Wer war's?

Die Liebe befestigt kein Mietskontrakt, sie bedarf der Freiheit, um zu bestehen und zu gedeihen", sagte er und ließ seine Frau mit Freunden in den Zirkus oder ins Theater gehen. Absr seine Eifersucht war zu groß, als daß er sie auch zum Tanzen hätte gehen lassen. Da ging er mit, obwohl er selber nicht tanzte und es ihn audi nicht, gerade glücklich machte, sie „mit ihrem dicken Popo herumwirbeln zu sehen".

„Die Liebe bedarf der Freiheit — hinter seiner Liebe aber stand vor allem die Furcht, plötzlich wieder allein zu sein „Du bist die einzige Freude meines Lebens", schrieb er seiner „Kleinen", „mache mich nicht unglücklich Und er versuchte, sie einzuschüchtern: „Ich weiß alles, was Du tust, und was ich jetzt nicht weiß, werde ich später erfahren " Zwischen Mitte und Ende Dreißig stand er, als er sie kennenlernte — ein Lehrmädchen in einem Schuhgeschäft, das weder lesen noch schreiben konnte und noch kurz zuvor in einem Dorf Kühe gehütet hatte „Ich bin verdammt, nur das Niedrigste und Törichtste zu lieben", meinte er und versuchte vergebens, vor diesem neuen Abenteuer zu fliehen, indem er jene Stadt verließ. Er hielt nicht durch, sondern kehrte Hals über Kopf zu ihr zurück und blieb dann zwanzig Jahre mit ihr zusammen „Rund, drall, ewig heiter", so beschrieb er sie, „liebenswürdig, treu und ehrlich, nicht leidenschaftlich, aber auch nicht sentimental; sie ist durch und durch gut, keine Geliebte im lyrischen Sinne, aber eine Freundin " Eine kostspielige Freundin allerdings. Nicht nur, daß sie meistens keine Lust hatte, für Mittagessen zu sorgen, sondern ihn immer wieder dazu brachte, mit ihr zu einem teuren „Sektessen" ZB gehen, hat sie ihm vor allem mit ihrer unkontrollierten Kauflust das Geld aus der Tasche gezogen. Er tröstete sich, indem er sie „die süßeste Verbringerin" nannte, „die je auf der Welt ihren Mann gequält und beglückt" habe.

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Auch in anderer Hinsicht blieb ihm nichts übrig, als sich selber Trost zuzusprechen. Er hatte versucht, sie ein wenig zu bilden. Offenbar störte es ihn, daß sie von den Dingen, die ihn interessierten, so gar nichts wußte; anfangs, wenn Besuch kam, ließ er sie möglichst gar nicht aus ihrem Zimmer. Er, der sich so gern als Zyniker gab und immer bereit war, andere (aber oft auch sich selber) zu verspotten, ließ sie ein Pensionat besuchen, wo sie in allen möglichen Fächern unterrichtet wurde, auch in seiner Muttersprache. Sie hat so gut wie nichts hinzugelernt, in der für sie neuen Sprache nur „Nehmen Sie Platz", und er schrieb: „Sie hat einen schwachen Kopf, aber ein ganzvortreffliches Herz " Nur daß in ihrem vortrefflichen Herzen möglicherweise auch für andere Wesen Platz sein könnte, ließ ihm keine Ruhe. Und hier gelang es ihm nicht, sich mit schönen Worten zu trösten. Hier mußte er manchmal tätlich werden. Zum Beispiel, als er meinte, ein Student am Nebentisch habe seinem geliebten „tollen Engel" zu tief in die Augen gesehen. Da sprang er auf und schlug zu. Er neigte zum Jähzorn.

Mehr als Jähzorn, ja schon überlegter Mord, war es im Fall Cocottes. Cocotte war ihr Papagei, an dem sie sehr hing. Er meinte, daß sie mit dem Papagei zu intim schäkere und bei dessen Gekrächze ihn, den Mann, vergesse. Und er besorgte sich Rattengift und vergiftete Cocotte. Der Papagei ist als „Cocotte I" in die Geschichte eingegangen; ihm folgte, da sie untröstlich war, „Cocotte II". Der Mord hatte also nichts bewirkt.

Audi seine quälende Eifersucht war geblieben. Und später, als er über Jahre ans Krankenlager gefesselt war, blieb ihm nur die Resignation: „Ach, was kann ich nur tun! Ich muß jetzt alles dem Schicksal und dem lieben Gott überlassen! Wie kann ich kranker Mann jetzt noch mit einer halben Million Männer konkurrieren " Geblieben war jedoch auch seine Liebe: „In der Jugend", so schrieb er, „ist die Liebe stürmischer, aber nicht so stark, so allmächtig wie später. Auch ist sie in der Jugend nicht so dauernd, denn der Leib liebt mit, lechzt nach leiblichen Offenbarungen in der Liebe und leiht der Seele allen Ungestüm seines Blutes, die Oberfülle seiner Sehnenkraft. Später, wo dies aufhört, wo das Blut langsamer in den Adern sintert, wo der Leib nicht mehr verliebt ist, liebt die Seele ganz allein, die unsterbliche Seele, und da ihr die Ewigkeit zu Gebote steht, da sie nicht so gebrechlich ist wie der Leib, nimmt sie sich Zeit und liebt nicht mehr so stürmisch, aber dauernder, noch abgrundtiefer, noch übermenschlicher " Lange vor dem Ausbruch seiner Krankheit hatte er seine Crezcentia, seine „Kleine", geheiratet. Er hatte ihr zwar einen anderen Namen gegeben, aber geändert hat er sie nicht. Und es machte ihm Sorge, wie sie nach seinem Tode mit den finanziellen Problemen fertig werden würde; hatte sie doch Aktien, die er ihr anvertraut hatte, aus lauter Gutmütigkeit ver schenkt. Aber da war nun nichts mehr zu machen, denn die letzten Jahre seines Lebens waren nur noch Warten auf das Ende „Das ist ein trauriger Tod", schrieb der Vierundfünfzigjährige; „man hat mir längst das Maß genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog, aber ich sterbe so langsam, daß solches nachgerade langweilig wird für mich, wie für meine Freunde " Er starb im Alter von achtundfünfzig Jahren. Wer wars?

 
  • Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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  • Schlagworte Liebe | Zirkus | Seele | Mord
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