Nach dem Tischgebet: Pastorin aus Opposition
„Eine Frau ist immer dichter am Leben" Ratschläge auf Sylt / Von Ben Witter
Die nördlichste Pfarrstelle befindet sich in List auf Sylt. 1934 wurde die Kirche erbaut, aber statt Zement kam angeblich Sand in die Fugen. Wasser gibt es nicht. Und auch eine Toilette fehl:. Wenn Pastorin Hannelore Frank die Sakristei verläßt, fällt ihr Blick auf einen Spruch, den ihr Vorgänger an die Innentür pinseln ließ: „Rufe getrost, schone nicht, erhebe deine Stimme wie eine Posaune (Jes. 58, 1 ) Die Lichtschalter im Kirchenschiff suchten wir vergeblich.
Das Pastorat liegt am Watt. Es herrschte Windstärke 6. Pastorin Frank zog die Gardine beiseite. Die Wellenköpfe schäumten noch nicht richtig.
Henning Frank, ihr Mann, Pastor in Wenningstedt, hatte vorher den Möbeltransporteur abgefertigt. Die Pastorin sagte: „Henning hätte Hausfrau werden sollen Jedes Stück war von „Knoll International". Blau und gelb waren die Vorhänge, blau die Polster und weiß die Lampenschirme. In einem Fach des Schranks hatte Pastor Frank Schnaps, Zigaretten und Keksä bereitgestellt. Der Schrank gehört zum Pastorat Die Knoll Möbel sind Eigentum seiner Frau. Nachmittags um drei hatte ich im Wenningstedter Pastorat geklingelt. Der Bungalow würde heute mindestens hundertfünfzigtausend Mark kosten. Die Kirchenleitung ließ ihn vor etwa zehn Jahren für knapp die Hälfte errichten. Zehn Katzen reckten sich auf dem Flur und irr. Wohnzimmer. Pastorin Frank bekam letztet Jahr plötzlich einige „Ägypter" geschenkt unc nahm zwei „Findelkinder" dazu. Sie heißen Moses und Aron.
In ihrem Kleid hatte Pastorin Frank wieder Blau und Gelb, zu den schwarzen Strümpfhosen trug sie schwarze Lackstiefel, auf ihre rotblonden Haare mit Pony Schnitt fiel vorteilhaft das Licht, und die schmalen, fast knochigen, aber nicht zu langen Finger, die Nägel kurz und oval, Perlmuttlack darauf, waren beschäftigt. Sie wurden geknetet, strichen über Kleid und Lehne. Den Kopf hielt sie schräg.
Jahrelang hatte Pastorin Frank vor den Mahlzeiten gebetet, bis es bei einer besonderen Gelegenheit acht Mahlzeiten an einem Tag gab. So oft betete sie nicht. Und wenn sie, sich schnell ein paar Bratkartoffeln macht, betet sie auch nicht. „Das ist doch eine leere Form", sagte sie, „und meine Eltern waren weder fromm noch Akademiker. Die meisten Pastoren kommen aus dem Getto. Mein Vater war Kaufmann, genauer gesagt Einzelhändler.
Ich fragte, womit er gehandelt habe.
„Er betrieb ein Papier Warengeschäft in. Hof an der Saale. Aber ich wurde in Thüringen geboren. Ich bin Jahrgang 27. Nach dem Abitur lernte ich Papierkaufmann. 1948 studierte ich ein Semester Theologie in Heidelberg und wohnte im Schlafsaal der Bahnhofsmission. Warum ich Theologie studieren wollte? Mich störte die Selbstsicherheit der Kirche. Ich dachte, bekämpfe sie mit Philosophie und Geschichte. Entweder hat sie recht oder unrecht. Du wirst es ja sehen Über meinen künftigen Beruf hatte ich noch gar nicht reflektiert. Wäre mir damals klar gewesen, welche Schwierigkeiten einer Frau als Theologin bevorstehen, ich weiß nicht, was ich gemacht hätte. Die Studenten glorifizierten schon wieder das AltHeidelberg, und ich wohnte immer noch im Schlafsaal der Bahnhofsmission. Ich fuhr nach Kiel. Dort sah ich Henning Frank. Blicke und Worte paßten gleich zusammen, und wir lernten zusammen Hebräisch. Wir sagten uns: Wir werden 1zusammen arbeiten und zusammenbleiben. Ohne Doppelbett und Service für zwölf Personen heirateten wir. Ich war dreiundzwanzig und mein Mann drei Jahrealten Von Kielging es nach Tübingen. In Kiel machte mein Mann sein erstes Examen " Während sie von der Zölibatsklausel sprach, schienen ihre Finger auf der Armlehne ununterbrochen eine Tonleiter zu spielen. In Bayern mußte eine Theologin nach der Verlobung mit einem Pastor ihren Abschied nehmen, um künftig an der Seite ihres Mannes als Hausfrau und Mutter zu stehen, in Schleswig Holstein war die Klausel ähnlich, aber nicht ganz so rigoros. Nach ihrem ersten Examen hatte Hannelore Frank nichts zu tun. Sie besuchte mit ihrem Mann das Predigerseminar. In den Listen wurde sie jedoch nicht geführt. Frauen von Pastoren durften nicht berufstätig sein.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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