Theaterkrise: Symptom in Stuttgart
Es geht schon kräftig rund. Intendanten, 1 Generaldirektoren, Oberspielleiter und andere Bühnenvorstandsmitglieder sind am Verhandeln: zur Spielzeit 1972 laufen bei mehr als vierzig Posteninhabern dieser wichtigen Art die Verträge aus, Veränderungen großen Ausmaßes sind bis dahin also im bundesdeutschen Theaterbetrieb zu gewärtigen. Bei den Württembergischen Staatstheatern in Stuttgart ist der wichtigste "Würfel bereits gefallen: Hans Peter Doll wird 1972 Intendantennachfolger von Walter Erich Schäfer. Und die erste Folge dieses Wechsels ist die scheibchenweise ruchbar gewordene, von der regionalen Presse mit Betroffenheit registrierte Absichtserklärung von Peter Palitzsch, bis dahin nicht mehr Stuttgarter Schauspieldirektor sein zu wollen.
Dazu muß man wissen: einzig und alleindem 51jährigen Brecht Adepten Palitzsch verrdankt Stuttgart, daß &s, seit 1967 (da trat Palitzsch sein Direktor eixämtan) in die nicht sehr umfangreiche Gruppeder deutschen AKlasse Bühnen hineingewachsen ist.
An Hand der „Trotzki" Absage (das Stück wurde auf Wunsch des Intendanten abgesetzt) kommen wir den Gründen für Palitzschs Weggang näher, näher jedenfalls, als wenn man kurzschlüssig vermutete, Palitzsch ginge, weil Doll in Stuttgart Intendant würde, weil das Schauspiel immer mal wieder von CDU Stadträten angeschossen wurde oder weil ihm in dieser Spielzeit gleich vier Premieren verrutschten. Palitzsch wollte am 20. Januar 1970 das neue Stück von Peter Weiss in Zusammenarbeit mit dem Autor sozusagen authentisch uraufführen, dieweil am selben Tag. der „Trotzki" auch bei Karl Heinz Stroüx in Düsseldorf Urpremiere haben sollte. Intendant Schäfer aber fand in letzter Minute das Stück nicht gut genug, Stuttgart verzichtete. War damit sein Schauspieldirektor, naturgemäß an Weiss interessiert und in Sachen Trotzki gleichermaßen engagiert, desavouiert? Palitzsch verneint, denn der einsame Entschluß wurde nicht einsam in die Verzichtstat umgesetzt. Palitzsch ließ unter seinen Schauspielern abstimmen, die Mehrheit war wie Schäfer gegen das Weiss Stück, also ein demokratisch legitimierter 1 Rückzug Per Schauspielermehrheitsbeschluß wurde freilich auch das unsägliche Che GuevaraStück akzeptiert, also das einzig Wahre scheint diese Methode nicht zu sein. Darum geht es dem amtsmüde gewordenen Schauspieldirektor: wie läßt sieh an eisern Staatstheaterbetrieb von der Basis aus zu besseren (= für alle gerechteren, effektiveren) Arbeitsbedingungen kommen, wie läßt sich die autoritär verhärtete Struktur des Theaters sinnvoll aufweichen.
Mit dem, was er bis jetzt in Stuttgart bezüglich „maximaler Arbeitsmöglichkeiten" mit einer noch nicht systematisch fixierten Kollektivarbeit erreichen konnte, ist Palitzsch nicht länger zufrieden. Und wenn er es schon unter Schäfer nicht geschafft hat, unter Doll, so sagt sich Peter Palitzsch, sind die Chancen gleich Null. Doch ganz aufgeben möchte er noch nicht, nur zunächst demissionieren in seiner Eigenschaft als „Schauspieldirektor" (ein Autoritätsbegriff alter Schule, den er nicht ausstehen kann). Praktisch sieht sich Palitzsch als Opfer seines Direktorenberufs: Die Arbeitsteilung des Schauspieldirektors in Geschäftsführer und Hauptregisseur verkraftet er nicht mehr. Diese Doppelfunktion lahmt seinen künstlerischen Schaffensdrang.
Weitermachen als Regisseur würde er, wenn für die Direktorentätigkeit eine Mannschaft gefunden werden könnte, die eine „verstärkte Dramaturgie" verbürgen und auf einem fest ans Haus gebundenen Team von Regisseuren und Bühnenbildnern basieren würde. Auch für Palitzsch scheint das (zunächst gescheiterte) „Frankfurter Modell" der am ehesten gangbare Weg der Theaterzukunft.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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