Tod aus der Retorte
Auch nach dem Teilverzicht Nixons werden neue B-Waffen produziert / Von Joachim Schwelien Washington, im Dezember
Am 13. März 1968 kamen in der Nähe des Versuchsgeländes der amerikanischen Armee für B- und C Waffen bei Dugway im Staate Utah 6400 Schafe ums Leben, auf die versehentlich eine Wolke des von einem Flugzeug abgesprühten Nervengases VX niedergeregnet war. Die Öffentlichkeit wurde alarmiert: Bei ungünstigeren Windverhältnissen hätte der Unfall schlimmeren Schaden unter Menschen anrichten können. In den Fachzeitschriften verbreiteten sich seither Wissenschaftler darüber, welchen Umfang die Vorbereitungen zur bakteriologischen und chemischen Kriegführung in den USA bereits angenommen haben. Schließlich zerrte ein Unterausschuß des Repräsentantenhauses, der unter dem Abgeordneten Henry Reuss über den Naturschutz wacht, einige vom Pentagon geheimgehaltene Vorgänge in der Hexenküche der Mikrobiologen und der Chemiker ans Tageslicht. Am 25. November hat Präsident Richard Nixon darauf eine Beschränkung — kein Verbot — der bakteriologischen und chemischen Kampfführung angeordnet. Aus ihrer bisherigen Zurückhaltung, auch nur dem Genfer Protokoll von 1925 über den Verzicht auf den Erstgebrauch von B- und C Waffen beizutreten, trat die amerikanische Regierung damit einen großen Schritt heraus. Sie verpflichtete sich sogleich, alle bereits vorhandenen Vorräte an biologischen Kampfstoffen zu vernichten. Sie ist bereit, auf die Verwendung von Mitteln zur biologischen Kriegführung überhaupt zu verzichten und einen entsprechenden britischen Konventionsentwurf zu unterstützen, der allerdings noch "modifiziert werden soll. Für den Bereich der chemischen Waffen bekräftigte Nixon den Verzicht auf den Erstgebrauch von tödlichen Kampfstoffen und dehnte ihn auf die kampfunfähig machenden Chemikalien aus.
Der Beschluß Nixons geht auf Empfehlungen zurück, die von den zuständigen Ministerien und Ämtern nach sechs Monate langen Studien vorgelegt wurden — gegen den Einwand der Stabschefs. Die führenden Militärs und viele ihrer wissenschaftlichen Gehilfen in der Abteilung des Pentagon für Forschung und Entwicklung und draußen in den Labors wollten sich diese Dimension der Kriegführung nicht verschließen lassen; die üblichen sicherheitspolitischen Erwägungen (der Gegner tut es auch) und die noch weithin unausgeschöpften Möglichkeiten der B- und der C Waffen bestimmten ihre Argumentation. Die Militärs wurden jedoch von denen überstimmt, die andere und überzeugendere Gründe ins Feld führten: Die amerikanischen Vorbereitungen für eine eventuelle chemische Kriegführung, hauptsächlich also mit Kampfgasen, werden durch die Anordnung des Präsidenten nicht wesentlich beeinträchtigt; biologische Kampfstoffe sind nur sehr schwer zu lagern und wirkungsfähig zu erhalten, können aber im Bedarfsfall in großen Mengen auf Bakterienkulturen schnell produziert werden; eine biologische Kriegführung kann gegen den ausschlagen, der sich ihrer bedient, da sie Massenepidemien ohne Unterscheidung von Freund und Feind herbeiführt; Da der Senat in absehbarer Zeit über einen Beitritt der USA zum Genfer Protokoll von 1925 diskutieren wird und die Stimmung im Kongreß gegen den „militärisch industriellen Komplex" noch sehr stark ist, war es angebracht, wenigstens die grauenvollen Heerscharen der Mikroorganismen zu verbannen und ihr unheimliches Dasein in den Retorten noch dichter zu verstöpseln.
Sie lagern zum großen Teil im Fort Detrick bei Washington, das kein Fort ist, sondern ein gewaltiger Komplex von Laboratorien, Aluminiumtanks, Baracken und Verwaltungsgebäuden, in denen seit über zwanzig Jahren mehr als 550 Wissenschaftler und Tausende von Arbeitern und Angestellten am Schaffen sind. Ihre Welt ist die der Kleinstlebewesen, mit denen Großlebewesen wie Menschen massenweise ins Jenseits befördert werden können: mit Bakterien und Viren oder Kreuzungen zwischen beiden, die spezielle Arten der Papageienkrankheit, des Q Fiebers, der venezolanischen Gehirnhautentzündung, des Botulismus, des Anthrax, der Lungenpest, insgesamt rund hundert denkbare Varianten von Krankheiten hervorrufen können, die schnell wirken und unheilbare oder schwere Schäden verursachen, wenn der Patient nicht auf der Stelle behandelt wird.
Die Biologen, die Mediziner und die Hilfskräfte von Fort Detrick werden nun keineswegs arbeitslos. Präsident Nixon hat nämlich bestimmt, die USA würden ihre militärisch biologischen Forschungen auf „defensive Maßnahmen wie die Immunisierung und Sicherheitsvorkehrungen beschränken". Solche Sicherungen aber sind nur möglich, wenn Entstehen und Verhalten aller denkbaren Krankheitserreger untersucht werden. Immunisierungsstoffe lassen sich meist nur gewinnen, wenn Lebewesen — Tiere oder Menschen —< mit ihnen infiziert werden und Abwehrstoffe im Körper entwickeln, die dann wieder zur Behandlung der durch sie hervorgerufenen Erkrankungen verwendet werden können.
Die Erforschung und also die begrenzte Produktion biologischer Kampfstoffe wird somit fortgesetzt; nur ihre Herstellung und Lagerung im gefechtsfähigen Zustand wird in Amerika beendet. Die in Arsenalen wie dem von Pine Bluff im Staat Arkansas zum Teil tiefgekühlt gelagerten Vorräte an B Waffen sollen binnen Jahresfrist vernichtet werden.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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