In Japan ist die Epoche der Nachkriegszeit vorüber Griff nach der Großmacht

Wirtschaftliche Kraft ist die Basis für Tokios außenpolitischen Aufstieg Von Peter Grubbe

Die Demonstranten trugen Transparente und rote Fahnen. Es waren etwa zweihundert junge Leute. Sie marschierten in Viererreihen durch die Ginza, die lichtfunkelnde Hauptgeschäftsstraße von Tokio. An einer Kreuzung war Polizei postiert. Etwa ein Dutzend Polizisten mit Schutzhelmen und Schilden aus Aluminium sperrten den Fahrdamm. In einer Seitenstraße standen zwei Lastwagen voll mit weiteren Polizisten.

Als die Demonstranten auf die Polizei trafen, stockte der Zug. Sprechchöre ertönten. Sie protestierten gegen Atomwaffen, gegen die Amerikaner und gegen die „Kriegspolitik der Regierung". Die Gesichter der jungen Männer waren böse. Fäuste wurden geballt. Aber es kam nicht zum Zusammenstoß. Eine Straßenschlacht, wie die japanische Hauptstadt sie in den letzten Jahren immer wieder erlebte, blieb aus. Wahrscheinlich war die Zahl der Demonstranten zu gering. Zögernd schwenkte der Zug in eine Nebenstraße, in die ihn die Polizei dirigierte. Nach kurzer Zeit waren auch die Rufe, die die „Kriegspolitk" verdammten, im Verkehrslärm verhallt.

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Am Abend sprach ich mit einem in Tokio akkreditierten indischen Diplomaten über die Straßenschlachten zwischen Studenten und Polizei, über Stärke und Aussichten der sozialistischen Opposition in Japan. Der Inder lächelte zynisch: „Die Sozialisten haben überhaupt keine Aussicht, jedenfalls vorläufig nicht. Sie sind nur eine Tarnung für die. Regierung. Hinter den Demonstrationen versteckt sich nämlich der neue japanische Militarismus, den wir zur Zeit erleben " Die Beziehungen zwischen Japan und Indien sind schlecht. Es gibt zu viele grundsätzliche politische Meinungsverschiedenheiten zwischen der konservativen Regierung in Tokio und der sozialistischen Regierung in Neu Delhi. Dazu kommt die kaum verheimlichte Verachtung der beiden Völker füreinander. Für die tüchtigen erfolgreichen Japaner sind die Inder Habenichtse, die noch dazu ihre Umwelt ständig belehren wollen. Die Inder dagegen, die lieber philosophieren als arbeiten, sehen schon deshalb auf die Japaner herunter, weil diese „sich ständig verbeugen", sie halten ihre nationale Disziplin für Militarismus.

Hinzu kommt noch ein dritter Grund: „Indien hat fünfhundert Millionen Menschen, die zu faul sind, sich selber zu ernähren, das ist alles", meinte ein japanischer Industrieller, „aber das gibt ihnen doch keinen Anspruch, darauf, in Asien die Rolle einer Vormacht zu spielen " Hier wird die vermutlich wichtigste Ursache für das gespannte Verhältnis zwischen Tokio und Neu Delhi erkennbar: die politische Rivalität und der Kampf zwischen den beiden Staaten um die Vormacht im nichtkommunistischen Asien. Solange Nehm lebte, war Indien dank der Persönlichkeit seines Regierungschefs trotz seiner wirtschaftlichen Schwäche der anerkannte Sprecher der Dritten Welt und zugleich die politische Führungsmacht Südasiens. Aber seit Nehrus Tod sind Einfluß und politische Bedeutung ständig zurückgegangen. Heute versucht Japan, vorsichtig, aber zielbewußt, sich in diese Position hineinzuschieben.

Noch vor wenigen Jahren war das kaum vorstellbar. Die militärischen Erfolge der Japaner in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs und die Brutalität ihrer Kriegführung hatten in den Völkern Südostasiens, von Korea bis Indonesien und von Burma bis zu den Philippinen, ein solches Ressentiment hinterlassen, daß alles, was aus Tokio kam, auf spontane Ablehnung stieß. Mißtrauen und Abneigung waren stärker gegenüber den Japanern als gegenüber den ehemaligen europäischen Kolonialherren, selbst in ehemaligen Kolonien wie Indonesien oder Malaysia. Japan hat sich dieser Stimmung in den ersten zwei Jahrzehnten nach Ende des Krieges angepaßt. Tokio verzichtete auf außenpolitische Aktivität, es konzentrierte sich noch stärker, als Bonn dies tat, auf die wirtschaftliche Entwicklung des eigenen Landes. Der psychologische Schock, den die Niederlage von 1945 im japanischen Volk ausgelöst hatte, verschaffte dieser passiven Außenpolitik die fast einmütige Zustimmung im eigenen Lande , Das hat sich inzwischen geändert: Die Epoche der außenpolitischen Zurückhaltung ist vorbei. Das zeigt sich besonders deutlich in dem Kampf um die Rückgabe, der bisher von den Amerikanern besetzten Riu Kiu Inseln mit Okinawa. Die Forderung nach Rückgabe Okinawas kam ursprünglich nicht von der Regierung, sondern von der japanischen Linken, von der sozialistischen Opposition. Sozialisten und Studenten ging es dabei allerdings nicht um die Rückkehr der verlorenen Südinseln unter japanische Souveränität, sondern um den Abzug der Amerikaner; denn die Amerikaner haben auf Okinawa Atomwaffen stationiert — die wollten sie entfernen. In den letzten anderthalb Jahren aber wurde die Rückgabe 4er Inseln für Japan immer mehr zu einer „nationalen Forderung". Die Regierung erhob sie unter dem wachsenden Druck nationaler Kreise, die nicht so sehr an einer Entfernung der amerikanischen Atomwaffen interessiert waren als vielmehr an einer Rückkehr der von den Amerikanern verwalteten Südinseln ins Japanische Reich. Der Abgeordnete Hiroo Furnuchi, früher Botschafter und heute Sprecher der Regierungspartei für die Auslandspresse, machte in einem Gespräch daraus kein Hehl: „Die Abneigung gegen Atomwaffen spielt in Japan zwar noch immer eine große Rolle. Das geht auf den Krieg zurück. Aber für die meisten Japaner ist es heute wichtiger, daß wir endlich keine Besatzungstruppen "und keine besetzten Gebiete mehr haben. Wir wollen unser Land wieder selber regieren. Schließlich ist der Krieg jetzt 25 Jahre vorbei " Aber für Japan ist nicht nur der Krieg, auch die Epoche der Nachkriegszeit ist inzwischen vorüber.

Der Krieg — das war für Japan die Atombombe und die Niederlage. Von beiden will Japan heute nichts mehr wissen. Auch nicht in Hiroshima, wo die Bombe fiel. Dort ist inzwischen eine funkelnagelneue, quicklebendige Stadt mit über einer halben Million Einwohner entstanden. Ein zerstörtes Gebäude, die Ruine der ehemaligen Industrie- und Handelskammer, wird als Mahnmal gepflegt, so wie in Berlin die Gedächtniskirche. Sonst aber ist Hiroshima lediglich eine japanische Großstadt. Der Krieg ist Geschichte.

Die Nachkriegszeit — das war für Japan das ungezählte Male beschriebene Wirtschaftswunder vom berühmten „Blitzzug", der in drei Stunden von Tokio nach Osaka fährt, bis zu den Werften! in Yokohama, wo die größten öltanker der Welt gebaut werden, von weiträumigen Industrieanlagen, in denen die modernsten Photoapparate und die besten Transistoren der Welt, in denen Kühlaggregate, Baumaschinen und Autos am Fließband entstehen, bis hin zu Laboratorien, in denen neue Medikamente, elektronische Apparaturen und Computer entwickelt werden: eine einzige, riesige Fabrik. Die Nachkriegszeit — das waren zwei Jahrzehnte, diedas Land der Geishas und Kirschblütenfeste zum drittgrößten Industrieproduzenten der Welt machten, zu einer wirtschaftlichen Großmacht.

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