Ist der Atomtod unter uns?

Dr. Sternglass: Atombombentests machen den medizinischen Fortschritt zunichte

Die provozierenden Thesen des Pittsburgher Professors mochten renommierte Wissenschaftsmagazine in den USA ihren Lesern bislang noch nicht zumuten. Sie ließen sein Manuskript zurückgehen. Trotzdem wird dessen Inhalt seit einigen Monaten heftig diskutiert.

Der Atomtod sei längst unter uns, behauptet der Forscher. Seine Opfer seien kleine Kinder im ersten Lebensjahr. Aber die Ehern der gestorbenen Babys wüßten nichts über die wahre Todesursache. Die ahnungslosen Ärzte diagnostizierten irgendwelche Säuglinskrankheiten.

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Seine Atomtodtheorie erläuterte der Radiologe Professor Ernest Sternglass (Universität Pittsburgh) kürzlich auf einem studentischen teaci in an der kalifornischen Stanford Universität. Der radioaktive Niederschlag nach Atombombenversuchen bewirke in den betroffenen Gebi:ten regelmäßig eine überhöhte Säuglingssterblichkeit, erklärte der Forscher. Dieser Zusammenhang werde freilich erst nach Auswertung umfangreicher Statistiken sichtbar.

Strahlenforscher Sternglass projizierte in Stanford viele Dias mit Tabellen über Säuglingssterblichkeit, radioaktiven Niederschlag und den Strontium 90 Gehalt der Milch an die Leinwand. Damit wollte er deutlich machen: Große Bombentests oder Testserien machen etwa fünf Jahre lang einen Teil der medizinischen Fortschritte zunichte; das Sinken der Säuglingssterblichkeit wird aufgehalten. Es sterben mithin mehr Kleinkinder, als nach dem jeweiligen Stande der Medizin nötig wäre. In atomtestfreien Zeiten, und insbesondere nach dem Teststopp von 1962 ging die Säuglingssterblichkeit wieder in üblichem Tempo zurück.

Schweden, so las der Gelehrte aus seinen Tabellen, ist von diesem heimlichen Atomtod am wenigsten betroffen, die USA hingegen am schwersten. Generell gehen in Ländern der südlichen Hemisphäre, etwa Australien und Neuseeland, weniger radioaktive Testrückstände nieder als in nördlichen Regionen. Die Strahlenbelastung nördlich des Äquators ist viermal so hoch wie im Süden.

Medizinische Beweise konnte der Pittsburgher Professor für seine Thesen freilich noch nicht beibringen. Bisher gebe es nur Statistiken, so räumte er in Stanford während der Diskussion seines Vertrages ein. Aber auch der Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs sei lange Zeit nur statistisch nachweisbar gewesen — trotzdem habe kein ernstzunehmender Wissenschaftler daran gezweifelt.

Sternglass konnte allerdings auch medizinische Argumente anführen, die seine Behauptung glaubwürdig machen. So ist das Ungeborene zehn- bis zwanzigmal weniger widerstandsfähig gegen radioaktive Strahlen als der Erwachsene: Schon fünf bis sieben Strahlungseinheiten (rads) können den Fötus schädigen — das entspricht etwa zwei bis drei Röntgenaufnahmen des mütterlichen Unterleibs während der Schwangerschaft. Die knapp vierfache Dosis (rund 20 rads) ist für den Fötus bereits tödlich. Die tödliche Strahlungsdosis für Erwachsene aber liegt bei 800 rads.

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