Kunstkalender
,, , lerieMichflel Hertz; „Renaio Guttuso" Keine Retrospektive, nur die Bilder von 6869 mit dazugehörigen Zeichnungen, Studien, Entwürfen in Tusche, Aquarell und Farbstiften. Sie demonstrieren seine einzigartige Bereitschaft und Fähigkeit, auf das aktuelle Geschehen zu reagieren. Guttuso, Professor für engagierte Malerei, er dürfte der einzige sein, den 1968 sowohl die Nationalgalerie in Ostberlin und in Westberlin angekauft hat. Während die jungen Engagierten gegen affirmative und repressive Tendenzen der documenta Kunst theoretisieren und über das gesellschaftliche Desinteresse der Avantgarde lamentieren, die sich, zum Beispiel, in die Unverbindlichkeit der Land Art flüchtet, thematisiert Guttuso das politische Ereignis „Mai 1968", gewaltig in den Dimensionen (280X480 cm), bei der Darmstädter „Menschenbilder" Ausstellung wurde es noch unter dem Titel „Unruhen" präsentiert, Guttuso hat es seitdem noch einmal überarbeitet, das Liebespaar im linken Bildrand ist verschwunden, durch, aggressive Details von Kämpfenden ersetzt „Maibild" oder „Großes Revolutionsbild" oder einfach „giornale murale", womit der formale Ansatz bezeichnet ist. Die Wandzeitung, die im Mai 68 die Studenten in der Eingangshalle der Hamburger Hochschule, Guttuso war damals Gastdozent in Hamburg, angeschlagen hatten, lieferte eines der vielen Bildmotive. Die ändern findet man in den ausgestellten Entwürfen, Guttuso hat sie in Paris und Rom notiert: die bemalten Wände in der Sorbonne, die Revolutionsplakate der Pariser Kunststudenten, Barrikaden in Paris, Studentenumzug mit Fahnen, die Polizei. Guttuso will die Widersprüchlichkeit der Motive und Fakten durch stilistische Inkonsequenz realisieren: veristische Details, symbolisierendes Kolorit, surrealistisches Kollagieren mindern jedoch am Ende den künstlerischen Effekt, das Ergebnis ist teils Chronik, teils Vision, Prosa oder Hymne oder Agitation, viel Halbes und nichts Ganzes. Das Beste unter den politischen Bildern, in seiner Thematik begrenzt, aber konsequent durchorganisiert, ist der „Studentenprozeß" 1969. Außerdem sieht man einige sexualmythologische Bilder („Lots Töchter", Inzestuöses in einer Garage) und, ein Standardwerk des heutigen Realismus, „Das Liebespaar aus Frankfurt".
Gottfried Sello Hamburg Bis zum 8, Dezember, CJalerie Günther Franke: „Reinhard DrenMiahn" In den ersten siebenundzwanzig Jahren seines Lebens geschah nichts Außergewöhnliches: Er lebte die übliche Malervita. Dann plötzlich, 1953, ereignete sich das Unerwartete: Drenkhahn vernichtete einen Großteil der bisherigen Produktion, Landschaften in gedeckten Farben, Porträts, die das Modell auf kühle Farbflächen reduzieren (dies an Hand der ausgestellten erhaltenen Beispiele, also mit Vorbehalt). Was auch immer den Maler zu diesem radikalen Akt veranlaßt haben mag, sicher ist, daß sich seine Malerei in der Folgezeit radikal veräh- derte. Die „Ofenbilder" von 1953, Rückbesinnung auf den Gegenstand in seiner „französischen" Form, fungieren als Katalysatoren: Die Auseinandersetzung mit der dinglichen Welt wird zum Startplatz für den Absprung in Bereiche des Phantasmagorischen und des Dämonischen. Das „Große Strandstilleben" (1955) wird zur pomphaft theatralischen Allegorie des entfremdeten Menschen, dem sich die zu Requisiten geschrumpften Dinge drohend entgegenstellen. Die immer wieder auftauchenden „Strandläufer" (1955—1958) sind Vision einer existentiellen Angst, die „Leitermänner" (1957), Kruzifixus Darstellungen, Chiffren der Ohnmacht. Der Versuch, der allseits drohenden Wirklichkeit zu entrinnen ; war vergeblich: 19581959 konzentrieren sich Drenkhahns Anstrengungen auf die magische Beschwörung des Materials („Ofenstein", „Brandmauer", „Weiße Mauerzeichnungen"). Das Tragische dieser rätselhaften Figur liegt darin, daß ihm der Durchbruch zu sich selber nie ganz gelungen ist — kein Unzeitgemäßer, wohl aber einer, der sich seines Standortes innerhalb seinerzeit nicht sicher war. Ein Maler auf der Suche nach seiner Identität. Er endete am Gründonnerstag 1959 durch Selbstmord. Helmut Schneider JFCunsthalle: „Gerhard Altenbourg" Phantastisches aus Altenburg, von einem Niveau, das man in der DDR nicht vermutet. Die erste Altenbourg Retrospektive umfaßt 200 Arbeiten aus den Jahren 1947 bis 1969. Den Katalog mit Oeuvre Verzeichnis und Altenbourg Texten hat die Galerie Brusberg herausgebracht.
Bis zum 15. Dezember, Galerie Neuendorf: „Richard Hamjlton" Zum erstenmal kollektiv in Deutschland: einige Bilder, Zeichnungen und die gesamte Druckgraphik. Photos und Annoncen als auslösendes Moment für artifizielle Umwandlungsprozesse. James Joyce, der „grand old artificer", als Vaterfigur der Pop Art, 2um mindesten ihrer von Hamilton kultivierten Spielart.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







