"Alles Schläge unter der Gürtellinie"

Anlaß zu dieser Betrachtung bilden drei Formulierungen, mehr zufällig gefunden beim Überlesen dreier völlig verschiedener Zeitungen an drei aufeinanderfolgenden Tagen.

Am Donnerstag war die ZEIT da. Marcel Reich Ranicki sagt zu dem neuen Werk von Günter Grass: „Der dieses Buch mit dem Titel örtlich betäubt geschrieben, erinnert an einen " schwer angeschlagenen und daher gereizten Boxer, der sich jetzt unsicher und manchmal sogar unbeholfen im Ring bewegt Am Freitag gab es „Bild", und Peter Boehnisch schlußfolgerte über „Panorama": „Und auch dies war wie beim Boxen: Die härtesten Schläger haben das empfindlichste Kinn — ein Glaskinn Am Samstag schließlich gab der „Münchner Merkur" durch Wolfgang Horlacher seinem Mißbehagen über Wahlkampfreden Ausdruck: „Alles Schläge unter der Gürtellinie " Wie gesagt: Die drei Formulierungen sind Anlaß, nicht Grund. Der war eher da. Vielleicht, weil Sportjournalisten sich ärgern, wenn sie ihres Berufes wegen wie Kälber mit fünf Beinen betrachtet werden. Weil sie mit etwas Geld verdienen, das absolut unseriös, kindisch, nebensächlich ist. Weil Sport weder Aktienkurse hochschnellen läßt, Kriege verhindert, Künstler inspiriert (hierzulande). Weil man dabei schwitzt, keucht, blutet, sich auch schon einmal ein Bein bricht, weint, sich zu spontan freut. Sport soll Spaß machen. Und gut sein gegen Lungenkrebs, Tuberkulose und Herzinfarkt. Aber wer spricht schon gern davon, solange mans nicht hat.

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Der Grund ist vielmehr auch in jener schadenfrohen Geringschätzung zu suchen, mit der Kollegen anderer Ressorts auf sportlich allzu saloppes Hopplahopp Deutsch aufmerksam machen — oft nicht zu Unrecht, leider Als da sind: Raketen, Bomben, Hammer (goldene sogar), gezogene Handbremsen, abgebrochene Ringrichter, durchgebrochene Mittelstürmer. Dabei soll als Kollektiventschuldigung nochnicht einmal die Tatsache vorgebracht werden, daß sich jeder Feuilletonredakteur heutzutage bedanken würde, wenn er nach der Premiere seine Rezension „auf die Schnelle" für die Morgenausgabe durchtelephonieren müßte. Alfred Kerr übrigens tat es oft. Die Sportschreiber tuns auch: Nach jedem simplen Fußballspektakel unter Flutlicht zum Beispiel. Aber es muß doch etwas dran sein an der eigenen Sprache, die das Wesen Sport, beziehungsweise die, die darüber schreiben, geboren haben. „Für die nächsten Runden fit bleiben", wollte auch Weihbischof Defregger in seinem Fernsehjnterview „Höcherl stellt sich in den Boxring" und „Schattenboxen in Vietnam" behauptet die „Süddeutsche Zeitung" „Schattenboxen in Salisbury" wiederum stellt die „Frankfurter Rundschau" fest „Mit Strindberg in den Boxring" will der „Spiegel", von „geistigem Schlagabtausch" erzählt Joachim Schwellen in der ZEIT in einem Nixon Porträt, „Johnson warf das Handtuch" meinte der strittig streitbare Merseburger vor guter Jahresfrist im TV Panorama, „Tiefschläge auf dem Bonner Parkett" bemerkte die „Münchner Abendzeitung" und die brave „Schwäbische Donau Zeitung" in Ulm registrierte einen „Schlag in das Gesicht der Gemeinden". Natürlich ist nicht nur der rauhe Boxsport Lieferant farbiger Wortbilder, obgleich gerade er sich zu hautnaher Schilderung politischer Querelen eignet. Am 23. Mai dieses Jahres hatte offensichtlich ein Kollege aus dem Sportressort die Wirtschaftsseite der Düsseldorfer „Rheinischen Post" redigiert. Wie sonst wären die Überschriften alle zu erklären? „Preußag setzt zum Sprung an" und „Daimler im Aufwind" und „BMW tritt aufs Bremspedal" und „Herberts geht allein weiter".

Oder erst der Apollo Flug um den Mond, Ende vergangenen Jahres: „USA gewannen Rennen zum Mond" stellte die „Kölnische Rundschau" fest; einen „Wettlauf zwischen Amerika und Rußland" nannte der „Münchner Merkur" das Weltraum Unternehmen; und „Störungsfrei auf der Mond Zielgeraden" jubilierte ein Blatt namens „Grenz Echo", das in den belgischen Ostgebieten erscheint. Lediglich den weihnachtlichen Erscheinungstermin mit dem Mondflug gemeinsam hatten Schlagzeilen wie „Stille Nächte als Sechstagerennen" („Berliner Tagesspiegel"), „Richte liegt knapp vor Tanne" („Münchner Merkur"), „Dividenden entgingen der Flaute" („Rhein Neckar Zeitung", Heidelberg), „Hindernisrennen gegen Hunger Und Mißtrauen" („Süddeutsche Zeitung", München), „Mit fliegendem Start ins neue Jahr" („Hannoversche Presse"). Sogar Sportarten, deren Popularität schon ein halbes Jahrhundert zurückliegt, sind wieder brauchbar: „Ruhrkohle Tauziehen bis zur letzten Stunde" stellt die „Süddeutsche Zeitung" fest, „Tauziehen um Berlin als Wahlort" bemerkte der „Bonner Generalanzeiger" seinerzeit. Und um die betont seriöse „Frankfurter Allgemeine" nicht zu vergessen: „Hapag Lloyd mit vollen Segeln" meint sie zum florierenden Geschäft der Turbinendampfer.

Es wird sehr viel geboxt, aber auch gesegelt, gelaufen, gesprungen. Dann die Ringkämpfe. Da „rang" Philip Blaiberg am gleichen Tag af der Titelseite von „Bild" und der Münchner „Abendzeitung". Dann kündigte die sehr sportliche „Süddeutsche" an: „Freistilringen auf dem Weltgetreidemarkt beginnt Nicht erwähnt ist hier dazu jenes Wortrepertoire, das eigentlich im Sport zu Hause ist: Favoriten, Mannschaft, Rekorde, Lorbeer, Marathon, Halbzeit und anderes mehr.

Ein überraschendes Phänomen: Selten nur wird Fußball gespielt. Vielleicht, weil die Männer der Feder irgendwann selber einmal den Ball getreten haben. Nur mit einiger Mühe fand sich dieses Beispiel: Die ZEIT kommentierte in einem Artikel zur deutschen EWG Haltung im Februar dieses Jahres, daß nämlich auch die übrigen Mitglieder der EWG vom Feld gehen, sobald der Pariser Mittelstürmer abwinkt". Die Eigenschaft des Sports, meist auf körperlichen, oft auf körpernahen Zweikämpfen zu beruhen, hat indessen auch die Literaten längst zu illustren Vergleichen verführt. In seiner Geschichte über den Mord an der Schauspielerin Sharon Täte schrieb Jürgen Thorwald in der Münchner „Abendzeitung" von den „olympischen Vergleichskämpfen im Bettsport". Und Günter Grass nannte schon Jahre vor seiner Berufung in einen Kunstausschuß des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 1972 eine bereits in der Bibel belegte Beschäftigung, der der Junge Mahlke vor dem Mädchen Tulla Prokiefke auf einem Schiffswrack nachging, eine „Olympiade" und „Sport".

Wobei wirklich nicht gesagt werden soll, diese Autoren hätten sich ihren Ausdrucksreichtum in den Sportteilen deutscher Tageszeitungen zusammengelesen. Was aber einfach nicht in den Kopf will: Daß der auf den Sportseiten der Zeitungen geübte Jargon tatsächlich so schlecht, so lächerlich, so fad, so, schlimm ist! Warum in Dreiteufelsnamen benutzen ihn denn so viele?

 
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