Leben auf der Grenze

Oberst Staehle, ein Freund des holländischen Volkes

Es mag Zufall sein, daß just zu der Zeit, da Gustav Heinemann die deutsch niederländische Versöhnung zu besiegeln suchte, ein holländischer Historiker die Biographie eines deutschen Offiziers publizierte, der sich wie kaum ein anderer Deutscher die Achtung der Niederländer verdient hat: Ger van Roon: „Wilhelm Staehle. Ein Leben auf der Grenze 1877—1945"; Gotthold Müller Verlag, München 1969; 112 S, 10 80 DM. Oberst Wilhelm Staehle ist eine jener Figuren der deutschen Widerstandsbewegung, deren Namen in der Literatur über den 20. Juli 1944, wenn überhaupt, so nur am Rande erwähnt werden, obschon er und seine Frau unzähligen verfolgten Menschen geholfen und den führenden Männern des Widerstands — Goerdeler, Beck, Oster, Sack, Trott von Solz — unschätzbare Dienste geleistet haben. Schon seiner Herkunft nach war Staehle ein Mensch „auf der Grenze", hineingestellt in Spannungsfelder vielfältiger Art — Sproß einer vielseitig, auch künstlerisch talentierten hessischen Offiziersfamilie, geboren in der Grafschaft Bentheim nahe der holländischen Grenze, Sohn eines preußischen Hauptmanns und Schulrektors und einer holländischen Mutter —, auch seine militärische Laufbahn führte ihn mehrmals in Grenzsituationen: Fahnenjunker im berühmten Füsilierregiment Prinz Heinrich, Freiwilliger im Chinafeldzug 1900, Nachrichtenoffizier im Elsaß, im Ersten Weltkrieg Abwehroffizier der Heeresleitung im besetzten Belgien, wo er im Umgang mit einer unterdrückten, freiheitsdurstigen Bevölkerung Erfahrungen sammelt.

Mit 51 Jahren heiratet er eine geschiedene Frau, worauf er, nach dem strengen Ehrenkodex der Reichswehr, seine Laufbahn als aktiver Offizier beenden und sich zum Landesschutz abstellen lassen muß. 1934 wird er reaktiviert und als Oberst in die junge Lüftwaffe übernommen, die erweiterte Altersgrenzen zuläßt. Staehle wird Kommandant des Invalidenhauses, sozusagen der Gemeindedirektor einer Invälidehsiedlung vor den Toren Berlins. Diese Stellung gab ihm die Möglichkeit zu ausgedehnten Dienstreisen, auf denen er seine Abwehrkontakte pflegen konnte. Staehle war von Anbeginn ein Gegner des Nationalsozialismus; das Invalidenhaus wurde fortan eine Zuflucht für Juden und politisch Verfolgte, für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene; manch einer, darunter viele Holländer, wurde hier mit Proviant und- falschen Pässen versorgt.

Anzeige

Goerdeler benutzte den Freund als Verbindungsmann zu holländischen Widerstandsgruppen. Staehle handelte in geheimen Treffen die Bedingungen aus, unter denen sich nach einem Umsturz in Deutschland der Machtwechsel in den Niederlanden vollziehen sollte. Er selbst wollte bis zum Frieden die Militärverwaltung in Belgien und Holland übernehmen. Die niederländische Exilregierung in Lodon jedoch, bestärkt durch das Mißtrauen der britischen Regierung gegen die deutschen Widerstandskreise, untersagte weitere Verhandlungen mit Oberst Staehle. Dessenungeachtet erfreute er sich des Vertrauens vieler Holländer. Sein Biograph ist überzeugt, daß Wilhelm Staehle vor ihnen keine Hintergedanken hatte. Der Oberst trat überzeugender für die Unabhängigkeit ihres Landes ein ah etwa Goerdeler. „Wir erfüllen unsere Pflicht nur dann, wenn wir Holland aus freiem Willen und nicht unter Zwang entscheiden lassen " Noch vor dem 20. Juli wurde Staehle veriaftet. Schwerste Einzelhaft, Fesseln und Foltern — nichts blieb ihm erspart. Aber er besaß die innere Kraft, noch seinen Mithäftlingen eine Stütze zu sein; jeden Morgen sang er ihnen Choräle vor. Propst Grüber nannte ihn ein „fröhliches Gotteskind mit einer naiven Ünbekümmertheit". In den letzten Apriltagen 1945, als schon die Russen in Berlin eindrangen, wurde Staehle, zusammen mit einer Gruppe, zu der auch Albrecht Haushofer gehörte, von SS Leuten hinterrücks ermordet. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Invalidenfriedhof.

Staehles Frau setzte nach dem Krieg das Hilfsverk fort; sie widmete sich den mittellosen : Invaliden, den Entlassenen aus den Konzentrationslagern und notleidenden Kindern. Auch politisch trat sie hervor, als Mitgründer der Christlich Demokratischen Union in Berlin. Ende 1945 starb sie an den Folgen eines Autounfalls. Hildegard Staehle erhielt ein Staatsbegräbnis. An ihrem Sarge legten niederländische Offiziere Kränze nieder.

Ger van Roon hat dem Ehepaar Staehle in dieser Biographie ein schönes Denkmal gesetzt, mit der Redlichkeit und Umsicht des Wissensdiaftlers, der auch die Schwächen nicht versdiweigt, und mit der Fairneß und Achtung, die der Angehörige einer fremden Nation für einen Deutschen empfindet, der für die Freiheit des Gewissens sein Leben opferte. An einen holländischen Freund schrieb Staehle 1942: „Wenn man sidi den Glauben an die Freiheit nicht bewahrt hätte und wenn man nicht mehr die Hoffnung hätte, die Freiheit wiederzuerlangen, dann wäre dieses Leben unerträglich K. H.

 
Service