Warum Psychologen das Rätsel Frau nicht lösen können
Die Psychologie kann uns nicht lehren, wie Frauen wirklich sind, welche speziellen Bedürfnisse oder Wünsche sie haben, wie und wovon ihr Verhalten gesteuert wird. Diese Unfähigkeit unserer Wissenschaft hat einen simplen Grund: Psychologen wissen dies ganz einfach nicht.
Gleichwohl pflegen sich Psychologen ausgiebig über das wahre Wesen der Frau auszulassen, mit erschreckendem Eifer und geradezu beunruhigen der Bestimmtheit. So lesen wir bei Bruno Betteldavon ausgehen, daß jede Frau — auch dann, wenn sie eine gute Wissenschaftlerin oder Technikerin zu sein anstrebt — zu allererst Mutter und Gefährtin des Mannes sein möchte Der Harvard Professor Erik Erikson erklärt: „Die Persönlichkeit einer jungen Frau ist zu einem großen Teil schon von der Art ihrer Attraktivität bestimmt und von der Art, mit der sie den Mann (oder die Männer) aussucht, von dem (oder denen) sie erwählt werden möchte Und der Psychiater an der Harvard Medical School, ohne Furcht vor ihren biologischen Funktionen und ohne die subversiven Einflüsse feministischer Doktrinen aufwachsen wenn sie der Mutterschaft mit einem altruistischen Gefühl begegnen und darin eine Erfüllung erblicken, dann wird sich das Ziel erreichen lassen, ein schönes Leben in einer sicheren Welt führen zu können " Diese Äußerungen prominenter Vertreter ihres Fachs spiegeln einen allgemeinen Konsensus der Psychologen wider, eine Vorstellung von der Frau, die dem landläufigen Vorurteil entspricht. Selbstverständlich gibt es nicht die Spur eines Beweises dafür, daß dieses Bild von einem in kindischer Abhängigkeit befangenen, dienstbeflissenen Wesens die wahre Natur der Frau auch nur andeutungsweise wiedergibt.
Nicht nur bei der Beantwortung dieser Fragen versagt die Psychologie. Vielmehr wird es zunehmend deutlicher, daß der Zweig der Psychologie, dör sich mit der Frage beschäftigt, warum Menschen in bestimmter Weise handeln und aus welchen Gründen sie ihr Verhalten ändern, ganz allgemein versagt. Der Grund: Die meisten Psychologen gehen davon aus, daß menschliches Verhalten hauptsächlich von einer individuellen inneren Dynamik gesteuert wird.
Dieser Grundannahme wird jedoch in zunehmendem Maße der Boden entzogen. Denn mehr und mehr stellt sich heraus, daß die vermeintlichen. Persönlichkeitsmerkmale von untersuchten Individuen keineswegs stetige Parameter sind, und immer mehr Indizien stützen die Hypothese, daß Verhalten und Selbstverständnis des einzelnen davon bestimmt sind, was die Menschen seiner Umwelt von ihm erwarten und welche Rolle ihm die jeweils aktuelle Gesamtsituation vorschreibt.
Nun sind Psychologen immerhin schon dabei, solche Erkenntnisse zu berücksichtigen und ihre Theorien entsprechend zu revidieren. Nicht so die klinischen Psychologen, die Psychiater. Freudianer und Neofreudianer, Adlerianer und Neoadlerianer, Orthodoxe und Liberale, sie alle weigern sich beharrlich, Beweise zu akzeptieren, die sich mit ihren Theorien nicht in Einklang bringen lassen. Sie untermauern statt dessen ihre thecw retischen Vorstellungen und die daraus resultier rende Praxis mit offenkundig einseitig gefärbten: „Erfahrungsberichten", die als empirische Evidenz absolut untauglich sind.
Wer sich mit der Literatur der Kliniker und Psychiater beschäftigt, dem fällt es sofort auf, daß, es hier üblich ist, Theorien mit „jahrelanger intensiver klinischer Erfahrung" zu stützen. Gewiß, es ist jedem freigestellt, sich eine Theorie auszudenken und sie mit einer beliebigen Inspiration, die sich als brauchbar erweist, zu begründen, sei es göttliche Eingebung, intensive klinische Erfahrung oder das Ergebnis einer Zufallsauswahl. Doch steht es uns nicht frei, die Gültigkeit solcher Theorie zu behaupten, ehe sie nicht in reproduzierbaren Experimenten bestätigt worden ist. Diese wissenschaftliche Methodik ist in der Psychiatrie freilich noch weitgehend unüblich. Hier wird keineswegs eine Theorie zunächst nur als ein noch überprüfungsbedürftiger Deutungsversuch angesehen. Man denke nur an Freud. Was er als Beweis ansah, verletzte die minimalsten Forderungen wissenschaftlicher Exaktheit. In seiner Abhandlung „Zur sexueller! Aufklärung ckf -KJndet;", jener klassischen Arbeit, die angebficn d ixistenz WÄStMBhskömplexes uft% seinem Zusammenhang mit einer Phobie nachweist, stützt Freud seine Thesen auf Berichte des Vaters eines kleinen Jungen; der Mann hatte sich selbst einerPsychoanalyse unterzogen und war ein Anhänger Freuds. Jeder Kommentar zu dieser Art von Beweisführung erübrigt sich.
Bemerkenswert ist, daß die Behauptung in Freuds klassischer Theorie von der weiblichen Sexualität, eine Frau sei zwei verschiedener Orgasmen fähig, erst in jüngster Zeit physiologisch geprüft worden ist — und sich dabei als vollkommen falsch erwies. Diejenigen, die so gern erklären, fünfzig Jahre psychoanalytischer Erfahrung hätten die Richtigkeit von Freuds Lehre ausreichend bewiesen, sollten über die Langlebigkeit der falschen Zwei Orgasmen Theorie einmal nachdenken. Wie war das, ehe die Professoren William Masters und Virginia Johnson, mit ihren Experimentalergebnissen diese Theorie zu Fall brachten? Hatten die. Frauen damals geglaubt, sie hätten zwei verschiedene Arten von Orgasmen? Oder hatten ihnen ihre Psychiater eingeredet, sie sollten etwas berichten, was nicht stimmte? Wenn ja, stimmen dann vielleicht andere Auskünfte dieser Frauen ebenfalls nicht? Haben Psychiater Erfahrungen, die ihren Theorien widersprachen, nie gemacht oder verschwiegen? Wenn klinischer Erfahrung irgendeine Beweiskraft zukäme, dann hätte der Mythos von den beiden Orgasmen schon lange vor Masters und Johnson platzen müssen. Man mag einwenden, die gründliche klinische Erfahrung sei schließlich der einzig gültige Maßstab in einem Bereich, dessen Erkenntnisse auf Verständnisvermögen, Feinfühligkeit und Intuition beruhen. Das Mißliche an Intuition, Feinfühligkeit und Verständnis vermögen ist nur, daß sie dazu neigen, unsere Vorurteile zu bestätigen. Es gab eine Zeit, in der die Menschen von ihrer Fähigkeit überzeugt waren, Hexen ausmachen zu können. Alles, was dazu nötig erschien, war ein feines Gefühl für die Machenschaften des Teufels. Klinische Erfahrung ist alles andere als ein empirischer Beweis. Das erste, was ein Experimentator zu begreifen hat, ist der Doppel Blindversuch. Der Begriff leitet sich von medizinischen Versuchsanordnungen her, bei denen eine Probandengruppe ein Medikament zu sich nimmt, das das Verhalten in bestimmter Weise verändern soll, und eine Konwollgruppe ein Placebo, ein unwirksames Mittel, bekommt. Wissen die Beobachter — oder die Versuchspersonen —, welche der beiden Gruppen welche Pille bekam, dann bestätigt das Versuchsergebnis in den allermeisten Fällen die Wirksamkeit des zu prüfenden Medikaments. Nur wenn weder der Experimentator noch die Versuchspersonen wissen, wer was bekommen hat, besitzen die Versuchsresultate annähernde Gültigkeit.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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