Keine Ehe zu dritt?
Das Ränkespiel um die bayerische Bankenlusion
In Bayerns Bankgewerbe wird jetzt mit harten Bandagen um größere, für die Zukunft, wettbewerbsfähigere Einheiten gerungen. Das Thema einer Fusion der drei Münchner Regionalbanken, seit eineinhalb Jahren in der Öffentlichkeit lebhaft diskutiert, wird immer undurchsichtiger und vielschichtiger. Konkurrenzgefühle und Ressentiments spielen eine größere Rolle als je zuvor. Auch wer nach außen hin Vertrauen zur anderen Seite demonstriert und sich rückhaltlos für eine „große Lösung" einsetzt, braucht noch lange nicht mit dem Herzen dabei zu sein.
Die große Lösung: Sie war von Anfang an angepeilt worden. Sie wurde im Hause der Bayerischen Vereinsbank geboren und von ihrem im vorigen Jahr verstorbenen früheren Vorstandssprecher Baron Tucher am überzeugendsten verfochten. Nach ihr sollen sich Bayerische Hypotheken- und Wechsel Bank (heute fast 12 Milliarden Mark Bilanzsumme), Bayerische Vereinsbank (nahe neun Milliarden Mark) und Bayerische Staatsbank (über vier Milliarden Mark) zu einer repräsentativen „Bayerischen Bank" zusammenschließen — zu einer neuen Großbank mit „bodenständiger" Verwurzelung, aber bundesweiten und internationalen Ambitionen. Sie könnte ebenso wie Ludwig Poullains Westdeutsche Landesbank neue Daten im deutschen Kreditgewerbe setzen.
Diese bestechende Idee ist nach wie vor lebendig, aber Lippenbekenntnisse zu ihr vertuschen, so glauben Kenner der Hintergründe, bei einer ganzen Reihe am Fusionsreigen Beteiligter nur die Absicht, diese Idee nicht mehr zu verwirklichen, sondern jeweils eigenen Interessen nachzugehen. Zunächst schienen sich alle drei Banken grundsätzlich darin einig, daß die „Dreier Ehe" ein großer Wurf wäre. Auch die Bayerische Hypo bekannte sich zu ihr als Zukunftsaufgabe, obwohl ihr agiler Vorstandssprecher Dr. Anton Ernstberger, ein „neuer" Stern am deutschen Bankenhimmel, mit Rücksicht auf seinen Aufsichtsratsvorsitzenden Max Geiger von Anfang an für eine Übergangszeit im Zeichen der Kooperation eintrat. Er schlug vor, Hypo und Vereinsbank, die sich wegen ihrer unterschiedlichen Struktur gut ergänzen würden, sollten vorerst im außerbayerischen Geschäft paktieren und zu diesem Zweck eine „Bayerische Bank" als gemeinsame Tochter ins Leben rufen.
Die Vereinsbank, die viel stärker als die Hypo schon im Geschäft mit der Großindustrie etabliert ist und über ein beachtliches außerbayerisches Geschäft verfügt, wollte sich dazu aber nicht bereit finden. Als das kleinere Institut von beiden scheute es die Kooperation. Da kam zu Anfang dieses Jahres, offenbar von klugen Leuten im bayerischen Finanzministerium konzipiert und bei Bayerns „Landesvater" Alfons Goppel wohlgefällig aufgenommen, der sogenannte Stufenplan auf, nach dem zunächst die Vereinsbank die nicht sehr florierende Staatsbank übernehmen solle, um im Volumen mit der Hypo gleichzuziehen, und erst in der zweiten Etappe die große Lösung anzupeilen wäre. Die Hypo war grundsätzlich damit einverstanden, brachte aber wohl deutlich den Wunsch zum Ausdruck, über alle wichtigen Phasen der Gespräche informiert und vor Abschluß des Vorvertrags zwischen Staat und Vereinsbank nochmals konsultiert zu werden. Die Verhandlungen sind inzwischen so weit gediehen, daß die Vereinsbank überraschend bereits für Mitte Januar eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen hat, die das Kapital um 20 auf 120 Millionen Mark erhöhen und zur Vorbereitung auf die Fusion mit der Staatsbank ein> genehmigtes Kapital von weiteren 50 Millionen beschließen soll.
In dieser entscheidenden Phase meldete nun Hypo Chef Ernstberger im Interesse seines Insti- tuts massive Bedenken an: Er protestierte dagegen, so hört man, daß er nur unzureichend über den Gang der Dinge unterrichtet worden sei und jetzt vor vollendete Tatsachen gestellt werden solle. Dem Hinweis, daß er doch selbst für die Stufenlösung gewesen sei, begegnet er mit dem Einwand, daß er dabei von anderen Voraussetzungen ausgegangen- sei. Er befürchtet, die Vereinsbank, deren Sprecher Dr. Werner Premauer ebenso wie Ministerpräsident Goppel Journalisten gegenüber die Dreier Fusion als Endziel hochhält, könnte zu einem allzu günstigen Preis in den Besitz der Staatsbank gelangen und sich dadurch einen Vorteil verschaffen, der für eine spätere Fusion VereinsbankHypo eine ganz neue, für die Hypo Bank ungünstige Ausgangsposition schaffe.
So macht sich Mißtrauen breit, wo Vertrauen die erste Bankerpflicht wäre, und auch in Münchner Regierungskreisen beginnt man zu zweifeln, ob es richtig war, der Vereinsbank so weit entgegenzukommen, nur um die ungeliebte Staatsbank „loszuwerden". Zudem hat Goppel kürzlich ausdrücklich erklärt, der Staat wolle überhaupt keine direkte Beteiligung an dem fusionierten Institut VereinsbankStaatsbank, sondern seine Anteile in eine Stiftung einbringen. Manche Beobachter meinen, man müsse in letzter Minute die „Notbremse" ziehen, um das drohende Zerwürfnis zwischen Hypo und, Vereinsbank abzuwenden; denn die Hypo scheint bereits Gegenaktionen vorzubereiten. Kampflos wird sie nicht resignieren. Damit wäre die neue Großbank auf alle Zeit gescheitert.
Vielleicht könnte ein neues Modell die große Idee retten: Die Staatsbank, so wird argumentiert, müßte bereits in der ersten Stufe zur Brücke zwischen den beiden miteinander rivalisierenden weiß blauen Regionalbanken werden: Der Staat solle gleichzeitig mit einer Umwandlung der Staatsbank in eine AG eine Erhöhung ihres Kapitals von 40 bis 80 Millionen Mark beschließen und die neuen Aktien jeweils zur Hälfte der Hypo Bank und der Vereinsbank, natürlich zu gleichen Konditionen, anbieten.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



