Sorgen um Kiels Rektor Unter die Gürtellinie

Kiel

Rund 40 Studenten drangen in den Hörsaal des Botanischen Instituts der Kieler Universität ein, um über den beabsichtigten Numerus clausus zu diskutieren. Sie taten das gegen den Willen des Institutsdirektors Professor Halbsguth, der ihnen die Räume nach Feierabend nicht geben wollte. Es gingen Scheiben zu Bruch. Halbsguth rief die Polizei auf das Gelände der altehrwürdigen Christian- Albrechts Universität. Beides, Numerus clausus und Polizei in der Universität, behagte dem Rektor der Hochschule, dem Mediziner Professor Ludwig Weisbecker, nicht. Er setzte für den folgenden Abend eine Senatssitzung an. Doch dann traf ihn der Schlag in den Unterleib. Der Allgemeine StudentenAusschuß der Universität hatte zu einem Go in aufgefordert und eine öffentliche Senatssitzung verlangt, was Weisbecker nicht zugestehen wollte, weil dafür die gesetzlichen Voraussetzungen fehlten. Bei dem erregten Handgemenge von etwa 600 Studenten geschah das, was Weisbecker als einen „echten Knockout unter die Gürtellinie" bezeichnet. Er mußte in die Klinik, und die Hochschule legte den Lehrbetrieb zwecks Selbstbesinnung über Gewaltanwendung für eine halbe Woche still.

Seit letzten Montag läuft der Lehrbetrieb wieder, und die Universität wird weiterhin durch Rektor Weisbecker geführt Er will keinen Strafantrag stellen. Es geht ihm nicht um ein „Happening im Gerichtssaal". Er ist entschlossen, zu tun, als ob nichts gewesen ist".

Anzeige

Das bedeutet speziell für Weisbecker sehr viel. Dieser Mann ist gegen Gewalt, denn „ich habe lange genug im Konzentrationslager Buchenwald als Häftling gesessen". Dorthin hatten ihn die Nationalsozialisten verschleppt, weil er illegal gegen das System gearbeitet hatte und nicht rein arischer Abstammung war.

Weisbecker kann sich auch nicht vorstellen, daß der Schlag, der ihn beim Verlassen des Senatssaals traf, von Studenten geplant gewesen ist — schon deshalb nicht, weil das nicht mit deren linker Ideologie konform liefe. Ein gezielter Schlag wäre, so meint Weisbecker, „konterrevolutionär" und „politisch falsch für diese Gruppe". Er weiß es. Er toleriert, daß seine eigenen Kinder in der Außerparlamentarischen Opposition agieren. H. A,

 
Service