivlöhne nur um knapp fünf Prozent gestiegen sind, die Unternehmergewinne dagegen um fast 22 Prozent.
Seitdem gibt es einen lautstarken Streit um den „Nachholbedarf der Arbeitnehmer", der auch nicht damit aus der Welt geschafft wird, daß sich die Verhältnisse in diesem Jahr wieder zugunsten der Arbeitnehmer verschoben haben.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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