Plädoyer für kritischen Rationalismus
Von Hans Albert I. J$8ti0ttä£ffät und Engagement
In der modernen Industriegesellschaft hat man sich seit langem daran gewöhnt, den Begriff der Rationalität vor allem mit Wissenschaf t, Technik und Wirtschaft in Verbindung zu bringen und mit den Verfahrensweisen, die in diesen sozialen Bereichen in den letzten Jahrhunderten ausgebildet, entwickelt, und ständig weiter vervollkommnet worden sind. Die Ideale der Exaktheit, der Präzision und der Effizienz stehen im Vordergrund, wenn es darauf ankommt, die Rationalität von Methoden und Resultaten aller Art zu beurteilen, und Mathernatisierung, Quantifizierung und Formalisierung scheinen die hervorstechendsten Merkmale jedes Fortschritts zu sein, der dieser Idee der Rationalität entspricht. In den Wissenschaften ist das axiomatisch deduktive Denken im Vordringen begriffen, ebenso wie andererseits die Benutzung statistischer Verfahrensweisen, und zwar selbst in Gebieten, die nach bisher üblicher. Auffassung solchen Methoden kaum zugänglich sind, wie zum Beispiel in den sogenannten Geisteswissenschaften. Messen, Kalkulieren, Steuern, Programmieren und Prognostizieren; sind Tätigkeiten, die für die Entwicklung von Wissenschaft, Technik, und "Wirtschaft und damit für den Bestand der Zivilisation immer wichtiger werden und deren Ergebnisse den Lebensstil der Bevölkerung in den industriellen. Gesellschaften in immer stärkerem Maße zu prägen scheinen , ; In diesen sehr auffallenden Zügen, die offenbar in erheblichem Kontrast mit wesentlichen Merkmalen des Lebens in früheren Hochkulturen und in den primitiven Gesellschaften stehen, ist das Resultat eines sich über große Zeiträume erstreckenden Rationalisierungsprozesses zu sehen, der schon unter den verschiedensten Gesichtspunkten analysiert worden ist. Angesichts der Bedeutsamkeit scheint es nicht unplausibel zu sein, die Idee der Rationalität vor allem im Hinblick auf diese Aspekte unseres modernen Lebensstils zu bestimmen, gleichgültig, ob man mehr dazu neigt, positiv oder negativ zu ihnen Stellung zu nehmen. Da mit dieser Art von Rationalität allem Anschein nach ein hohes Maß von Objektivität, Neutralität und Wertfreiheit verbunden ist, wie man das für den Bereich der reinen Erkenntnis nicht selten als selbstverständlich voraussetzt, besteht überdies die Neigung anzunehmen, daß sich die betreffenden Phänomene einer Beurteilung unter ästhetischen, moralischen oder gar politischen Gesichtspunkten entziehen und daß auch die sozialen Bereiche, in denen sie dominieren, gegen Stellungnahmen, die von solchen Gesichtspunkten ausgehen, geschützt sind. Zwischen Wissenschaft und Technik einerseits und Politikund Moral andererseits scheint ein fundamentaler Unterschied zu bestehen, der die Autonomie dieser Sphären gewährleistet :und Bewertungen, die diese Abgrenzung mißachten, als illegitim erscheinen läßt. Daß in der politischmoralischen Sphäre Irrationalität, unbegründbare Stellungnahme und subjektive Entscheidung ein gewisses Heimatrecht haben, pflegt dagegen nur selten bestritten zu werden. Die Einsichten der reinen Wissenschaft reichen offenbar nicht aus, um die Entscheidungen der sozialen Praxis mit einem ausreichenden Fundament zu versehen. Es gehört zweifellos zu "dfiri, bedeutsamsten Wirkungen: des Neomarxismus, der das Denken der neuenLinken bestimmt, auf das öffentliche Bewußtsein, daß er die oben skizzierte Konzeption der Rationalität einigermaßen wirksam in Frage gestellt und dadurch bei vielen ihrer , Verfechter und auch bei anderen, denen sie zumindest bis ZU einem gewissen Grade plausibel erschien, einen Prozeß der Neubesinnung hervorgerufen hat, dessen Konsequenzen noch abzuwarten sind. Das ist vielleicht weniger den großenteils selbst recht fragwürdigen Argumenten, dieser Gruppe zu verdanken als den vielfach provokativen und effektvollen Formulierungen, durch die sie sich auszeichnet, einen Stil der Darstellung und der Selbstinszenierung, der die Grenze zwischen Argumentation und Agitation längst überschritten hat, wenn auch der Jargon, der dabei bevorzugt wird, den Charakter einer wissenschaftlichen Fachsprache imitiert.
Die „kritische Theorie" der Frankfurter Schule, die für dieses Denken repräsentativ ist, hat interessanterweise die Probleme des ökonomischen Unterbaus weitgehend aus den Augen verloren. Sie verzichtet zwar nicht auf Andeutungen und Hinweise in dieser Beziehung, aber doch auf ökonomische Analyse im strengen Sinne und auf die Auseinandersetzung mit der herrschenden Neoklassik im ökonomischen Denken. Der historische Materialismus ist in dieser Version — ebenso wie in ähnlichen Versionen, die mehr auf den frühen als auf den späten Marx rekurrieren — teilweise zu einer Auffassung degeneriert, in der die Erörterung ideologischer und ästhetischer Probleme die der ökonomischen Problematik ersetzt hat. Sieht man einmal von der vulgärökonomischen Folklore einer romantisierenden Kapitalismuskritik ab, in der theoretisches Denken durch die Anwendung marxistischer Schablonen ersetzt wird, dann gilt dies im wesentlichen auch für andere Autoren der neuen Linken.
Die der Hegeischen Philosophie entstammende These, daß es darauf ankomme, stets den Totalin Verbindung mit der Betonung des kritischen Charakters einer adäquaten Gesellschaftsanalyse zu jener totalen Kritik geführt, in der die für eine realistische Praxis notwendigen theoretischen Analysen und technologischen Untersuchungen nicht etwa „aufgehoben", sondern untergegangen sind. Daß die extremen Vertreter der neuen Linken inzwischen zur Kritik ihrer geistigen Väter übergegangen sind und daß diese Väter selbst sich von den exzessiven Wirkungen zu distanzieren beginnen, die ihre Ideen bei ihren früheren Jüngern hervorgerufen haben, von der Praxis des politischen Expressionismus, die sich bei ihnen ausbreitet, tut in unserem Zusammenhang, nichts zur Sache. Zweifellos haben sie, als sie ihre Gedanken formulierten, im allgemeinen nicht an Entwicklungen dieser Art gedacht — etwa an den Übergang zu Gewalttätigkeiten, zu deren Rechtfertigung die kritische Theorie nun herhalten soll. Dennoch scheint mir ein sinnvoller Zusammenhang zu bestehen zwischen ihrer Denkweise und diesen Phänomenen. Nicht daß sie gewisse Aspekte der industriellen und bestimmte Züge moderner mit dieser Zivilisation verbundener Denkgewohnheiten in Frage stellen, ist hier gemeint, sondern: die Weise, in der sie das tun, das heißt vor allem: die Konzeption, von der sie dabei ausgehen, die ihren Denkstil, ihre Methode, bestimmt und die es ihnen erlaubt, historische Totaldeutungen mit kritischem Anspruch — etwa: eine Geschichtsphilosophie in praktischer Absicht — zu vertreten, die sich selbst jeder Kritik entziehen, da in ihnen eine kritische Vernunft zum Ausdruck kommt, die über die Methoden und Resultate normaler Wissenschaft erhaben ist und ihnen bestenfalls einen „Stellenwert" zuweist. Derartige Deutungen sind bekanntlich im allgemeinen hinreichend vage und unbestimmt, sie haben einen so großen Spielraum, daß sie zur Rechtfertigung fast jeder beliebigen Praxis dienen können, auch einer solchen, die nur noch der unmittelbaren Jetztbewältigung und der Abreaktion von Affekten dient Was die allenthalben erhobene Forderung der Politisierung" der Wissenschaft angeht, so ist schwer zu sehen, was von der Wissenschaftslehre des Neomarxismus her kritisch dazu gesagt werden könnte, einer Wissenschaftslehre, die von Anfang 1 an die beschränkte Rationalität der neutralen Wissenschaft aufzuweisen und ihre Scheinneutralität zu enthüllen versucht hat. Das Dilemma dieser Richtung zeigt sich darin, daß sie gerade für die Problematik, die sie in den Mittelpunkt ihrer Analysen stellt: für das Problem des Zusammenhangs von Theorie und Praxis, von Erkenntnis und Entscheidung, von Rationali tat und Engagement, keine brauchbare Lösung vorzuschlagen hat, keine Lösung vor allem, die der Bedeutung der Wissenschaften für die moderne Zivilisation Rechnung trägt. Das hängt, wie wir sehen werden, teilweise mit ihrer Deutung der Wissenschaften und der daraus resultierenden Einstellung zum naturwissenschaftlichen Denkstil zusammen. Um es anders auszudrücken: Das Dilemma dieser V— wie übrigens auch anderer — Auffassungen liegt in der unEs lohnt sich vielleicht, etwas weiter auszu , holen, um die Eigenart und die Bedeutung dieser Problematik ins rechte Licht zu setzen. Die Tatsache, daß Ideologien im gesellschaftlichen Leben eine erhebliche Rolle spielen, ist heute ebenso selbstverständlich geworden wie das Vorhandensein einer Ideologiekritik, die darauf abzielt, die hinter solchen Denkweisen stehenden Motive, Interessen und Einstellungen aufzudecken und dadurch ihre Gültigkeit in Frage zu stellen. Nicht die Existenz und die Effizienz ideologischer Denkweisen überhaupt ist aber das Phänomen, das in unserem Zusammenhang in Betracht kommt, sondern vielmehr der radikale Ideologieverdacht, der im Zusammenhang mit der These von der sogenannten „Seinsverbundenheit des Denkens" aufgetaucht ist, der Verdacht einer durchgehenden ideologischen Befangenheit alles Denkens überhaupt, der sich daraus ergeben hat, daß sich die Idee einer „reinen Vernunft" als eine erkenntnistheoretische Fiktion erwiesen hat. Die Vorstellung eines im Erkehnungsprozeß natürlichen Bedürfnissen, Bindungen und Beschränkungen vollkommen enthobenen Geistes, dem sich in interesseloser Schau unmittelbar die Wahrheit offenbart, ein theologisches Residuum in der klassischen Erkenntnistheorie, ist fast überall der Einsicht gewichen, daß auch die Erkenntnislehre mit dem in den Zusammenhang von Natur und Gesellschaft eingebetteten Individuum zu rechnen hat. Durch diese Einsicht wurde aber nicht nur die immanente Erkenntnistheologie der Philosophie des klassischen Rationalismus destruiert, sondern darüber hinaus schien nun der Geltungsansprueh des Denkens überhaupt radikal in Frage gestellt zu sein: vor allem für Denkresultate, die sich auf den geschichtlich gesellschaftlichen Bereich beziehen, denn vor allem auf diesen ihnen vertrauten Bereich haben sich die Verfechter des radikalen Ideologieverdachts im allgemeinen bezogen. AIlerdings ist die Scheu, auch Mathematik und Naturwissenschaften in diesen Verdacht einzubeziehen, die bisher noch meist zu beobachten war, unter dem Einfluß des Neomarxismus ziemlich weitgehend beseitigt worden.
Wie immer man zu dieser Radikalisierung des Ideologieverdachts stehen mag: mit der Einsicht in die Zusammenhänge, wie sie unter den erwähnten komplexen Tatbestand der Seinsverbundenheit des Denkens fallen, schien jedenfalls ein Anstoß gegeben zu sein, das Verhältnis von Denken und Sein erneut zu analysieren. Die Möglichkeiten einer neuen Lösung dieser Problematik kristallisieren sich im wesentlichen um drei Strömungen des modernen philosophischen Denkens, die noch heute die Konturen der geistigen und bis zu gewissem Grade auch der politischen Landschaft der industriellen Zivilisation bestimmen. Sie lassen sich in idealtypischer Stilisierung etwa folgendermaßen charakterisieren: lichen Kontinentaleuropa und in seinem geistigen Einflußbereich, vor allem in Südamerika, bis vor kurzem noch fast ausschließlich dominierte, eine Strömung, die unter anderem die verschiedenen Varianten des Existentialismus hervorgebracht hat. In ihr kulminiert ein Pro- " zeß der entschiedenen Subjektivientng des Denkens, der eine Abwendung von erkenntnistheoretischen Fragestellungen und vom methodischen Stil der Naturwissenschaften involviert, wobei rationale Argumentation und sachliche Orientierung in ihrer Relevanz für die Erkenntnis stark herabgemindert werden. Dagegen wird die Bedeutung der existentiellen Entscheidung und einer persönlichen, der objektiven Analyse nicht zugänglichen Wahrheit akzentuiert, für deren Erfassung offenbar die Ergebnisse der Wissenschaften ohne Bedeutung sind. Im Einflußbereich dieses Denkens wird der Geschichte und überhaupt den Geisteswissenschaften im allgemeinen ein methodologischer Sonderstatus zuerkannt, der darauf beruht, daß man im „Verstehen" ein Substitut für die in den Naturwissenschaften geforderte Erklärung gefunden zu haben glaubt. Dabei besteht die Neigung, diesen am Muster der Interpretation von Texten gewonnenen Erkenntnisbegriff so überzustrapazieren, daß sich die Hermeneutik zu einer universalen Ontologie ausweitet, in der letzten Endes die Welt als solche ausgelegt und verstanden wird.
im sowjetischen Herrschafts- und Einflußbereich durchgesetzt hat, aber inzwischen außer der dort herrschenden orthodoxen Version des Margebracht hat, deren Attraktivität, auch für den westlichen Geschmack, bedeutend größer zu sein scheint. In dieser Tradition wurde, besonders unter dem Einfluß Leninscher Thesen, die PolitiForderung der Parteilichkeit auch für die Erkenntnissphäre führte zu einem kompromißlosen Freund Feind Denken, das nur schwer mit dem Objektivitätsideal zu vereinbaren ist, auch wenn mitunter Versuche in dieser Richtung unternommen werden. Auf der Grundlage einer Geschichtsphilosophie, in der einem bestimmten Teil der Gesellschaft ein Erkenntnisprivileg zugestanden wird, das den Anspruch legitimiert, im Besitz der politisch relevanten gesellschaftlichen Wahrheit zu sein und damit gleichzeitig im Bunde mit den sinngebenden Kräften der Geschichte, werden politische Wertung und Tatsachenanalyse miteinander in einer Weise verschmolzen, die es erlaubt, die Neutralität der „bürgerlichen" Wissenschaft zu attackieren und als Schein zu enthüllen, andererseits aber ihre brauchbaren Ergebnisse zu übernehmen.
im angelsächsisch skandinavischen Sprachbereich findet, wo extreme Versionen des Positivismus nur noch sehr selten vertreten sein dürften, dagegen viele Schattierungen des logischen Empirismus, der sprachanalytischen Strömung und vom Pragmatismus beeinflußter Auffassungen, die nichtsdestoweniger hierzulande nicht selten in polemischer Absicht einem verwaschenen Positivismusbegriff subsumiert werden, der es erleichtert, Auffassungen dieser Art auf der Basis gewisser Familienähnlichkeiten — Bevorzugung bestimmter Problemstellungen, Verwendung der symbolischen Logik usw — zu bekämpfen. In diesem Bereich ist die Neigung zu beobachten, die Neutralisieritng des Denkens durch Eliminierung alier persönlichen und politischen Elemente zu versuchen. Dabei werden die Mittel einer am Objektivitätsideal und am naturwissenschaftlichen Denkstil orientierten Erkenntnislehre und Ideologiekritik bevorzugt, die sich meist einer reinen, von den Lebensinteressen distanzierten Philosophie verpflichtet weiß. Es geht unter anderem darum, den durch akademische Institutionen gegen das übrige soziale Leben einigermaßen isolierten Bereich methodisch sicherbarer Erkenntnis zu schützen und zu fördern, der mit einigem Recht als ein zentraler Bereich der modernen Zivilisation angesehen wird. Der Geltungsanspruch des methodischen Stils der Naturwissenschaften wird dabei meist auch auf andere Gebiete — die der Sozial- und Kulturwissenschaften — ausgedehnt, der Anspruch anderer — etwa hermeneutischer oder dialektischer — Erkenntnisweisen, tinter Verwendung logischer Analyse zurückgewiesen.
Diese Skizze der Situation ist eine idealtypische Stilisierung, die naturgemäß der Kompliziertheit der tatsächlichen Lage nicht Rechnung trägt. Sie wird außerdem in zunehmendem Maße durch die gegenwärtige Entwicklung überholt, die dafür sorgt, daß die durch das politische Geschehen seit den dreißiger Jahren mitbedingt relative Isolierung der geistigen Einflußgebiete allmählich einem regen Austausch weicht, der zu Auseinandersetzungen, Umorientierungen und Annäherungen führt.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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