Wie gescheit ist Assistent Becker?
Politisches Engagement verbaut den Weg zur Habilitation
ier Direktor des Instituts für Theoretische Physik der Universität Frankfurt, Professor Fulde, hat nichts gegen Politik. Aber für ihn scheint das mehr eine Art Feierabend Hobby zu sein. Von Politik am Arbeitsplatz hält er nichts. Zu diesem Ergebnis kommt eine Dokumentation des Rates der Nicbtbabilitierten zum „Fall B". Es ist der Fall des Assistenten Dr. Egon Becker. Becker ist Vorsitzender des Rates der Nichthabilitierten, Sprecher der Frankfurter Assistenten und Mitglied des Akademischen Senats. Und weil er das geworden ist, so sagen seine Verteidiger, weil er sich in diesen Funktionen aktiv für eine Hochschulreform eingesetzt, weil er immer wieder den Versuch gemacht habe, Reformmodelle zu realisieren, deshalb werde er zum Ende des Jahres entlassen „Der Assistent Becker wurde eben in dem Moment zu einem Fair, wo er versuchte, die zahllosen Erklärungen verschiedenster Hochschulgremien zur politischen Verantwortung des Wissenschaftlers in der modernen Industriegesellschaft nicht länger als formaldemokratische Bekenntnisse zu behandeln, sondern experimentierend in die Praxis umzusetzen " Vieles spricht für die These, daß sein politisches Engagement ihm den Weg zur Habilitierung verbaut hat. Denn: Von Beckers wissenschaftlicher Qualifikation war der Institutsdirektor Fulde zunächst voll überzeugt. Er selbst war es nämlich, der ihn von der Yale University nach Frankfurt holte. Becker hatte sich im Sommer 1968 bei ihm beworben und den Bescheid bekommen, daß man an seiner Mitarbeit interessiert sei: „Was die Habilitation betrifft, so sind wir in Frankfurt immer relativ großzügig gewesen Professor Fulde konnte mit gutem Gewissen dieses Angebot machen, denn er wußte, daß er sich einen Mitarbeiter engagierte, der mit Auszeichnung promoviert hatte und den sein Chef in der Yale University nur ungern hatte gehen lassen. An Beckers Qualitäten waren wohl auch keine Zweifel aufgekommen, denn sein Chef Fulde beauftragte ihn im Wintersemester 196869, einen Teil seiner Vorlesungen zu übernehmen. Auch die Vorbereitung, inhaltliche Gestaltung und Betreuung von Seminaren wurde ihm übertragen. Ein Jahr später jedoch äußerte Professor Fulde im Gespräch mit einem AStA Vertreter, Becker habe zwar seine in Yale begonnenen Arbeiten- in. Frankfurt abgeschlossen, habe sich aber wegen seiner politischen Tätigkeit zu wenig um die Physik gekümmert. Für eine Professur sei Becker nicht geeignet. Bei einer Vollversammlung der Nichthabilitierten wurde Becker von der Institutsleitung als Mittelklasse eingruppiert; ihm wurde vorgeworfen, er wolle seine mittelmäßige wissenschaftliche Qualifikation mit allen Mitteln überspielen. Die Dokumentation der Nichthabilitierten sieht das so: „Sie weichen auf ein Gebiet aus, wo sie sich relativ sieher vor Kritik wähnen können und bestreiten die wissenschaftliche Qualifikation Beckers. Auch wenn keinerlei Beleg hierfür von ihnen erbracht wird, ja, wenn sogar ihre, eigenen früheren Urteile über Beckers Qualifikation der jetzigen Behauptung massiv widersprechen, so vertrauen sie doch offenbar darauf, daß fachliche Urteile von Ordinarien widerspruchslos von jenen geschluckt werden, die dazu erzogen wurden, Ex cathedra Erklärungen mit dem Nimbus der Unfehlbarkeit zu versehen " Nun, war Beckers Tätigkeit in Frankfurt zunächst tatssächlich begrenzt. Ihm war eine bis zum 31 12 1969 verfügbare Assistentenstelle angeboten worden, und er hatte zugesagt. Das konnte er auch unbesorgt tun, denn als er seine Arbeit im Institut aufnahm, lief ein Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft für ein Forschungsvorhaben, dessen Dauer mit etwa zwei Jahren angegeben war. In dem Antrag wurde Becker: als Leiter der theoretischen Arbeiten genannt. Alles in allem ein ganz normaler Vorgang: Ein Institutsdirektor, der einen Mitarbeiter engagieren möchte, aber im Augenblick keine passende Stelle frei hat, sucht und findet Mittel und Wege, ihn zu bekommen und zu halten. Weil das allgemeine Praxis ist, sehen die Nichthabilitierten in dem Pochen auf der formalen Befristung der Assistentenstelle eine Kündigung. Ein Angebot von Professor Fulde an Becker, eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für ein halbes Jahr bewilligte Stelle anzunehmen, betrachten die Nichthabilitierten als den Versuch, den Eindruck eines fairen Entgegenkommens zu erwecken. „Mittlerweile ist klar", so heißt es in einer Stellungnahme des Fakultätsrates der Nichthabilitierten der Naturwissenschaftlichen Fakultät, „daß Fulde auch die Wahrheit entstellt hat, um Becker aus dem Institut entfernen zu können: die Becker angebotene Stelle war nicht nur für ein halbes Jahr genehmigt, wie Fulde behauptet, sondern wesentlich länger".
„Die Konsequenzen", so meint der Fakultätsrat, „die die Nichthabilitierten zu ziehen haben, sollten klar sein. Denn sofern sie es nicht fertigbringen, sich permanent und bedingungslos unterzuordnen (und wer schafft das schon ohne Magengeschwüre?) sind sie nicht nur in ihrer wissenschaftlichen Arbeit, sondern in ihrer materiellen Existenz gefährdet. Wir dürfen uns nicht nur dafür einsetzen, daß Becker Recht widerfährt, sondern wir müssen uns solidarisch organisieren, um durch konsequente Interessenvertretung zu verhindern, daß ähnliche Willkürakte auch künftig möglich sind Gerhard Ziegler
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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