Liebes-Puzzle ohne Gewähr

Von Joachim Wagner

Ihr Ziel war der Traualtar. Schon seit Jahren suchte Erika einen Partner. Kino, Party, Aus;gehen, Tanzen, Urlaub an der Riviera — der Richtige war immer woanders.

Horst war Ingenieur. Die Sommerfenen verbrachte er mit strapaziösen Bergtouren, allein, und wenn er ein Mädchen ansprechen wollte, versagte die Phantasie. Als Lukullus Jünger mundeten ihm vermurkste Junggesellengerichte schon seit geraumer Zeit nicht mehr.

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Vor dem Deutschen Schauspielhaus trafen sie sich zum erstenmal. Ihm war es sehr ernst; seinen Sportwagen hatte er zu Hause gelassen. Schon eine Woche nach diesem Rendezvous gingen Erika, die, der Zufall wollte:es, leidenschaftlich gern kocht, und Horst, „der ausgemachte Feinschmecker", zu Standesbeamten, um das Aufgebot zu bestellen.

Drahtzieher dieses rekordverdächtigen Sprints in die Ehe war die Altmann GmbH in Hamburg. Ihr Aushängeschild: „Der Welt größtes Institut für Partnervermittlung Ihr Clou: Als einziges der etwa dreihundert Eheanbahnungsinstitute in Deutschland vermittelt sie Ehen mit Hilfe eines Computers. Dr. Manfred Wurr, Gründer des Unternehmens, hatte diese Idee aus Amerika mitgebracht: Computer, spielen Schach, komponieren Musik, rechnen Gehälter aus — warum sich dann nicht ihrer bedienen, wenn Romeo Julia nicht findet? Einfach war es nicht, sich den neuen Ehevermittler dienstbar zu machen. Ellipsoide Bahnen für Mondumrundungen? Kein Problem. Wie aber etwa Sophia Lorens „Mein Herz macht Bum Buddi Bum", im Film von Peter Seilers verursacht, registrieren und zuordnen? Für diese Arbeit engagierte die Firma ein paar Professoren, die, in einem wissenschaftlichen Beirat zusammengebracht, analysierten, gutachteten und projektierten, um dem Vorwurf der Bauernfängerei gleich entgegenzuwirken. Sie beraten und beaufsichtigen die Firma noch heute und erledigen spezielle Forschungsaufträge für sie. Beispiele aus dem Kranz ihrer Themen: die Bedeutung von demographischen Entwicklungen, etwa der Frühsterblichkeit der Männer, für die Ehevermittlung oder: die soziologische Funktion der institutionellen Partnervermittlung oder: die prognostische Bestimmung von Vermittlungsmerkmalen für Heiratskandidaten. Es soll ja seriös sein. Die neue Attraktion auf dem Heiratsmarkt kann sich mittlerweile über mangelnden Zulauf nicht beklagen. Zur Zeit bilden ungefähr 33 000 Ehewillige den „Partnerring".

Für diesen Run zum Ehemakler, der einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hat und in den wirtschaftlichen Blütezeiten unserer Tage einen Höhepunkt zu erreichen scheint, nannte der Kieler Anthropologe und Bevölkerungswissenschaftler Professor Jürgens, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates, plausible Erklärungen.

Die Bevölkerungspyramide Deutschlands ist, da in den beiden Weltkriegen die Zahl der Männer vermindert worden ist und weniger Kinder als in ruhigen Zeiten geboren sind, unregelmäßig. Insbesondere für die 25- bis 30jährigen Männer und die 40- bis 60jährigen Frauen ist das Verhältnis zwischen Angebot u n d, Nachfrage a u f dem Heiratsmarkt ausdein Lotgeraten. Weniger greifbar als demographische Daten sind die übrigen Ursachen, die es dem Paar Erika und Horst erschwerten, sich zu finden. Schlagworte wie „Kontaktlosigkeit der Industriegesellschaft" oder „Isolation des einzelnen, in der Massengesellschaft" sagen nicht viel, deuten nur die Richtung an. In der vorindustriellen Gesellschaft arrangierte es die Muhme, daß der „ordentliche Jung" des Schreiners Tochter bekam. Heute sind Großfamilie und Nachbarschaft überwiegend aufgelöst und haben ihre integrierende Funktion verloren. Ausbildung und Beruf zwingen dazu, die alte Umgebung zu verlassen. Diese sogenannte Binnenwanderung der Bevölkerung führt zu Kontaktschwierigkeiten, wenn ein neuer Wohnsitz gegründet wird.

Als Horst zum Ingenieurstudium nach Hamburg kam, merkte er schnell, um wieviel einfacher es der schulterklopfende Kollege hatte, seinen Schatz kennenzulernen; zu Hause schon, in der Familie und unter Freunden war seine „soziale Unbeholfenheit" kaum aufgefallen.

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