Probe in Porto Alegre
Einwände zur Tagung des Lutherischen Weltbundes in Brasilien
Im Jahre 1945 legten protestantische deutsche Kirchenmänner das „Stuttgarter Schuldbekenntnis" ab, in dem sie öffentlich ihr Versagen gegenüber dem totalitären Staat und seinen Machthabern zu Protokoll gaben. Dieser Akt, von Gerechten und weniger Gerechten ger meinsam vollzogen, ließ für die Zukunft der Kirche hoffen. Mittlerweile steht aber fest, daß rückwärtsgewandte Bußfertigkeit und vorausschauende Urteilsfähigkeit nicht unbedingt dasselbe sind.
Anlaß dazu geben in diesen Tagen die Lutheraner. Zum fünften Mal bereiten sie sich darauf vor, im Rahmen des Lutherischen Weltbundes ihre Vollversammlung abzuhalten; als Tagungsort ist Porto Alegre im Süden Brasiliens vorgesehen. Gastgeber ist die lutherische Kirche Bra siliens.
Auf dem zehntägigen Arbeitsprogramm stellt ein Thema, das erheblich mehr Provokation und Brisanz enthält, als auf Anhieb zu vermuten ist: „Gesandt in die Welt" — im Klartext: Was haben lutherische Gläubige zu tun, um die urchristliche Solidarität mit den Entrechteten und Armen nicht nur in theologischen Allgemeinplätzen auszudrücken? Was haben sie zur Veränderung ungerechter Sozialstrukturen beizutragen, was zur Frage der Ausbeutung, des Rassismus, der mißachteten Menschenwürde? Bedenkt man, daß dies ausgerechnet in einem Land verhandelt werden soll, das für alle diese Mißstände exemplarisch ist, so sollte von den Lutheranern vor allem Bekennermut erwartet werden. Doch ist im Gegenteil zu befürchten, daß die Empfindsamkeit der brasilianischen Militärdiktatur jeden lutherischen Freimut dämpfen wird. Zwar genehmigte das Regime zur Pflege seiner lädierten Reputation die Durchführung der Vollversammlung, auch darf die internationale Presse ins Ausland berichten. Die unerwünschte Resonanz im Inland indessen wird nach bewährter Zensurmethode verhindert. Die persönliche Sicherheit der knapp 400 ausländischen Delegierten, Berater und Gäste wird gewährleistet, die brasilianischen Teilnehmer jedoch! dürfen nicht aufmucken.
Die Situation der lutherischen Kirche Brasiliens wird diese Grundtendenz eher noch verstärken: Seit Generationen ist sie eine Kirche deutscher Einwanderer und Siedler und versucht, den :Makel nationaler Unzuverlässigkeit durch ausgeprägte Staatstreue abzuwischen. Seit Jahren ist sie fast ausschließlich durch die staatlich filtrierte Informationspolitik über die Vorgänge im eigenen Land ungenügend unterrichtet und wird daher die kritischen Anfragen ihrer Gäste kaum beantworten können.
Damit steht das Weltluthertum vor der Frage, ob es seinen Anspruch, sich an der Lösung der Probleme und Krisen unserer Zeit zu beteiligen, für einen erzwungenen Opportunismus opfern will. In der kommenden Woche tagt das Exekutivkomitee des Lutherischen Weltbundes in Kopenhagen, um endgültig über den Veranstaltungsort zu entscheiden. Es geht dort auch darum, wie glaubwürdig die Lutheraner in Zukunft sein werden. Friedrich G. Kamm
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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