Zwischen Hammer und Amboß
Von Tom Buckley
Vierhundert Meter westlich vom Milizposten des Dorfes Tanloc in der Provinz Anxuyen, im untersten Zipfel von Südvietnam, verläuft die Grenze. Sie ist nicht markiert. Der Kommandant des Postens, Hauptmann Nguyen Ngoc Trac, zeigt hinüber: „Sehen Sie die drei Kokospalmen am Kanal?" fragt er „Dort beginnt das Territorium des Vietcong. Wenn wir uns in diese Richtung bewegen, kommt es zum Kampf " . Seit fünfundzwanzig Jahren, also seit Beginn des Aufstands gegen die Franzosen, werden ansehnliche Gebiete des heutigen Südvietnam von den Rebellen beherrscht — zuerst von den Vietminh, dann von deren Nachfolger, der Nationalen Befreiungsfront (NLF), kurz Vietcong genannt, und- seit Juni dieses Jahres von der provisorischen Revolutionsregierung.
Noch viereinhalb Jahre nach der Ankunft amerikanischer Truppen leben ungefähr fünfhunderttausend von zehn Millionen Landbewohnern Südvietnams unter der unangefochtenen Herrschaft der Vietcong. Und obwohl sich die Regierung in Saigon wieder zusehends bemerkbar macht, ist der Einfluß der Vietcong auf eine Million weiterer Landbewohner noch ungebrochen. Diese Zahlen stammen aus der „American comrnands Hamlet Evaluation Survey", einer allmonatlichen Übersicht über den Fortschritt der alliierten Bemühungen, den feindlichen Einfluß einzudämmen.
Die Übersicht hat große, von niemandem geleugnete Schwächen. Sie beruht im wesentlichen auf Angaben vietnamesischer Ortsbeamter, die dazu neigen, ihre eigenen Leistungen dadurch zu vergrößern, daß sie die der Vietcong verringern. Die Übersicht gibt auch keine Auskunft über das Mß der Unterstützung, die den Vietcong gewährt wird; schließlich ist zu bezweifeln, ob die komplizierte und oft verschleierte politische und psychologische Lage in elftausend Gemeinden durch einfache, „quantifizierende" Daten erfaßt werden kann.
Nichtsdestoweniger verzeichnen die von Computern in Bangkok gefertigten Karten die Machtzentren der Vietcong mit beträchtlicher Genauigkeit. Die roten Symbole, die den Einfluß der Vietcong anzeigen, häufen sich am stärksten in der Provinz Anxuyen. Fünfundvierzig der 176 Gemeinden dieser Provinz — darunter auch drei von den acht Gemeinden des Dorfbezirks Tanloc — werden völlig von den Vietcong kontrolliert, sechsunddreißig Gemeinden maßgebend von ihnen beeinflußt.
Die Provinz ist abgelegen, wasserreich, flach wie ein Brett und nahezu wegelos. Als Landstraßen dienen die Kanäle, die um 1920 ausgehoben wurden, um das fruchtbare Schwemmland zu entwässern und den Anbau von Reis zu ermöglichen. Mangrovensümpfe säumen den Golf von Siam im Westen und das Südchinesische Meer im Osten; im Inland gehen sie in dschungelähnliche, undurchdringliche Wälder über. Die Vietcongdörfer von Anxuyen kann man natürlich nicht wie die von Regierungstruppen kontrollierten besuchen. Ein Fremder läuft Gefahr, getötet oder zumindest gefangengenommen zu werden; gelangt man aber mit den eigenen Truppen dorthin — wie ich es oft tat —, dann sieht man ein ganz anderes Dorf: es ist ausgestorben wie das alte Gehäuse eines jener unheimlichen Landkrabben, die überall im Schlick des Deltas herumkriechen und sich eingrabei. Die Männer, Jugendlichen und jungen Frauen sind über die Reisfelder geflohen, nur alte Leute, kleine Kinder und vielleicht ein paar stillende Mütter sind geblieben. Der Nachrichtenoffizier bellt eine Frau an: „Wo sind die Kinder? Wo ist dein kommunistischer Mann?" Achselzucken und Schweigen. Sie personifiziert die „drei Nichts" der Vietcong — nichts hören, nichts sehen, nichts es welche gab — liegen außerhalb des Dorfes vergraben, gemäß dem Prinzip der „drei Leeren " — leeres Haus, leerer Hof, leerer Brunnen. Die Soldaten stochern mit langen Stahlstäben im Boden herum, sie suchen nach Tunneln. Vielleicht nehmen sie jemanden zwecks t weiterer Befragung" mit. Vielleicht brennen sie einige, vielleicht auch alle Hütten nieder. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß sie nichts Wertvolles finden, daß sie nichts erfahren und daß ihnen nur ihre eigenen Spiegelbilder höhnisch aus dem trüben Wasser der Reisfelder entgegengrinsen.
Aber wenn man auf solchen Besuchen in den Dörfern — also in jenen Verwaltungseinheiten, die unterschiedlich viele Gemeinden zusammenfassen oder Siedlungen von etwa fünfhundert Menschen bezeichnen — auch nur sehr wenig über das Leben unter dem Vietcong erfahren kann, die Berichte der Flüchtlinge und Überläufer vermitteln uns doch ein recht genaues Bild.
Da ist zum. Beispiel Nguyen Van Ngoan. Er lebt mit seiner Frau und fünf Kindern in einem Flüchtlingslager arn Rand von Camau, der Provinzhauptstadt. Ihr Zuhause lag fünfzehn Kilometer weiter nördlich, in einer Gemeinde des Dorfbezirks Tanloc. Sie verließen es, weil sie meinten, die Nationale Befreiungsfront nütze sie aus - v „Die NLF zwang mich, in der Selbstverteidigungstruppe unseres Dorfes zu arbeiten. Nachts mußte ich Wache halten. Manchmal mußte ich bis zu zehnmal im Monat während der Nacht mit hinausgehen und einen Graben auf dem Weg zu unserer Gemeinde ausheben helfen. Einen Meter breit und anderthalb Meter tief sollte er sein. Dazu, hatten wir unsere eigenen Geräte mitzubringen " „Oft zwang mich die NLF, mehrere Tage hintereinander als Munitionsträger zu arbeiten. Wir mußten selbst unsere Reisportionen mitbringen. Während der Tet Offensive haben sie vierzig Munitionsträger aus meinem Dorf geholt. Man sagte uns, wir würden eine Woche lang zu arbeiten haben. Am dritten Tag kehrten ich und ungefähr ein Dutzend anderer Männer ohne Erlaubnis in unser Dorf zurück. Die Kader waren wütend, als wir zurückkamen. Sie bestimmten, daß wir vier Tage lang, also bis die Woche um war, an einem Lehrkurs teilnehmen mußten. Dort unterrichtete man uns in Politik und über die Pflichten des Bürgers in Kriegszeiten " Lam Thi Chuyen war Hebamme im Gesündheitszentrum ihres Dorfes, ihr Mann ist 1967 als Kompanieführer in einer Kerntruppe des Vietcong gefallen „1961 habe ich einen sechsmonatigen Ausbildungslehrgang absolviert", erzählt sie „In jedem Dorf bezirk gibt es eine Ambulanz mit einer ärztlichen Hilfskraft, einer Krankenschwester und einer Hebamme. Ich überwachte die Entbindungen, wofür ich hundertundzwanzig Piaster im Monat bekam (etwa sechs Dollar nach dem Kurs auf dem freien Markt). Reis und andere Lebensmittel erhielten wir von der NLF. Nach jeder Entbindung boten mir die Familien Geld, Früchte, Enten oder Hühner an. Ich nahm nur die Früchte, alles andere wies ich zurück, weil ich Angst hatte, die NLF würde mir sonst meine Handlungsweise vorwerfen . In jedem Weiler gibt es eine Schule mit zwei oder drei Klassen. Jede Klasse kann dreißig bis vierzig Schüler aufnehmen. Alle Kinder der Gemeinde dürfen die Schule umsonst besuchen. Mit sechzehn Jahren müssen sie Wehrdienst leisten. Dabei haben die Kinder der kommunistischen Kader oft die Möglichkeit, sich die sicheren und guten Stellen auszusuchen — zum Beispiel als Mäschinenschreiber, als Sekretär oder Schneider. Bauern jungen müssen zur kämpf enden Truppe " Lam Thi Chuyen ist eine schlanke, einfache, aber nicht unattraktive Frau. Sie spricht so, daß man als Amerikaner oder Europäer den Eindruck hat, sie sei auf merkwürdige Weise unbeteiligt und fast belustigt — selbst wenn sie von so schmerzlichen Ereignissen wie dem Tod ihres Mannes erzählt. Vor ein paar Monaten ist sie „über die Grenze" gekommen und lebt seither in Camau in einem Lager für rangniedere Überläufer der Befreiungsfront und für die unteren Mitglieder der Vietcong Hierarchie. Sie haben hier zwei oder drei Monate zu bleiben, vermutlich, damit regierungstreue Ideologen alle subversiven Gedanken aus ihren Köpfen verbannen können.
- Datum 05.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.12.1969 Nr. 49
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