REISESPIEGEL

Der Reisende, ein Engländer, übernachtet im Osnabrücker Hotel „Hohenzollern". Er führt von dort aus zwei (Selbstwähl )Telephongespräche mit London von zusammen 26 Minuten Dauer. Am nächsten Morgen erhält er die Rechnung: 28 Mark für das Zimmer, 126 40 Mark für Telephonspesen. Gentleman, der er ist, darüber, hinaus mit der deutschen Sprache und den deutschen Gebräuchen nur ungenügend vertraut, zahlt er und schweigt. Einer seiner Freunde, des Deutschen mächtig, übernimmt es etwas später, das- Hotel um Berichtigung des vermeintlichen Irrtums zu bitten. Das Antwortschreiben kommt postwendend: „Wir teilen Ihnen mit, daß im deutschen Telephonverkehr eine Telephoneinheit (Impuls nach London) fünf Sekunden dauert. Eine Einheit kostet in Häusern ersten Ranges in Deutschland DM — 40 bis — 50. Das Hotel Hohenzollern berechnet DM — 40 Das also ist des Pudels Kern. Man ist ein „erstes Haus", da ist es üblich, pro Gesprächseinheit 40 Pfennig zu berechnen. 314 Einheiten, macht 125 60 Mark. Das stimmt. Ansonsten bedauert man, mit höflichen Grüßen. Ohne freilich zu erwähnen, daß die Deutsche Bundespost für eine Gesprächseinheit 18 Pfennig berechnet und somit das Hotel an zwei Telephongesprächen nach London sage und schreibe 69 08 Mark verdiente. Wie wirbt doch die Deutsche Zentrale für Fremdenverkehr im Ausland? „Happy Days inGermany!" K F. Während der tunesischen Unwetterkatastrophe versagten die Halbverantwortlichen. Nicht etwa die Kellner oder das Zimmerpersonal verloren Nerven und Höflichkeit, als Strom und Wasser ausfielen. Sie verrichteten ihren Dienst. Auch die obere Schicht der Manager und Staatsfunktionäre behielt Contenance. Angesichts überschwemmter Straßen wurden Flugmöglichkeiten organisiert. Gäste, die zu Recht oder Unrecht nörgelten, wurden in andere Hotels — die weniger unter dem Unwetter gelitten hatten — umdirigiert. Küche und Keller blieben intakt. Es versagte das mittlere Management, es versagten die Telephonisten und — vor allem — die Herren an der Rezeption, die Empfangschefs. Auch ohne Katastrophe ließ ihr Verhalten, den Touristen gegenüber mancherlei zu wünschen übrig. Ihr sichtlicher Unmut über die urlaubernden Nichtstuer äußerte sich nur allzu häufig in scheinbarer Interesselosigkeit, wirklicher Unhöflichkeit und mangelnder sprachlicher Verständigungsbereitschaft. Selbst die beste Organisation oben und unten wurde nicht selten durch fehlende Mitwirkung der Clerks torpediert.

Völligldaneben benahmen sich einige der Herren vom Empfang im Hotel Tanit in Monastir. Als das Unwetter — das dort im übrigen keinem Touristen ein Haar krümmte — einmal Pause machte, pausierte noch tagelang danach der Posttransport über die zerstörte Straße nach Tunis. Angehörige eines deutschen Touristen machten sich;;— fernab in der Heimat — düstere Gedanken um das Ergehen des unwetterungewohnten Urlaubers. Sie riefen an „Nein", bekamen sie beim Empfang zur Antwort, „Herr Soundso ist über Land gefahren und noch nich; zurück " Diese Auskunft war falsch und gefährlich. Falsch, weil der Umsorgte sich am Strand in Hotelnähe sonnte. Gefährlich, weil gerade diese Auskunft geeignet war, die Gemüter der fernen, ortsunkundigen Angehörigen zu umwölken. Irgendwo im Land? Nicht zurück? Im Lande wütete das Unwetter besonders intensiv. Es hatte ihn doch wohl hoffentlich nicht erwischt? Drei Tage postloser Unruhe in Deutschland. Erneuter Anruf „Der Herr ist nicht da Er war aber doch da, und er erfuhr beide Male nichts vom. Telephonat. Nach Hause zurückgekehrt, wurde er von Mutter und Sohn fast wie ein wiederauferstandener Toter gefeiert.

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Sechs Tage Ungewißheit naher Angehöriger — ein unbekannter Clerk aus der Rezeption des Hotels Tanit hat sie seelisch und gedanklich nicht zu verkraften, weil er weder mit dem Kopf noch mit dem Herzen bei der Sache war. Oder? Der „Mensch wie du und ich", der deutsche Durchschnittsbürger, hat in diesem Jahr mehr Geld für seinen Urlaub ausgegeben: 876 Mark statt 742 Mark wie im vorigen Jahr. Für die Ordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Reisebüroverbandes in Mainz ist dies errechnet worden. Die Rechner haben offengelassen, ob er, der Anonyme, auch mehr bekommen hat — Besseres anscheinend nicht: die Zahl der Reklamationen ist stark gestiegen. K. M.

 
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