Schlüssel zum Frieden?
Die Folgen von Song My Von Joachim Schwellen Washington, im Dezember
Das Aufdecken des Massakers von Song My hat Amerika einen betäubenden Schock versetzt, aus dem es sich nach und nach zur Besinnung auf die unerbittlichen Einsichten und Konsequenzen durchringt.
Das Gemetzel, schon vor dem Kriegsgerichtsverfahren gegen Leutnant Calley und andere Beschuldigte durch ein gutes Dutzend Interviews mit Augenzeugen und durch Photodokumente unumstößlich bewiesen, läßt bemitleidende Selbstgerechtigkeit nicht mehr Zu. Die Amerikaner sitzen in diesen Wochen nicht nur über einige untergeordnete Befehlsempfänger, sondern auch über sich selbst zu Gericht.
Das Weiße Haus bekannte, das Massaker sei für das Gewissen der amerikanischen Nation verabscheuenswert. Auf dem Capitol gestanden mehrere Kongreßmitglieder, ihnen habe sich der Magen umgedreht, als sie die von Heeresminister Stanley Resor vorgeführten Farbdias von erschossenen südvietnamesischen Zivilisten betrachteten. Mütter der Schützen von Song My fragen sich vor der Öffentlichkeit entsetzt, was ihre Söhne in Vietnam in Mörder verwandelt habe, und wollen nicht glauben, daß sie auf etwas anderes als „auf Befehl" gehandelt haben. Das Räderwerk der Justiz ist in Gang und bewegt sich auch auf jene am Massaker beteiligten Soldaten zu, die inzwischen aus dem Wehrdienst entlassen wurden und daher nach geltendem Recht nur schwer zu belangen sind.
Grundsätzlich bleibt zutreffend, was Resor vor einem Kongreßausschuß sagte: Die Vorfälle von Song My sind unrepräsentativ für das Kampfverhalten der weit über eine Million amerikanischen Soldaten, die bisher in Vietnam ihren Dienst geleistet haben. Kein nur einigermaßen objektiver Beobachter wird das in Frage stellen. Dennoch — ist Song My etwa nur die Spitze eines Berges ähnlicher Verbrechen? Von amtlichen Stellen bisher nicht widersprochen schreibt beispielsweise ein Berichterstatter der „New York Times" in der Sonntagsbeilage seines Blattes: „Das Programm des Vietcong zur Ermordung, (südvietnamesischer) Regierungsbeamter ist — zumindest in Ziffern — von dem Phoenix Programm überboten worden, das von der Central Intelligence Agency eingeleitet wurde und jetzt vom Amerikanischen Militärischen Kommando verwaltet und von sogenannten Provinz Aufklärungseinheiten durchgeführt wird, die aus vietnamesischen Mord Einsatzgruppen, (assassinations squads) bestehen, welche von amerikanischen Beratern geführt werden Es wird gesagt, daß so etwa im vergangenen Jahr 13 000 Mitglieder des Kommandoapparates des Vietcong neutralisiert worden sind; einige wurden gefangengenommen, doch gibt es Anlaß zu der Vermutung, daß die meisten — um eine seit kurzem notorische Redewendung zu gebrauchen —, mit äußerster Umsicht ausgelöscht worden sind.
Andere amerikanische Experten meinen, in dem „Phoenix Programm" seien bisher nicht nur 13 000, sondern bereits rund 18 000 Mitglieder der politischen Vietcong Kader „liquidiert" worden. Ein Mediziner berichtet, ihm sei bekannt, daß im Mekong Delta ein amerikanischer Leutnant seinen Leuten aus Langeweile befohlen habe, in einem vietnamesischen Dorf auf Zivilisten ein Scharfschießen zwecks „Zielübung" zu veranstalten. Solche Fälle sind mit einemmal Legion, jedenfalls in der Darstellung der amerikanischen Massenmedien, die hier wohl kaum aus Sensationsgier aufbauschen.
So ist die Frage nach der Schuld und nach den Schuldigen von Song My nicht erschöpfend; Amerika muß sich in den kommenden Monaten darüber Aufschluß verschaffen, ob die Mentalität der französischen Kolonialtruppen Obristen und der „Paras" auf seine Soldaten und Offiziere in Vietnam übergegriffen hat — jene Mentalität, die den bewußten und konsequenten Gegenterror als die humanste, weil schnellste Methode der Kriegsbeendigung kultivierte. Wohin das von Vietnam bis Algerien führt, weiß jedermann. Es müßte für das aufgeklärte amerikanische Gewissen und für seinen liberalen Rationalismus wie auch für seine missionarische Religiosität letzte Bestürzung bedeuten, wenn sich die Prinzipien von Recht und Freiheit in dem Morast des Partisanenkrieges in die Regeln hemmungsloser Grausamkeit und, kalten Terrors verwandelten. Amerika ist doch wohl nicht nach Vietnam gezogen, um sich vom Firnis kommunistischer Gewaltmethoden überziehen zu lassen. Richard Nixon hat bisher zu alledem geschwiegen. Er ist ein Opfer — oder ein Werkzeug — der „schweigenden Mehrheit" seines Volkes, die er so gern zitiert. Sein nächster Rechenschaftsbericht über Vietnam, der dritte in seiner Amtszeit, verschafft ihm jedenfalls die Gelegenheit und das Forum, die amerikanische Nation an Grundsätze zu erinnern, die in My Lai zerbrachen, aber darum nicht weniger wert geworden sind. Das Bekanntwerden der Kriegsverbrechen kann seine Entschlossenheit nur bestärken, sein Land so schnell wie möglich aus der Verstrickung dieses Krieges zu lösen. Sie geben den patriotischen Amerikanern ebenso Auftrieb, die Beendigung des Krieges zu fordern, wie den demonstrierenden Pazifisten und Studenten. Song My hat eine nachhaltigere politische Wirkung auf das amerikanische Bewußtsein als ungezählte Pro teste;. Nixon und die Regierung könnten diesen Effekt zum Instrument eines entschlossenen Disengagements machen, weil sich der gute Durchschnittsamerikaner nicht länger von Vietnam verderben lassen will.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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