Willkommen, Millionäre!
Fremde und Frauen werden bei Lloyd's gesellschaftsfähig / Von Franz C. Widmer
Seit zweieinhalb Jahren liegen fünfzehn Schiffe, darunter die beiden deutschen „Münsterland und „Nordwind", in den Bitterseen. Eine Flotte mit rund 130000 BRT wartet auf die Wiedereröffnung des Suezkanals, auf eine Passage nach Norden oder Süden. Die Besatzungen hatten sich monatelang mit weltberühmten Fußballspielen und Bootsrennen die Zeit vertrieben; dann aber wurden sie abgelöst. Heute besorgt eine von Schiffsbesitzern und Versicherungsgesellschaften gemeinsam aufgestellte und finanzierte Equipe den nötigen Unterhalt.
Die Hoffnung auf eine mögliche Weiterfahrt schwindet von Monat zu Monat und damit auch die Aussicht, die kostbare Fracht bald herauszubekommen: Gummi, Wolle, Tee und auch Blei. Die Frachtbesitzer erhielten von ihren Versicherern in den meisten Fällen volle Schadendeckung. Und so kam es, daß heute beispielsweise Lloyds in London Blei im Werte von 950 000 Pfund oder auch Tee für über eineinhalb Millionen Mark zu seinen Aktien zählt.
Nicht damit jedoch hat das eigenartigste Versjcherungsunternehmen der Welt — "Prämieneingang 1966 über 530 Millionen Pfund — in letzter Zeit von sich reden gemacht, ebensowenig von den skurrilen und außergewöhnlichen Geschäften, die Lloyds von altersher versichert. Der vornehme Klub muß sich zum erstenmal in seiner langen Geschichte auf Kapitalsuche begeben.
Seine Reserven reichen nicht mehr aus, wenn er beim großen Zukunftsgeschäft mit Supertankern und Jumbo Jets mithalten will. Wie dringend der Geldmangel, geworden ist, zeigt allein schon die Tatsache, daß sich der ehrwürdige Klub dazu durchgerungen hat, seine Türen auch für Nicht Commonwealth Bürger zu öffnen und von 1970 an sogar Briten weiblichen Geschlechts aufzunehmen.
Um die finanzielle Basis zu erweitern, kann Lloyds nämlich nicht einfach Aktien oder Obligationen emittieren. Lloyds ist keine normale Versicherungsgesellschaft: Lloyds ist lediglich der Ort, wo sich Leute treffen, um Verträge abzuschließen — man kann sich bei Lloyds, aber nicht von Lloyds versichern lassen.
Lloyds war in seinen Ursprüngen, im Jahre 1688, ein Kaffeehaus an der Themse, wo Kaufleute im Nebengeschäft, sei es während des Tages oder nach Feierabend, das Risiko einer Schiffsreise oder auch nur einen Anteil davon übernahmen. Immer mehr Schiffsbesitzer und Kaufleute trafen sich fortan bei Edward Lloyd, Das Geschäft nahm stetig zu, und das Kaffeehaus wurde bald zu klein. Nachdem man größere Räumlichkeiten gefunden hatte, begannen sich die Kaufleute zu organisieren. Und jene Aufgaben, welche zur Gründerzeit von Edward Lloyd persönlich ausgeführt worden waren, übernahm nach einem Unterhauserlaß von 1871 die „Corporation of Lloyds", eine Art Geschäftsausschuß der einzelnen Mitglieder, der für das Gebäude sorgt, der den Verwaltungsapparat stellt und Lloyds nach außen vertritt.
Gehandelt wird heute, mit Riesenstimmen, nach dem alten Kaffeehausprinzip: in der reinen Form der Versicherung auf Gegenseitigkeit zeichnen Privatleute Risiken, welche ihnen von Versicherungsmaklern angeboten werden. Lloyds wird deshalb vielleicht am besten als Versicherungsbörse umschrieben.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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