Walter Jens, Dr. phil.
Der Altphilologe und Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen, Schriftsteller und Publizist, Fernsehautor und Fernsehkritiker Walter Jens, promovierte 1944 an der Philo sophischen Fakultät der Universität Freiburg über das Thema „Die Funktion der Stichomythie in Sophokles Tragödien der Mannesjahre" (Jens Dissertation erschien 1955 unter dem Titel „Die Stichomythie in der frühen griechischen Tragödie" als Buch in der G. H. Beckschen Verlagsbuchhandlung, München ) Diese Dissertation ist eine der am besten „überarbeiteten", die ich bisher gelesen habe. Fleißige Studenten der Altphilologie haben die Ausgabe, die ich in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek entlieh, mit vielen Unterstreichungen und Randnotizen versehen, sämtliche Druckfehler wurden sorgfältig verbessert. Anscheinend ist Jens Doktorarbeit ein in Seminarreferaten vielzitiertes Werk.
Was nun macht diese Dissertation, zumindest für Studenten des Altgriecnischen, so begehrt? „Es ist das Ziel dieser Arbeit, durch eine Interpretation der sophokleischen Tragödien sowohl einen Beitrag zur sophokleischen techne zu geben als auch die Entwicklung der antiken Siychomythie zu verfolgen — ein Unternehmen, dessen Notwendigkeit vielleicht schon durch die spärliche Literatur auf diesem Felde hinreichend bezeugt wird, zumal die vorliegenden Arbeiten über die Stichomythie sich ausschließlich auf die Aufzählung formaler Gesichtspunkte beschränken", schreibt Jens in der Einleitung.
Um die „Stichomythie in ihrer archaischen Strenge, ihrer beginnenden Wandlung und ihrer Vollendung" darzustellen, untersucht der Autor zuerst die aischyleischen Tragödien, „um später zu erkennen, in welcher Weise der jüngere Tragiker, Sophokles, die überlieferte form umwandelt".
Spätestens hier wohl muß dem Laien mitgeteilt werden: „Stichomythie" bezeichnet den dramatischen Wechsel von Rede und Gegenrede in jedem Vers.
Nach einer Untersuchung der Stichornythien des Aischylos von den „Persern" bis zum „Gefesselten Prometheus" kommt Jens zu dem Schluß: „Die Betrachtung der aischyleischen Stichomythie lehrt, daß Aischylos, von den Hiketiden an, alle Formen der Stichomythie, Frage und Antwort, Streit, Überredung, Gebet, in seine Tragödie aufgenommen hat " Der junge Sophokles dann lockert „den archaisch strengen Bau der Stichomythie" auf, die Stichornythien sind stärker aufeinander bezogen, ihre Funktionen in den einzelnen Tragödien sind umfassender, weist Jens nach. Im sophokleischen Frühwerk, dem „Ajas" und den „Trachinerinnen", sei von einer Weiterentwicklung der Stichornythien allerdings noch wenig zu merken. Erst die „Antigone" bringe den „entscheidenden Wendepunkt".
„Bei Aischylos und beim frühen Sophokles war es undenkbar, daß sich innerhalb einer Stichomythie ein Mensch an einem anderen zu sich selbst entschied. Erst von der Antigone an ist es möglich, den Charakter innerhalb des Dialogs auszuformen. Damit erobert Sophokles der Bühne eine Dimension, die bis dahin nicht existent war. Die alte Tragödie war enthüllend und explizierend, variierend und kontrastierend. Eine dramatische Entwicklung im Hin und Her des Dialogs gibt es erst von der Antigone an " Diese Entwicklung des Dialogs wird dann im „König ödipus" noch weitergeführt „Während bei Aischylos und dem frühen Sophokles etwas Vergangenes enthüllt wurde, ein zeitlich zurückliegendes Ereignis, dessen Bedeutung in der rhesis episch breit exemplifiziert werden mußte, wird im Ödipus das Vergangene innerhalb des Dialogs als etwas Gegenwärtiges erfahren. In den Frage und Antwort Stichornythien erfährt Ödipus nicht nur was war, sondern auch, was ist und was sein wird " In den sophokleischen Spätwerken, „Elektra", „Philoktet" und „ödipus auf Kolonos", stellt Jens eine weitere, bedeutende Wandlung der Stichornythien fest. Stichomythien dienen mehr und mehr dazu, „die innermenschlichen Beziehungen zwischen den handelnden Personen zu klären". Die Handlung wird nur noch von wenigen Personen getragen. Jens schreibt dazu: „Während die alten stichomythischen gene sich immer mehr auflösen, bildet sich eine Dialogform heraus, durch die menschliches Handeln und Reagieren immer differenzierter und nuancierter dargestellt werden kann " Nun, das ist alles nichts Neues über das Alte von Walter Jens. Seine Dissertation bietet zumindest vom Thema her keinerlei Überraschungen. Nur eines unterscheidet den Doktoranden Jens von dem professoralen Dichter Publizisten: die Handhabung der Sprache. Von der kunstvollen, manchmal auch künstlich wirkenden Jensschen Stilistik ist in seinem „Frühwerk" kaum etwas zu spüren. Doch eine Dissertation wäre wohl keine, wenn sie nicht in einer steifen, leidit unbeholfen wirkenden Sprache verfaßt wäre. Beate Paulus
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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