Karl Schiller möchte den Kapitalexport bremsen, doch die Banken folgen ihm dabei nicht: Wenn aus Tugend Sünde wird

11 jene, die eine volle Devisenkasse als Maßstab für nationalen Reichtum ansehen, müssen in diesen Wochen nach der Aufwertung einen Schreck bekommen haben. Schneller als erwartet hat das Ausland den Rückzug aus der Mark angetreten. Es geschah so schnell, daß der Bundesbank die frei verfügbaren Dollarreserven auszugehen drohten. Zum erstenmal mußte sie den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Geld bitten, damit sie ihren täglichen Umtausch Verpflichtungen nachkommen konnte. Dieser für Reserve Fetischisten ungeheuerliche Vorgang bedeutet nun aber nicht, daß ;ein nationaler Ausverkauf unserer Devisen reserven stattfindet. Was jetzt passiert, ist :nur eine Bereinigung nach der weltweiten Währungskrise. Solange die Bundesrepublik nicht aufwerten wollte, mußte sie das ihr zufließende spekulative Geld als Kredit wieder in die von Devisen entblößten Länder zurückpumpen. Sonst hätte es ein Währungschaos gegeben. Das Ergebnis: Rund die Hälfte der künstlich aufgeblähten westdeutschen Devisenreserven war gebunden.

Nun, da von den 20 Milliarden, die in diesem Jahr zugeflossen sind, 15 Milliarden das Land wieder verlassen haben, muß die Bundesrepublik ihre Schuldner, etwa Großbritannien, zur Kasse bitten. Dazu gehört auch der IWF. Er schuldete der Bundesrepublik 608 Millionen Dollar, wovon die Bundesrepublik 540 Millionen Dollar oder reichlich 2 Milliarden Mark zurückgenommen hat. Von einem „Pumpen" kann (noch) keine Rede sein. . Doch nun kann das, was vor der Aufwertung pauschal als Tugend galt, sich in Sünde verwandeln: der Kapitalexport. Vorher war alles recht, was die Devisenreserven minderte. Gleichgültig, ob es sich um Investitionen im Ausland oder nur um kurzfristige Kredite von Banken an ausländische Firmen handelte. Heute differenzieren Bundesbank und Wirtschaftsminister genau.

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Künftig kann es sich die Bundesrepublik kaum noch leisten, so hohe Betrage wie in, den ersten zehn Monaten (15 7 Milliarden Mark) langfristig zu exportieren, es sei denn um den Preis eines fühlbaren Devisenschwundes. Aus diesem Grunde sollen die Banken, die „Hauptverantwortlichen" für den Kapitalexport, an allzu zahlreichen Ausflügen über die Grenze gehindert werden. Die Frage ist nur wie.

Unglücklicherweise sind draußen die Zinsen so exorbitant in die Höhe geschossen, daß jede Bank, die nur über ein Quentchen überflüssiger Liquidität verfügt, ihr Geld nach außen verlagert, weil sie dort mehr verdient als hier.

Will Wirtschaftsminister Schiller den Banken nicht einfach verbieten, außerhalb des Landes zu grasen, so bleibt nur der eine Ausweg: Anpassung. Nur wenn hier die Kredite wenigstens annähernd so knapp und die Zinsen ungefähr ebenso hoch sind wie draußen, wird der Kapitalexport der Banken zurückgehen.

Ein Grund mehr für den Fortgang der Boom hemmenden Restriktionen, der von der Bundesbank und der Regierung gewünscht wird. Die Banken und ihre Schuldner müssen sich noch für eine Weile auf teure Zeiten einrichten. Und verflogen ist die Illusion, die Bundesrepublik könne sich mit Hilfe einer Aufwertung neuen Spielraum für eine nationale Wirtschaftspolitik schaffen. Wenn Richard Nixon in den USA auf die Zinsbremse tritt, müssen Bonn und Frankfurt es ihm gleichtun.

 
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