Basel - Schlag tot mit Shakepeare
Die Basler Römertragödie scheint beendet. Trotz des türenschlagenden Abgangs von Friedrich Dürrenmatt, der an diesem „Theater der Narren" nicht mehr mitwirken wollte, trotz der Tatsache, daß Direktor Düggelin immer noch im fernen Italien an seiner Krankheit laboriert, operiert das Basler Theater weiter, als wäre nichts Störendes geschehen. Die Regisseure Hans Bauer und Hans Hollmann haben sich fest an das Haus gebunden. Bauer hat gerade einen besonders erfolgreichen Beckett („Warten auf Godot") hinter sich und einen Moliere vor sich. Anfang 1970 wird das neue Stück von Handke („Quodlibet") hier uraufgeführt werden. Und jetzt hatte Hollmanns Fassung des Shakespeareschen „Titus Andronicus" Premiere. Während der Vorstellung rief ein Herr mehrmals „Ekelhaft", an einer anderen Stelle ein anderer Herr mehrmals „Pfui". Als Hände und Köpfe flogen und rollten, als man in einer Folterszene einem Gefangenen eine Nadel unter den Fingernagel jagte, verließen immer wieder kleine Zuschauerpulks das Theater. Dafür waren die ein bißchen gelichteten Reihen am Ende um so begeisterter. Sie klatschten, bis Hollmann mit seinen Schauspielern auf der Bühne eine Art Ringelreihen aufführte.
In Shakespeares — die Urheberschaft dieser blutigen Römertragödie wird von Verehrern des Dichters immer mal wieder angezweifelt — „Titus Andronicus" sterben folgende Personen (oder werden zumindest erheblich verstümmelt), hier in der Reihenfolge ihres Abgangs aufgeführt: Alarbus, Sohn der Gotenkönigin Tamora (er wird verstümmelt und dann verbrannt, das Ganze als Siegesopfer für die Götter); Mutius, der Sohn des Titus (sein Vater ersticht ihn, weil er ein bißchen widerspricht); Bassanius, der Schwie gersohn des Titus (die Söhne der inzwischen zur römischen Kaiserin avancierten Gotenkönigin erledigen ihn auf der Jagd); Lavinia, seine Gattin, des Titus Tochter (stirbt hier zwar noch nicht, wird aber genotzüchtigt und um Hände und Zunge gebracht); ihre Brüder Quintus und Marcius (hingerichtet unter dem falschen Verdacht, Bassanius ermordet zu haben); Titus (stirbt hier zwar noch nicht, opfert aber seine Hand, die, er sich abhackt, weil ihm dafür, das, Leben seiner Söhne versprochen wird); ein paar Fliegen (von Titus und seinem Schwager Marcus beim Mittagessen mit der Gabel erschlagen); eine Amme (vom schwarzen Geliebten der Kaiserin rasch erstochen, weil sie sah, daß das Kind ihrer Majestät nicht kaiserlich weiß, sondern eher dem Geliebten nachgeraten war); ein Bauer (weil er einen Brief des Titus an den Kaiser überbringt, Tod durch Erhängen); die Söhne der Tamora (Titus bereitet aus ihnen ein Rachedinner für die Kaiserin, die nichtsahnend - ihren Söhnen kräftig zuspricht); die geschändete und verstümmelte Titus Tochter Lavinia (ihr Vater bringt sie, in edler Reminiszenz an das erhabene Beispiel des Virgimus, wenn auch verspätet, um); Tamora (von Titus gleich danach erdolcht, nachdem er ihr das Rezept ihres nahverwandten Abendbrots verraten hat); Titus (den der soeben durch ihn verwitwete Kaiser ersticht); der Kaiser (den der soeben verwaiste letzte Titus Sohn erdolcht); der böse Mohr Aaron (von dem der Zuschauer am Schluß erfährt, daß er lebendig eingegraben und dem Verhungern überlassen wird).
Bei Hans Hollmann in Basel kommt der Mohr lebend davon, er darf das Theater mit seinem Kind verlassen. Dafür erschießt am Schluß der Rest des Gastgelages sich selber Übrig bleibt dabei nur Lucius. Der aber wird vom liliputanergroßen Spielleiter am Schluß mittels Pistole endgültig am Weiterspielen gehindert.
Nestroy, in seiner Parodie auf Hebbels „Judith und Holofernes": „Laß aber erst s Zelt zusammenräumen, überall liegen Erstochene herum — nur keine Schlamperei!" Kann man das Stück, das in Blut und Grausamkeiten unbekümmert um alle Wahrscheinlichkeit watet, ernst nehmen? Ist dieses dem Seneca oder dem Kyd („Spanische Tragödie") nachempfundene Gemetzel überhaupt erträglich? Wie es so schön heißt, spürt man natürlich die Klaue des späteren Löwen: in der Bestialität der Jagdszenen, wo die beiden Titus Söhne in die Falle purzeln, die ihnen gestellt wird, oder im gespielten Wahnsinn des Titus, der Hamlets Maske, Lears Schmerz und Timons Menschenfeindlichkeit vorwegzunehmen scheint. Aus der Bosheit des Mohren Aaron kann man auf Jago vorausschließen, aus Tamoras Grausamkeit läßt sich die Lady Macbeth vorwegahnen; der krude Blutrausch aus Rache und Ehrgeiz kündigt schließlich die Königsdramen an. Aber im Grunde dürfen die Theatereffekte sich unbehauen und ungezähmt austoben.
Von Hans Hollmann durfte und wollte man keine philologische Quellenforschung zwecks Rehabilitierung oder Abwertung des „Titus" erwarten. Er wollte dem Stück vielmehr „50 theatralische Vorgänge" abnötigen, also zeigen, daß auf der Bühne Blut aus pur technischen Notwendigkeiten fließt. Die Ziselierarbeit, die in diesem frühen Stück so offenkundig mit der groben Axt vorgenommen worden ist, trachtete er durch einen Grundeinfall zu erreichen: Jugendliche, die an sich nichts mit dem Theater zu tun haben, geraten auf eine Bühne. Dort können sie auf einmal nicht mehr heraus (sie werden, buchstäblich, vom Theater gefangengenommen); zuerst lassen sie ihre angestaute Destruktionswut an der Theaterdekoration aus, ihre Clan- und ihre Gruppenbestrebungen toben sich in Cliquenbildungen und Schlägereien aus — bis ihnen der Liliputaner das Textbuch des „Titus Andronicus" zuspielt.
Ein Grundeinfall also, der zweierlei bringen könnte und auch bringt: Einmal braucht der ungehobelte Stil des Stücks angesichts so eingeführter Spieler nicht mehr gerechtfertigt werden. Zum ändern werden die Schlage tot Unwahrscheinlichkeiten auf diese Weise direkt und indirekt motiviert: Auch in heutigen Gruppenbildungen prägen sich die gleichen Muster der Gewalt aus — man müßte ihnen nur Kaiserkronen und Volkstribunwürden verleihen, sdhon wäre das Shakespeares ehe Gemetzel auch heute so möglich, ja wahrscheinlich.
Leider gehen beide Rechnungen nicht ganz auf. Während der Zuschauer erlebt, wie die Jungen, scheinbar wie wild, wohltrainiert über die Bühne toben, wird er durch eine zeitgemäße Variante des Pirandello- oder Thornton WilderEffekts in die peinliche Lage gebracht, gespieltes Nichtspielen verdauen zu müssen: das Living Theatre, dargestellt von dem gelockerten, verjüngten Ensemble eines Stadttheaters, Maßlosigkeit als Ergebnis strengsten Trainings — das ist fast so, als würde das Theater demnächst seine fehlende Mitbestimmung auch noch auf der Bühne abwickeln, von einem eisernen, keinen Widerspruch duldenden Regiewillen angetrieben. Und weiter: Auch die Clanbildung innerhalb der Gruppe, der Streit um die beiden vorhandenen Mädchen, kann in dem Shakespeare Plot nicht völlig aufgehen. Wenn Spieler im zwehen Teil einfach, sobald sie nicht mehr gebraucht werden, mit abwinkenden Gesten abhauen, also das Theater verlassen, dann wird damit ebenso der Anfangseinfall aufgehoben wie mit dem doch etwas zu kleinen Schlußgag, daß alle einander von der Szene schießen.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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