Bei Puvogel
Berlin Es war der schöne Name Puvogel über der Ladentür, der den jungen Mann animierte, sich das Geschäft näher anzusehen. Er betrat den Laden. Nach geraumer Zeit kam er wieder ins Freie, angetan mit einer alten Frackhose. Seine eigene, ein graues Leineweberfabrikat, hatte er zurückgelassen. Dazu zwei Mark. Um so viel sei die Frackhose mehr wert als seine alte Hose, hatte ihm Mären bedeutet. Mären ist 24 Jahre alt, gelernte Schauspielerin und die Inhaberin des Kleidertauschladens, der unter dem Namen Puvogel in einer Nebenstraße des Kurfürstendamms betrieben wird.
Für Kleidungsexzentriker und Verkleidungsfetischisten ist Puvpgels Laden eine Fundgrube. Von einer afghanischen Weste über den fast knöchellangen Ledermantel aus dem „Haus für Kriegsbekleidung" bis zur bayerischen Trachtenhose, kann man bei Mären, die tatsächlich Puvogel heißt, alles ertauschen oder kaufen, was man - so heute trägt - In- der Ecke ein Stapel Schuhe — „hoffentlich hatte der Vorgänger keinen Fußpilz" —, das Paar für zwei Mark; Bolerojacken, Zweireiher, Gobelinhandtaschen, Kappen und Blusen aller Art und schlimmster Kleiderrarnsch. Stars der Kollektion sind ein silbern bestickter marokkanischer Kaftan, mit 120 Mark Tauschwert das teuerste Stück, und ein Brautkleid aus den zwanziger Jahren, reif für ein Kleidermuseum.
„Ein Kleid, das man trägt, ist besser als zehn im Schrank" — so Marens Werbeslogan, geboren aus dem Verdruß über den eigenen, bis zum Bersten gefüllten Kleider schrank, aus dem nur oder zwei Stücke ständig getragen wurden. Ihre Idee: Was Mutter und Tochter oder Freundinnen Nein miteinander schon lange aushandeln, muß auch in größerem Kreise möglich sein. Ihre Tauschboutique ist weniger Geschäft — „nur insoweit, als man davon leben muß" —, sondern eher Treffpunkt zum Kaffeeplausch, eine familiäre Angelegenheit. Für viele Ältere zu familiär: „Bei Puvogels stinkts Eine dumme Behauptung, denn jedes Kleid wird gereinigt, selbst auf die Gefahr hin, daß es sich dann aus Altersschwäche aufzulösen droht.
Zum anderen waren Mären der Modeheft Einheitslook ein Dorn im Auge „Kleidung muß Freude machen", sagt sie. Nach ihrer Kleiderphilosophie kann sich „keiner nach der Stange kleiden, der nicht nach der Stange denkt". Diesen will sie mit Kuriositäten aus der Kostümund Modegeschichte beim Spieglein Spieglein ander Wand Spiel zur Seite stehen. Für den Gammler Gigolo ein schwarzer Kutscherpelz mit Zylinder oder einen Schwalbenschwanz zu verschlissenen Jeans, vor der Brust ein Pop Gehänge aus Schraube, Flaschenöffner und Wolfzahn und für Stilbewußte ein seidenes „Gesellschaftskleid" mit Boa Cape. Für den Vamp ein Mini Häkelkleid mit Schlapphut und dem Indophilen ein Dhoti oder Sarong.
Was muß man in der kommenden Wintersaison tragen, um bei den „drop outs", seien es Kiffer, Kommunarden, APO Anhänger und deren Mitläufer, „in" zu sein? Nach Marens fachkundiger Meinung: lange Ledermäntel, Pelz, nicht Ozelot oder Nerz, sondern Katze, Fuchs und Wolf, ein wenig Maxi, viel Samt und Gobelin, alles reichlich verziert mit Tüchern und Ketten, möglichst afrikanischer oder asiatischer Provenienz. W.
- Datum 12.12.1969 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.12.1969 Nr. 50
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