Beherrschtes „Brudervolk 1 Holland in Not
Aus der Praxis nationalsozialistischer Annexionspolitik
Bei seinem Staatsbesuch in den Niederlanden ist Bundespräsiden: Heinemann vielerorts auf die Spuren gestoßen, die der von den Deutschen ins Land getragene Krieg hinterlassen hat Über das Ausmaß der nationalsozialistischen Annexions- und Rassenpolitik, besonders in den Jahren 194041, kann man sich seit geraumer Zeit in der Studie eines jungen "Wissenschaftlers informieren: Konrad Kwiet: „Reichskommissariat Niederlande. Versuch und Scheitern nationalsozialistischer Neuordnung"; Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 17; Deutsche Verlags Anstalt, Stuttgart 1968; 172 Seiten, Pb. 9 80 DM.
Kwiet hat die Besatzungspraxis in den Niederlanden nicht nur dargestellt und analysiert, sondern auch versucht, den zeitlich chronologischen und ideologisch politischen Zusammenhang zwischen den Zielen nationalsozialistischer Machtpolitik und der Besatzungspraxis herauszuarbeiten. Die Niederlande waren erobert worden in der Zeitspanne zwischen dem deutsch sowjetischen Geheimabkommen (1939) und vor dem Entschluß zum Angriff auf die Sowjetunion (Winter 19407 1941). In dieser Periode war Hitlers Fernziel, nämlich die hegemoniale Lebensraumpolitik im Osten, in den Hintergrund geschoben worden; das „Dritte Reich" hatte wirkliches Interesse für Experimente in den eroberten Gebieten Nord und Westeuropas. Da die Niederlande erst besetzt wurden, als Norwegen bereits erobert war, hatte Deutschland schon die erste — negativen — Erfahrungen mit einem „germanischen Brudervolk" hinter sich.
Wenn auch die Verletzung der traditionellen niederländischen Neutralität einen primär strategisch militärischen Grund hatte, kann der Verfasser der These Ernst Nahes, der den Westfeldzug als „europäischen Normalkrieg" im Gegensatz zum Eroberungs- und Vernichtungskrieg im Osten sieht, nur bedingt zustimmen. Denn aus den anfangs militärischen Zielsetzungen gingen schon früh politische Konzeptionen hervor: Die Niederlande sollten „heim ins Großgermanische Reich". Im allgemeinen wurde die Bevölkerung zunächst, weil „arisch", noch rücksichtsvoll behandelt, aber das unbedingt völkisch rassenpolitische Interesse der Besatzungsbehörde führte bald zu strengeren politisch ideologischen Eingriffen. Dieses Vorgehen ebenso wie die gewaltsame Neutralitätsverletzung hat die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Deutschen eingenommen. Die Arbeit Kwiets, ursprünglich eine Berliner Dissertation, beruht hauptsächlich auf dem in Deutschland noch teilweise unbekannten Archivmaterial des Amsterdamer Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie. Er zeigt zweierlei: Der Herrschafts0>z7e der Besatzer war real, die Herrschaftsom unklar. Wegen der schwachen Haltung des Reichskommissars, des österreichischen Nationalsozialisten Arthur Seyß Inquart, kam es nicht zu einer einheitlichen Führung, geschweige denn zu einem Versuch, die Niederländer zu gewinnen. Schon im Anfang stritten Machtgruppen miteinander, besonders der Exponent der Partei, Fritz Schmidt, mit dem der SS, Hanns Albin Rauter. Dabei figurierten der gemäßigte, aber unbedeutende Führer der „Nationaal Socialistische Beweging" in den Niederlanden, Anton Müssen, und der weit radikalere und bedeutendere Rost van Tonningen meistens nur als deren Instrument. Während die SS dauernd versuchte, Müssen auszuschalten und eine „Machtübernahme" seiner Partei zu verhindern, versuchte Schmidt, Mussert politisch aufzuwerten, um zugleich seine eigene Stellung zu verstärken. Das Endergebnis war, daß die Versuche Schmidts scheiterten, aber daß sich auch die SS nicht völlig durchsetzen konnte.
Zu den Ausführungen des Verfassers wäre im einzelnen noch manches zu sagen. So hat er etwa eine Broschüre des ehemaligen niederländischen Ministerpräsidenten Colijn vom Sommer 1940 falsch interpretiert, auch wird der Widerstand der Kirchen nicht genügend gewürdigt. Nachdem der Verfasser das „Ausweichen" der Königin Wilhelmina nach England richtig gedeutet und daher das Wort „Flucht" zwischen Anführungszeichen gesetzt hat, sind diese später weggelassen worden — vermutlich aus Versehen.
Diese Bedenken schmälern jedoch kaum die Leistung des Verfassers, am Beispiel der deutschen Besätzungspolitik in den Niederlanden nachgewiesen zu haben, wie sehr diese Herrschaft in der „permanenten Improvisation und dem Antagonismus von rivalisierenden Machtgruppen und Machtkonzepten" wurzelte. Dem Münchner Institut für Zeitgeschichte gebührt Dank für diese Veröffentlichung. Ger van Roon
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



