Moskau olympisch
Finden die Spiele 1976 in der Sowjetunion statt?
Die Bewerbung Moskaus um die Olympischen Spiele 1976 hat größtes Aufsehen erregt, obwohl sie doch die natürlichste Sache der Welt sein sollte. Aber der Kreml, und nur dort kann die Entscheidung gefallen sein, ist immer noch die rätselhafte Sphinx, die immer wieder Verblüffung hervorruft, wenn sie einmal den Schleier lüftet. Nicht umsonst werden ja die angeblichen westlichen Kenner der sowjetrussischen Politik als Astrologen apostrophiert. Die Kremlmauer ist immer noch eine hermetisch geschlossene Wand des Schweigens, durch die nur offiziöse Verlautbarungen dringen.
Eigentlich hatte niemand damit gerechnet, daß die Sowjetrussen wenige Monate vor der Entscheidung in Amsterdam sich noch derart vom olympischen Geist erleuchten ließen und ihre Hauptstadt zum Konkurrenten von Montreal machen würden, das bisher die meisten Chancen gehabt haben, dürfte, da Kanada wirklich einmal an der Reihe ist. In Los Angeles traf sich die gern zitierte Jugend der Welt schon 1932, und der vierte Bewerber Florenz dürfte im nächsten Frühjahr bei der IOC Session kaum Chancen haben, weil Rom schon 1960 olympischer Gastgeber war.
Auf zwei Olympiaden haben es bisher nämlich nur die „klassischen" Sportländer Frankreich (1900 und 1924), USA (1904 und 1932), England (1908 und 1948) und Deutschland (1936 und 1972) gebracht. Offiziell werden die Spiele ja nur an eine Stadt vergeben, tatsächlich reicht aber kein Stadtsäckel mehr, um ohne staatliche Hilfe die ernormen Milliardenkosten aufzubringen.
Die Russen ließen ihr Herz erstmals 1952 in Helsinki für Olympia entflammen, als sie sich stark genug fühlten, einen weltweiten Prestigeerfolg zu erringen, was auch auf Anhieb gelang. Darüber, warum sie nicht schon früher die Chance ergriffen, ihr Image durch die olympische Veranstaltung im eigenen Land aufzupolieren, wurde viel orakelt. Als wahrscheinlichster Grund blieb die ungenügende Zahl von Unterkunftsbetten für die Zehntausende von Besuchern, da sich ein Ausweichen in die Umgebung Moskaus oder in Privatquartiere verbot. Inzwischen sind neue Hotelriesen entstanden und weitere in der Planung, so daß man sich bis 1976 das Wagnis offenbar zutraut. Vielleicht werden auch dann Privatbetten bei linientreuen Genossen in Neubauwohnungen bereitgestellt. Geeignete Sportbauten mit dem 100 000Mann Stadion auf den Sperlingsbergen besitzt Moskau bereits in Fülle, so daß von dieser Seite das Budget nicht zu stark belastet würde. Die Bundesrepublik kann die sowjetrussische Bewerbung nur begrüßen, weil bei einem Erfolg die Gefahr eines Boykottes, die bisher drohend über den Münchner Spielen lag, gebannt würde. Noch selten sah man deshalb Willi Daume auf der Mattscheibe so gelöst wie diesmal, als er zu einer möglichen Olympiade in der russischen Hauptstadt Stellung nahm. A. M.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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