Lust und Luxus vor viktorianischer Kulisse
Über Europas größte Stadt ist alles schon gesagt worden. Was der Ankömmling für sich neu entdeckt, haben Fontäne:oder Heine vor ihm beschrieben, und beim unvermeidlichen Samuel Johnson steht sowieso alles schon zweihundert Jahre zuvor. Nichts soll daher hier hinzugefügt werden über Londons einundzwanzig berühmte Pilgerstätten: die sechs P (Paulskathedrale, Parlament, Piccadilly Circus, Pörtobello Road, Petticoat Lane, Postturm), die fünf T (Themse, Tower, Trafalgar Square, Täte Gallery, Tussaud), die vier B (Buckingham Palast, Britisches Museum, Börse, Bank von England), die drei S (Soho, Strand, Speakers Corner), die beiden C (Chelsea und Carnaby Street) und das N (Nationalgalerie). Sie seien erwähnt und abgetan Jeder Taxifahrer findet im Schlaf dorthin, und in den diversen blauen und roten Führern steht jedes Detail. Der Besucher Londons, der mehr und anderes sehen will, mag weiterlesen.
Warum kommt man in die britische Hauptstadt? Zum Schauen, Kaufen, Essen und Sichvergnügen. Von ersterem abgesehen kostet das alles Geld. London ist ein Paradies der Reichen, aber auch die Armen fühlen sich hier nicht gerade in der Hölle. Neun Millionen Menschen können gar nicht alle reich sein. Nur haben sie dem Touristen oder Geschäftsreisenden eines voraus: Sie wohnen bereits hier. Das wichtigste für den Besuch dieser Stadt ist daher, sich drei Sekunden nach gefaßtem Reiseentschluß um ein Hotelzimmer zu kümmern. Viele haben London bei Tag genossen und dann verflucht, wenn die Stunde kam, das Haupt zu betten. Es fehlen nach Angäben des Fremdenverkehrsgewerbes in jeder Nacht ein paar tausend Hotelzimmer in London. Fragt sich nur, wo die Ärmsten bleiben, auf denen diese Statistik basiert.
Der Hotel Booking Service (Tel. 437 5952) ist also wichtiger als alle Reiseführer, die Sie sich anschaffen. Selbst in der Spitzenklasse herrscht nämlich Gedränge. Vertrauen Sie nicht auf Ihre gewölbte Brieftasche, die Ihnen das „Dorchester" oder das „Claridge" (womöglich die Stamm Suite der Windsors) schon öffnen wird. Die Hyde Park Nähe ist gesucht, obwohl. die Einzelnacht 100 Mark und mehr kostet. Zwischen 50 und 100 Mark gibt es mehr Auswahl, aber auch mehr Nachfrage „Hilton" und. „Connaught" haben die gleiche Lage, wenn auch nicht das gleiche Renommee wie die zuvor genannten Häuser. Im „Carlton Tower" können Sie leicht neben einem Mitglied des Bundeskabir etts nächtigen; das macht die Nähe zur deutschen Botschaft. Von 30 bis 50 Mark sind empfehlenswert (das heißt von vielen Freunden und Kollegen erprobt, da man als ständiger Londoner ja die Hotels nicht kennt) „Mandevill", „Berners", „The Londoner" (alle nahe der Oxford Street) oder im Norden das „Clive". Unter dreißig Mark wird es zur Geschmackssache. Studenten und anspruchslose Einzelreisende finden ein ganzes Netz von Heimen und Pensionen. Wer ein Zimmer teilen will, dem kann eigentlich gar nichts passieren. Der Y. M. G. A hat mehr als zehn Häuser; da gibt es für 35 Mark die Woche Bett und Verpflegung.
Nun wohnen Sie also, und das Schauen kann beginnen. London ist uferlos, deshalb sind kleine Taschenhelfer unentbehrlich. Bestehen Sie am Kiosk auf „Nicholsons London Guide", einem Meisterwerk britischen Common Sense, fünf Millimeter dick, neun Zentimeter breit, aber 128 Seiten stark. Darin steht einfach alles, vom Stadtplan übers U Bahn- und Busnetz bis zu Museen, Geschäften, Restaurants, Organisationen, Toiletten, Tankstellen und Kirchen. Mehr Fleisch zu diesem Gerüst bietet der „Penguin Guide". Beide zusammen kosten etwas über sechs Mark. Lassen Sie alle daheim gekauften deutschen Führer zu Hause, Sie brauchen sie nicht. Tun wir erst alles ab, was nicht zu besichtigen ist. Hierher gehört vor allem die Queen. Auch die Tribüne des Unterhauses ist an Sitzungstagen schwer zu erklimmen, es sei denn, Sie harren geduldig in der Schlange (St. Stephens Entrance). Samstags und In der Sommerpause !ist es einfacher, aber, dafür kommen dann die Schulklassen. Auch die Clubs sind nicht zu besichtigen. Vielleicht haben Sie aber einen Geschäftsfreund unter den 15000 Mitgliedern des Royal Automobile Club, der Sie in dessen weitläufiges Haus in Pall Mall mitnimmt. Bestehen Sie darauf, daß er mit Ihnen einen Snack am Rande des Schwimmbeckens im Keller nimmt, wo die drei Meter Brett tüchtigen Ex Colonels ihre Fontänen bis in die aufgeschlagene „Times" der ungerührt Weiterlesenden spritzen, eine Form wechselseitiger Abhärtung, für die ein Jahresmitgliedsbeitrag von 265 Mark sicher nicht zu gering ist.
Davon abgesehen kann man nahezu alles besichtigen. Eine gute Übersicht gewinnt man von der Spitze des Postturms (190 Meter, mit langsam rotierendem Restaurant, das jedoch sehr selbstbewußte Preise verlangt). Auch vom ShellGebäude jenseits der Themse werden Panoramafreunde zufrieden wieder heruntersteigen. Von dort zur Westminsterbrücke und dann den Fluß entlang hat man den besten Blick aufs Parlament und kann bei rechter Diesigkeit den Standpunkt und die Abendatmosphäre suchen, die Monets berühmtes konturenloses Konterfei dieser demokratischen Erzstätte entstehen ließen.
Wer Londons moderne Architektur und Englands traditionell asozialen Kapitalismus sehsa will, muß zum Centre Point, Ecke Oxford Stree Cha ring Cross Road, gehen. Dort stehen sefs zwei Jahren 36 Stockwerke leer, weil der Vermieter einen Gesetzestermin abwartet, der ihm das Fordern höherer Büromieten erlaubt. Kunstsinnige sollten eine Mysterytour zu Londons verfremdeten, Bauwerkenunternehmen: zu St. Pancras, das wie eine Kirche heißt und auch so aussieht, aber ein Bahnhof ist; zum Belfry, außen Kapelle und innen Speise Club; zur Queen Elizabeth Hall, ganz offenkundig ein Bunker zur Verteidigung Südlondons an der Themse, in Wirklichkeit jedoch einer von Europas besten Konzertsälen; schließlich zum Roundhouse in :Camden Town, einem Lokomotivschuppen, den der Dramatiker Arnold Wesker in ein Kulturzentrum verwandelt hat, ohne ihn außen zu verändern (Alle Adressen in: Ihrem „Nicholson Guide" ) Das Gegenteil, zweckgerechteste Form, ist Lord Snowdons Vogelaquarium im Zoo, das man durchwandeln kann und in dem die Kreatur sich nicht im Käfig wähnt. London ist so menschlich, weil sich zu allem immer auch das Gegenteil findet.
Dem Reichtum der Museen ist ohne leichte Benommenheit kaum beizukommen. Ehe Sie zwei Tage in der Nationalgalerie verlorengehen: Wie wäre es mit einem Motivrundgang? Da sind zum Beispiel St. Georg und der Drache vierfach vertreten (gleichsam die Nationalheiligengalerie): von Uccello, Pier della Francesca und Tinto; retto. Lassen Sie in der Täte Gallery alles unbesehen bis auf die späteren unter den (insgesamt 275) Turners. Von Ganymed Press (11, Great Turnstile, W. C. 1) bekommen Sie die besten Reproduktionen der Meisterwerke aller Galerien. Dicht dabei liegt Sir John Soanes Museum (13, Lincolns Inn Fields), wo Hogarths Zyklen über den Wahlkampf und um den „Rakes Progress" im Original zu sehen sind.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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