Brot, das verrückt macht

In dem französischen Städtchen Pont SaintEsprit hatte sich Merkwürdiges zugetragen. „Zu Mittag", so wird berichtet; „kam Joseph am 17. August mit einem Bärenhunger aus den Weinbergen. Er aß reichlich von Mme. Moulins ganzes gras pain. Nach dem Essen war noch etwas von dem Brot übrig, und Mme. Moulin verfütterte es an die Katze, die Enten und den Hund.

Ein scharfer, überaus befremdlicher Schrei der Katze ließ Mme. Motlfift ihre Küchenarbeit unterbrechen. Als sie auffden Boden blickte, schrie die Katze wieder in heftiger Pein auf, wälzte, krümmte, wand undf schüttelte sich, rannte kreischend zur Wand uhd wollte sie erklimmen. Ihre Haare standen buchstäblich zu Berge. Es war ein scheußlicher ,beängstigender Anblick, der sie unglaublich schockierte, sagte Mme. Moulin später. Unfähig; die Wand zu erklimmen, rannte die Katze nun, inrasender Geschwindigkeit gegen sie an, so, als 4olle sie sich selbst umbringen . Dann spranjg das Tier mit einem weiteren schrecklichen Schrei hoch, schlug wild mit den Klauen in dife 5£uft und fiel bewegungslos auf die Fliesen : FJinda Tag später führte der Geschäftsführer Monäfeur Delacquis, ein ältlicher Junggeselle, die UbejKeit und das Kältegefühl, unter denen er in demetzten Nacht gelitten hatte, auf das üppige Fdfellenmahl am vergangenen Abend zurück; Natürlich war dazu Brot gereicht worden, aber s war bei Monsieur Briand, dem beliebtesten Bäcker in der Grande Rue gekauft worden, und so hatte man keinen Anlaß, es irgendwie mit den Magenschmerzen in Verbindung zu bringen. Mittags hatte Delacquis dann einige Schwindelanfalle, so daß er es vorzog, nach Hause zu radeln, Die Strecke hügelaufwärts kam Monsieur Delacquis vor, als wäre sie eine Million Meilen lang. Die Straße schien sich vor seinen Augen auszudehnen und dann wieder zu schrumpfen. Die Häuser an ihrem Rand erstrahlten in unbeschreiblichen Farben, Wenn er auf seine Hände am Lenker schaute, schienen sie sich meilenweit von ihm weg zu erstrecken. Das Vorderrad weitete sich, bis es die ganze Welt umschloß, und baue dann wieder seine normale Größe. Monsieur Delacquis hatte das einzigartige Gefühl, außer~ halb seiner selbst zu sein und auf jene Figur, die so mühselig den Hügel hinaufkeuchte, hinunterzublicken. Die Fahrt schien Jahrhunderte zu dauern, und doch fühlte er sich so, als bewege r sich mit unglaublicher Geschwindigkeit, fege auf einem fliegenden Teppich an den Weingärten vorbei, die ketne gewöhnlichen Weingärten mehr waren, sondern lodernde Zeilen in prächtigen Farben. Er schien in Zeit und Raum zu treiben, und als er im Hof von La Villette atikam, hatte r das Gefühl, er sei auf den Schwingen einer geheimnisvollen Kutsche hereingetragen worden " Von vielen ähnlichen Städtchen des Midi unterscheidet sich Pont Saint Esprit, wo sich diese merkwürdigen Ereignisse im Hochsommer des Jahres 1951 zugetragen haben, vor allem dadurch, daß es nicht nur in Reiseführern erwähnt wird, die von alten Gemäuern und ihren berühmten Gästen, von brennender Sonne und schattigen BoulespiMtzen, von schwerem Wein und Salade Nijoise schwärmen; Pont Saint Esprit ist Handlungsort eines Romans, Drehpunkt einer Reportage von John G. Füllers mit dem Titel Apokalypse 51 — Moderne Medizin im Kampf um eine kranke Stadt" (Gustav Lübbe Verlag, Bergsch Gkdbach 1969).

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Aber Pont Saint Esprit ist auch in die wissenschaftliche Literatur eingegangen, toxikologische Arbeiten erwähnen es mit jener kühlen Distanz, die objektive Forschungsberichte angeblich auszeichnet (und die John G. Füllers nicht weniger objektivem Bericht, dem die Passagen am Anfang entnommen sind, glücklicherweise abgeht). PontSaint Esprit gelangte schließlich auch auf die. Nachrichtenseiten deutscher Tageszeitungen. Das Hamburger Abendblatt berichtete am Point Saint Esprit (Südfrankreich) sind nach dem Genuß von Brot schwer erkrankt und zeigen Wahnsinnserscheinungen. Drei von ihnen sind schon gestorben (Das vierte Opfer wurde Joseph Moulin, der junge, stämmige Weinbauer ) „Aus über sechzig Familien werden Krankheitsfälle gemeldet. Die mysteriösen Erkrankungen haben Anlaß zu den wildesten Gerüchten gegeben, die Vermutung, Verbrecher hätten die Hand im Spiel, wird jedoch mit großen Vorbehalten behandelt " Zwei Tage darauf war in dieser Zeitung zu lesen: „Die Pariser bleiben in dichten Gruppen stehen, wenn die letzten Meldungen aus dem südfranzösischen Dorf Pont Saint Esprit über das Leuchtband des Kinos Rex laufen. Gestern meldeten sie das fünfte Todesopfer des Brotes, das verrückt macht. Die Polizei und die Gesundheitsbehörden sind der Lösung der rätselhaften Vergiftungen unermüdlich auf der Spur. 27 (Personen) befinden sich noch mit Geistesstörungen im Krankenhaus. Mehrere Selbstmordversuche sind verhindert worden " Und: ,Der Generalinspekteur des französischen Gesundheitsministeriums hat sich mit mehreren Kriminalbeamten in die südfranzösische Landstadt Pont Saint Esprit begeben. 200 Personen zeigten nach dem Genuß von Brot Wahnsinnserscheinungen " Am nächsten Tag schrieb die „Welt": „Das Geheimnis des Brotes, das tötet und wahnsinnig macht, ist gelöst. Nach dem Befund von Professor Olivier vom Polizeilaboratorium in Marseille sind die Massenerkrankungen einwandfrei auf die Verunreinigung von Brotmehl durch Mutterkorn zurückzuführen " So einfach, wie die Zeitungen Ende August 1931 meinten, war das Grauenhafte, der Wahnsinn, der fast ein ganzes Städtchen befallen hatte, freilich nicht zu erklären. Um solche Wirkungen auszulösen, hätte das Mutterkorn die Brote grau färben müssen, doch eine so hohe Dosis hätte das Brot ungenießbar gemacht.

Allerdings — und obwohl sich die Recherchen der Polizei und die Ermittlungen der Gerichte noch jahrelang auf diese wissenschaftlich unhaltbare Theorie kaprizierten — gab es auch keinen Hinweis darauf, daß irgendein Pflanzenschutzmittel die Katastrophe ausgelöst hätte, ganz zu schweigen von verunreinigtem Wasser. Was also war die wirkliche Ursache? Am 22. April 1943 war der Pharmakologe Dr. A, Hof mann — wie seit langem — damit beschäftigt, für die Firma Sandoz neue Derivate der Lysergsäure, des Hauptbestandteils der Mutterkornalkaloide, herzustellen. Hofmann hatte dabei Spuren eines der Derivate an seine Lippen gebracht und anschließend die merkwürdigsten psychischen Veränderungen an sich beobachtet, Dieser Zufall führte an diesem Tag zur Entdeckung eines der (in zu hohen Dosen) gefährlichsten Gifte und eines der beliebtesten Halluzinogene unserer Zeit: Lysergsäurediäthylamid — LSD 25 —, ein färb- und geschmackloses, nach ganz kurzer Zeit nicht mehr nachweisbares, in minimalsten Dosen jedoch schon hochwirksames Gift war gefunden.

Konnte LSD 25, das bei Hofmann Symptome erzeugt hatte, die denen der leichter Vergifteten von Pont Saint Esprit äußerst ähnlich waren, das Städtchen in Wahnsinn gestürzt haben? Im Vordergrund standen bei der akuten Brotvergiftung von Pont Saint Esprit „in der ersten Phase (zweiter bis fünfter Tag) vegetative Störungen mit Durchfällen, Hypotonie (Blutdruckerniedrigung), Hypothermie (Untertemperatur)j Mydriasis (Pupillenerweiterung), Schluckbeschwerden und brennendes Gefühl im MagenDarm Kanal. Es folgte dann, nach einer vorübergehenden leichten Besserung (fünfter bis siebenter Tag), eine dritte Phase vorwiegend psychischer Störungen und mit in einem sehr hohen Prozentsatz auftretenden Psychosen. Wahrscheinlich hat es sich hier um ein noch unbekanntes Gift aus der Alkaloidreihe gehandelt. Die psychischen Veränderungen erinnern an die Vergiftungserscheinungen durch die Lysergsäure, nur klingen dort die Vergiftungssymptome sehr rasch ab, während sie hier Wochen und Monate bestehen blieben. Chemisch konnten keine Mutterkornalkaloide gefunden werden (S. Moeschlin, Klinik und Therapie der Vergiftungen, Stuttgart 1959 ) fr Daß Hofmann bei seinen Untersuchungen der wenigen ihm zur Verfügung gestellten Brot- und Mehlreste keine LSD Spuren entdecken konnte, ist freilich nicht verwunderlich. Acht Jahre nach seiner Entdeckung waren seine Forschungsergebnisse noch nahezu unbekannt, und als er sich schließlich selbst an die behandelnden Ärzte — besser: an die Ärzte, die sich um die Diagnose und die Verhütung von Selbstverstümmelungen, Selbstmorden und anderen gefährlichen Affekthandlungen bemühten — wandte, war es viel zu spät, um LSD noch nachweisen zu können. Gerade dies hätte den Verdacht auf LSD, da dieser Stoff so schnell zerfällt, als Ursache stärken können — von den verantwortlichen Behörden wurde diese Theorie jedoch unbesehen abgelehnt. Aber das Verhalten der verschiedenen beteiligten Institutionen — des französischen Mehlmonopols, der Verteilerstellen, der Ermittlungsbeamten und der Gerichte — war ohnedies nicht angetan, Vertrauen in ihre Vernunft, ihr Interesse an der Aufklärung der Ereignisse und ihr Bemühen um eine gerechte Entschädigung der Opfer zu wecken. Erst neun Jahre nach der Katastrophe erging das endgültige Urteil in den Schadensersatzklagen der „Gemeinschaft zur Verteidigung der Opfer des Brotes von Pont SaintEsprit".

 
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